Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-02-06 · 6 (6.2.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
6 (6.2.1931)
Date
1931-02-06
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9176158--11484-9083555
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 6 6. Februar 1951 18. Jahrgang Geber und Nehmer In dieser schweren Zeit, in der der jüdischen Gemeinschaft in höherem Grade als sonst Aufgaben verschiedenster Art als dringlich und unaufschiebbar erscheinen sollten, ist es die Pflicht jedes Juden mit Verantwortungsgefühl, an die Front des jüdischen Lebens zu gehen, um angesichts der dringenden Nöte mitzuwirken. Aus diesem Grunde machen jetzt viele Menschen den Versuch, die Volksgenossen, die ein gütiges Schicksal vorläufig noch davon verschont hat, in eine ungewisse Zukunft zu blicken, an ihre Pflicht gegenüber der eigenen Gemeinschaft zu mahnen. Nun ist es bezeichnend —■ nicht nur für den jüdischen Einzelmenschen, sondern auch für den Nichtjuden in vielleicht noch höherem Grade —, daß er jetzt im Kampfe des Alltags wenig Muße aufzubringen fähig ist, sich die Zusammenhänge klar zu machen, die ihn an seine Schicksalsgemeinschaft binden. Diese Erscheinung ist insbesondere in Deutschland zu beobachten. Als im Jahre 1914 der Weltkrieg ausbrach, gab es in England eine Menge Personen, nicht nur führende Gestalten, sondern auch Männer „on the Street“, die freiwillig einen großen Teil ihres Vermögens dem Schatzamte der englischen Regierung zur Verfügung stellten, weil diese Menschen dartun wollten, daß die große Sorge der Gemeinschaft auch ihre persönliche Sorge ist, und daß sie nicht nur den Teil leisten wollen, der auf sie kraft des Gesetzes und der behördlichen Verfügung entfällt, sondern darüber hinaus noch einen Beitrag, der ihrer höheren Einsicht in die Verbundenheit des Einzelnen mit der Gemeinschaft entspricht. Es ist fraglich, ob ähnliche Beispiele auch aus anderen Ländern für jene Zeit erwähnt werden können. Auch bei der jüdischen Gemeinschaft wurde früher die Schicksalsverbundenheit mit den Volksgenossen in der ganzen Welt stärker empfunden als bei anderen Gemeinschaften, und noch heute ist auf Grund der jüdischen Tradition die Verpflichtung, freiwillig zu helfen, bei den Juden reger als bei anderen Völkern. Aber diese im allgemeinen bei den Juden stärker ausgeprägte Eigenschaft, in der Abwehr drohender Gefahren zusammenzustehen, ist auch nicht in allen Ländern, wo Juden in größerer Zahl siedeln, gleich. Sie tritt schärfer oder schwächer in Erscheinung, je nachdem es in einem bestimmten Lande oder einem bestimmten Orte eine stärker oder schwächer ausgeprägte jüdische Meinung, ein stärkeres oder schwächeres jüdisches Gemeinschaftsleben, ein lebendigeres oder schwächeres jüdisches Milieu gibt. Dementsprechend findet man in Ländern, in denen die Wirtschaftslage der Juden sehr schlecht, aber noch ein lebendiges Gemeingefühl vorhanden ist, eine höhere Opferfreudigkeit für jüdische Volkszwecke als in anderen Ländern, in denen trotz der allgemeinen Wirtschaftskrise die objektiven Möglichkeiten für die Aufbringung größerer Summen zu allgemeinen Volkszwecken größer sind. Die Situation des Aufbauwerkes in Palästina, jener gigantischen Aufgabe, welche in der gegenwärtig lebenden jüdischen Generation und nicht nur für diese, sondern auch für die Generationen, die nach ihr folgen werden, Zentralaufgabe zur Garantierung des jüdischen Volksbestandes sein sollte, erheischt gerade in dieser Zeit der gespannten politischen Lage besondere Aufmerksamkeit. Das jüdische Volk hat in denletzten Jahren trotz unzweifelhafter Erfolge in der ganzen Welt — Erlangung der Gleichberechtigung in den ganzen Kulturländern, zum erstenmal in der Diasporageschichte, die Erreichung der Anerkennung des jüdischen Rechtes auf ein nationales Heim — Gelegenheit gehabt zu erkennen, daß der wesentliche Faktor bei der Durchsetzung seiner Ansprüche und bei der wirklichen inneren und äußeren Befreiung die jüdische Selbsthilfe ist. Keine politische Konstellation und kein Volk der Welt, auch das mächtigste nicht, sind imstande, bzw. ernstlich gewillt, den Juden radikal zu helfen. Das vermögen sie nur allein. Diese in den Anfängen des Zionismus ausgesprochene Erkenntnis ist wahr geblieben bis auf den heutigen Tag. Auch heute hängt die Hauptsache von den Juden selbst ab. Das gilt für alle in Frage kommenden politischen Aktionen in allen Ländern der Welt; das gilt für alle Hilfsarbeiten, die im Interesse der jüdischen Gesamtheit unternommen werden, und das gilt natürlich auch für den Palästinaaufbau. Wir haben in den letzten Monaten durch die Veröffentlichung des Weißbuches, das eine veränderte ungünstige Politik der britischen Mandatarmacht in Palästina ankündigte, eine große Erschütterung erfahren, aber auch eine heilsame Ernüchterung erlebt. Es ist denkbar und wahrscheinlich, daß die britische Regierung zu einer Revision ihrer im Weißbuch eingenommenen Haltung gelangen wird. Gesetzt den Fall, daß diese Wandlung eintreten sollte —■ was wäre dann damit gewonnen? Werden denn dadurch die Notwendigkeiten des Palästinaaufbaues verringert sein? Werden die Bedürfnisse bei der Fortführung des Werkes kleiner werden? Wird denn der Zwang, das Bestehende, wenn es auch jetzt infolge der ungünstigen Wirtschaftslage in der Welt nicht vergrößert werden kann, in dem bisherigen Umfange aufrecht erhalten, fortfallen? Werden wir dann der Notwendigkeit entbunden sein, von unserer Seite aus das Zentralproblem des jüdischen Aufbaues, die Schaffung erträglicher Beziehungen zu den Arabern, zu lösen sein? Ohne Rücksicht auf die politische Lage bleibt der Bedarf bei der Finanzierung des Aufbauwerkes bestehen. Er wird in der Aufbringung der freiwilligen Leistungen wesentlich erschwert durch eine ungünstige Situation, er wird erleichtert durch eine günstige Konstellation. Die Aufbringung als solche aber bleibt ein hartes Muß, unbekümmert um die jeweilige politische Lage. Diese Überlegungen sind es, welche Menschen, die sonst den direkten Sammel- und Werbegeschäften fern standen, veranlassen, auf sich die Last dieser in der vordersten Front notwendigen Arbeit zu übernehmen. Bei dieser Gelegenheit kann man in Deutschland verschiedene Erfahrungen machen. Die Zersetzungserscheinungen in der jüdischen Gemeinschaft sind außerordentlich weit gediehen. Trotz der inner-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.