Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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76 Das Jüdische Echo Nr. 5 menschlich-historischen Kräfte wie die politisch-aktuellen Fragen unserer Bewegung mit. Der Zionismus ist ihm der historische Versuch, die über alle Welt zerstreuten und verfolgten jüdischen Massen zusammenzufassen und ihr Leben zu erneuern. Gewaltige Kräfte müssen am Werke sein, um den Abgrund, der zwischen der jüdischen Gegenwart in der Galuth und der notwendigen Zukunft der Erneuerung klafft, zu überbrücken. Starke Mächte müssen auf der Wacht sein, um die jüdische Revolution nicht erlöschen zu lassen. Vandervelde sieht drei Kräfte, die das zionistische Werk tragen: Einmal die unerträgliche Lage der Juden in den Ländern Osteuropas, dann die außerordentlich starke Stoßkraft der internationalen Solidarität des Judentums und schließlich das zionistische Ideal selbst, das Tausenden von Menschen zu äußerstem Opferwillen fortreißt und ihnen jene beschwingende Kraft verleiht, durch die sie allein der unendlichen Schwierigkeiten Herr werden. Vandervelde glaubt an die ethische Kraft und an die Gerechtigkeit des zionistischen Werkes. Er weist die verschiedenen Verleumdungen zurück, die Verleumdungen der Bolschewisten, der „Bundisten“ und der arabischen Effendis, die plötzlich für den armen Fellachen großes Erbarmen spüren, den sie rücksichtslos ausbeuten. Vandervelde sicht Ain Charod , die große Kwuzah, Gewa, die kleine Siedlung, und Kfar Jecheskel, den Moschaw owdim. Vandervelde glaubt, daß die drei verschiedenen Siedlungstypen auch verschiedene Menschentypen erzeugen, „deren verschiedenartige Mentalität und Psychologie schon auf den ersten Blick ins Auge fällt. Von Kfar Jecheskel führt das Auto Vandervelde über das Ruthenbergwerk, „der großen technischen Idee des Zionismus“, nach der ältesten kommunistischen Kolonie im Lande, nach Daganiah. Die privatkapitalistischen Kolonien in Judäa werden von ihm besucht und in Tel-Awiw lernt er im Gespräch mit dem führenden Genossen die Institutionen der Histadruth kennen und erfährt manch Wesentliches über die nationalen Fonds und die Institution des Jischuw, den Waad Leumi. Über all das sagt Vandervelde Worte, die von einem für den Gast nicht gewöhnlichen Eindringen in das Schaffen Palästinas zeugen. Dank dem freien Urteil, das Vandervelde in allen 'Feilen seiner Schrift dem Gesehenen gegenüber beweist, wird sein Buch weitere Kreise, vor allem wohl des nichtjüdischen Sozialismus, zum Verständis des Palästina-Aufbauwerks bringen, und ihm neue Helfer werben, deren es gerade in dieser Zeit, mehr denn je, bedarf. M. D. Vorlesung Karl Wolfskehl Am 22. Januar las Karl Wolfskehl im Rahmen der Lehrkurse der Kultusgemeinde sein Drama „S a u 1“. In kurzen Einleitungsworten erklärte er seine Stellung zum Helden seines Dramas, den er als die „heroische Gestalt“ der Bibel empfindet. Er sieht in ihm den Menschen, groß und gewaltig und doch gespalten im Innersten; den Menschen mit tragischem Schicksal, der aber gerade in tiefster Not zum höchsten Heldentum emporwächst. Diesen „Saul“ spiegelt das Drama. Wolfskehl läßt nur drei Personen auftreten — Saul, David und den Priester; — diesen ganz ohne Namen; denn wenn der Priester auch selbstverständlich Samuel ist, so ist er doch hinausgehoben über jede Einzelpersönlichkeit — er ist die Stimme, das Sprachrohr Gottes. — Durch diese Beschränkung auf die drei Gestalten fällt alles Zeitliche, Geschichtliche ab und das Geschehen wird zum Symbol. Der Herrscher, der so erfüllt ist von seiner Herrschergewalt, daß er den eigenen Sohn, der sein, eines Menschen Gebot verletzt, ohne Zögern zum lode verurteilt, er erkennt niemandes Gebot an über sich. Der Priester, der nicht Menschen Macht noch Größe kennt, der nur Gottes Stimme in sich hört — er muß den Helden selbst am Tage des Sieges verdammen; denn dieser hat gewagt, Gottes Wort zu beugen. — Und David — der Knabe — mit kindlicher Liebe für Saul; aber Saul ahnt in der vertrauenden Jugend, den der ihn verdrängen wird, den Helden, den Liebling Gottes, den, „der besser ist“ als er. — Das ganze Drama wird so zum Dialog. Wundervoll in der Sprache. Wundervoll der Abschied Sauls, der sein Ende schon weiß, von David, dessen Liebe ihm den Tod verklärt; ergreifend die Klage Davids über den von eigener Hand gefallenen König. Es waren nur wenige erschienen — aber diese wenigen haben wohl alle empfunden, daß ein wahrer Künstler zu ihnen gesprochen hat. Gemeinden- und Vereins-Echo Die Meinungen Dr. Holländers Der Central-Verein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens, Ortsgruppe München, bittet um Aufnahme folgender Mitteilung. „In Nr. 4 des „Jüdischen Echo“ vom 26. Januar 1931 wird über die letzte Mitgliederversammlung des Central-Vereins berichtet, in der Dr. Holländer ein Referat über „Die innere Wahrheit in der Arbeit des Central-Vereins“ erstattete. Es wird dabei bedauert, daß die Veranstaltungen des Central-Vereins „leider niemals so angekündigt werden, daß man wissen könnte, ob sie öffentlich sind und ob die Teilnahme von Gästen erwünscht ist oder nicht“. Diese Meinung ist unrichtig. Auf den anläßlich der erwähnten Versammlung verschickten Einladungskarten stand ausdrücklich der Vermerk, daß Gäste erwünscht sind. Die gleiche Antwort wurde seitens unseres Syndikus auf Anfrage mehreren zionistischen Herren mündlich gegeben. Es hätte also durchaus Gelegenheit bestanden, über Holländers Ansichten, die gewiß ein allgemeines Interesse finden, auch im „Jüdischen Echo“ sachgemäß zu referieren. Die Leser des „Echo“ wären dann nicht darauf angewiesen gewesen, über diese Ansichten nur ein „on dit“ zu hören, das dieselben völlig unrichtig wiedergibt. Herr Dr. Holländer hat die gegenwärtige Entwicklung in Deutschland selbstverständlich nicht als etwas Erwünschtes bezeichnet, sondern als eine Tatsache, die vom gesamten deutschen Judentum mit der größten Aufmerksamkeit beobachtet werden muß.“ * Wir haben loyalerweise dieser Mitteilung des Central-Vereins Raum gegeben und müßten es bedauern, die Ansichten Dr. Holländers unrichtig dargestellt zu haben. Zwar war in unserer kurzen Bemerkung keineswegs die Rede davon, daß Dr. Holländer die gegenwärtige Entwicklung in Deutschland als erwünscht bezeichnet habe — das trauen wir keinem deutschen Juden zu, geschweige denn einem Manne wie Dr. Holländer —, vielmehr wollten wir nur darauf verweisen, daß er die Möglich-