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Das jüdische Echo · 1931-01-30 · 5 (30.1.1931) · p. Seite 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
5 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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Nr 5 Das Jüdische Echo 75 gut gekleideter Fremder betrat den Laden und sagte etwas stockend: ,,Oh ik haben eine serr große Bitte an Ihnen!“ Und der alte Mond, der wußte, „was sich gehörte“, dienerte und „war gern zu Diensten“. Der Fremde erzählte, er komme aus England, wo nächstens irgendein Jubiläum der Königin gefeiert werde. Zu diesem Feste sollten große Prunkaufführungen siatlfinden, und man wolle die ganze Londoner Hofgesellschaft in historische Kostüme kleiden, so wie sie zur Zeit der Thronbesteigung der Königin Viktoria Mode gewesen seien. Unglücklicherweise aber sei es gar nicht möglich, die Stoffe, die man damals getragen habe, in England zu erhalten, denn Nanking und Schirling fabrizierte ja kein Mensch mehr. Da aber habe der Professor Max Müller, der dem Kronrat der Königin angehöre, dem Privat-Council — er war Wilhelm Müllers, des „Griechenmüllers“, Sohn und in Dessau geboren, einer der berühmtesten Sanskritforscher — erzählt, diese Stoffe würden noch von den hessischen Bauern getragen, die — wie auch heute noch — die Urvätertrachl bewahrt haben. Nach längeren Erkundungsreisen in der Gegend von Marburg, Treysa und Ziegenhain habe man nun in England erfahren, daß die Schwälmer Bauern ihre Stoffe bei Herrn Moritz Mond in der Obersten Gasse in Kassel kauften. Und nun habe man ihn — den berichtgebenden Fremden — nach Kassel gesandt, um alle diese so notwendigen Stoffe einzukaufen. Der alle Mond schüttelte den Kopf. Die Sache leuchtete ihm ein. „Aber“ — fuhr der Fremde fort — „es gibt da noch eine Vorbedingung zu erfüllen, bevor ich irgend etwas kaufen kann!“ Da es sich um eine „königliche Angelegenheit“ handle, müsse Herr Mond sich zu äußerster Verschwiegenheit verpflichten. Das sah der alte Herr natürlich ein und er verpflichtete sich durch Handschlag, keiner Menschenseele von der Sache zu erzählen. Dann verlangte der Fremde, das erste Stück Nanking zu sehen. Und als er es sah, erlebte der alte Herr Mond eine Szene, die er nie vergessen hat. Der Fremde beugte sich über den Stoff, besah und befühlte ihn. Immer größer wurden seine Augen, und dann flüsterte er, so leise, daß es der alte Mond eben grade noch hören konnte: „Aber das ist ja eine unerhörte Kostbarkeit! Unglaublich, unglaublich!“ Und dann sab der Fremde den alten Mond ganz zaghaft an und fragte: „Zehn Taler?“ Und der alte Mond erklärte, daß das Stück nur sechs Taler und drei Silbergroschen kostete. Der Fremde fragte nochmals: „Zehn Taler die Elle?“ Und wieder erklärte der Alle, daß das ganze Stück, fünfzig Ellen, wenig mehr als die Hälfte wert sei, worauf der Fremde erklärte, er kaufe für die Königin von England ein, und die lasse sich nichts schenken. Dieser Stoff sei so seilen, daß ein Preis von zehn Talern für die Elle angemessen und nicht überzahlt sei. Und da verkaufte der alte Mond dann, schließlich achselzuckend das ganze Stück Nanking zu diesem Preise. Aber der Fremde wollte mehr sehen. Seine Begeisterung wuchs mit jedem Stück. Er sah Schirling, dessen Kostbarkeit ihn zu Tränen rührte, und finden er unter keinen Umständen weniger als 181 Taler für die Elle zahlen wollte. Und als er allen Nanking und allen Schirling, den der alle Mond besaß, gekauft batte, ging es an die Kattune. Da waren es die Druckmusler, die den Fremden in Begeisterung versetzten und ihn die Preise für die Elle so treiben ließen, daß der alte Mond vom Erlös für jede Elle ein Stück hätte kaufen können. Und nach dem Kattun kam die Beiderwand daran, und der Flanell und Pikee und die Leinwand, und als der alte Mond sechs Tage lang solcher Art mit dem Fremden gehandelt hatte, war keine einzige Elle Stoff mehr am Lager, und der alte Herr Mond hatte, ohne daß er es wußte — denn zum Nachrechnen hatte ihm der Fremde keine Zeit gelassen —, für runde hunderttausend Taler Nanking und Schirling und Kattun und Beiderwand und Leinwand und Pikee und Flanell verkauft. Und dann bezahlte der Fremde und reiste ab mit all den Stoffballen, die er für die „Königin von England“ gekauft hatte. Am nächsten Tage erlebte der alte Mond noch ein blaues Wunder. Als er wieder Ware einkaufen wollte, erklärte der Kaltundrucker Engelhardt, er könne monatelang keinen Kattun liefern, denn gestern habe er sein ganzes Lager und dazu die Produktion der nächsten sechs Monate nach England verkauft. Und genau dasselbe erfuhr der alte Mond beim Nanking- Fabrikanten und beim Schirting-Fabrikanlen und bei den Beiderwandwebern; und so kam es, daß eiern halbes Jahr nichts tun konnte. Nach diesen sechs Monaten hatte er sieb daran gewöhnt, daß man mit achlundsiebzig Jahren auch als Rentner leben kann und nicht unbedingt hinter dem Ladentisch in der Obersten Gasse stehen muß. „Ja, und weil ich doch auch all die Fabrikanten auskaufen lassen mußte, um meinem Vater unmögmöglich zu machen, sein Lager wieder aufzufüllen, deshalb mußten drei Jahre lang alle Waisenkinder und alle Spittelweiber und die Insassen der Altersheime in ganz London diese abscheulichen Nanking-, Schirting- und Beiderwandkleider tragen, denn was sollte ich schließlich mit all dem Stoff anderes anfangen, als ihn den Londoner Wohltätigkeitsanstalten schenken“, schloß Dr. Ludwig Mond seinen Bericht; und der Kommerzienrat Rosenzweig und meine Großmutter und ich haben so gelacht, daß mir die Heiterkeit dieses Nachmittags von 1912 jetzt, wo ich die Dinge aus der Erinnerung niederschreibe, noch Fröhlichkeit erregt. Jetzt haben sie Dr. Ludwig Monds einzigen Sohn, Sir Alfred Moritz Mond, ersten Lord Melchett, begraben. Ich weiß dazu nichts Besseres und nichts Ergreifenderes zu erzählen, als diese Geschiöhte. Vielleich war Lord Melchett nur deshalb äußerlich so unliebenswürdig und zurückhaltend, weil er den keuschen Sinn seines Vaters und seines Großvaters geerbt hatte. Vielleicht war seine Grobheit nur die Maske, hinter die er die vornehme Bescheidenheit seiner Vorfahren flüchtete .. . Schaffendes Palästina Von Emile Vandervelde. Carl Reißner-Verlag, Dresden Der bekannte Sozialist Emile Vandervelde besuchte vor einiger Zeit Palästina. Das jetzt bei Reißner erschienene Buch ist ein Niederschlag der Eindrücke, die Vandervelde damals empfing. Das Buch zerfällt in drei Teile: Reiseaufzeichnungen, Betrachtungen über den Zionismus und schließlich ein Kapitel über das Wohlfahrtswesen im jüdischen Palästina. (Das letztere von der Frau des Verfassers geschrieben.) Vandervelde bringt viel Verständnis für die Nächste Woche Büchsenleerung! Jüdischer Nationalfonds München

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