Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Das Jüdische Echo 69 intensiver widmen, als es eine Behörde tun kann. Es ist zweifelhaft, ob es eine spezifische jüdische Wirtschaftsnot gibt. Es sollen zwar vielfach Juden bei der Vergebung von Stellen benachteiligt werden. Andererseits gibt es auch Betriebe, die Juden bei der Anstellung bevorzugen. Es ist natürlich Aufgabe der jüdischen Gemeinde, ihre Mitglieder wirtschaftlich zu stützen, wie es ja auch die Kirchen tun. Klee: Die Existenz einer spezifischen jüdischen Wirtschaftsnot steht außer Frage. Es gab spezifisch jüdische Branchen, wie die Metall- oder die Konfektionsbranche, in denen vorwiegend jüdische Unternehmer und jüdische Angestellte tätig waren. Die Notlage gerade dieser Branchen hat eine Unzahl jüdischer Menschen ihrer Existenz beraubt. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen muß eine Großgemeinde hier eingreifen. Sie muß Sorge tragen, daß der durch die Wirtschaftsnot zermürbte Jude im eigenen Kreise, im jüdischen Milieu, seelischen Halt und geistige Erhebung finde. Wir sind seinerzeit für die Errichtung eines Ledigenheims eingetreten, um vereinsamten jüdischen Men sehen eine Heimstätte der Seele im jüdischen Milieu zu schaffen. Stern: Über Fragen, die sich um ein Schlagwort, wie jüdisches Milieu, gruppieren, wird man rasch einig, wenn man sich über die Bedeutung des Schlagwortes selbst einig ist. Wir haben seinerzeit die Errichtung des Ledigenheims abgelehnt, weil sie sich teurer gestellt hätte als die Unterbringung in Privatwohnungen. Wir befürchteten aber auch, daß ein Settlement, das Juden über den Rahmen religiösen Lebens hinaus — dieses im weitesten Sinne genommen — zusammenhält, zu einer zu starken Absonderung von der nicht jüdischen Umgebung führen könnte. Klee: Bekämpfung der Tendenz zur Schaffung jüdischen Milieus wäre heute reaktionär. Seit 30 Jahren bestehen jüdische Logen, obwohl es immer allgemeine Logen gegeben hat, in denen Juden Aufnahme fanden. Der Central-Verein wurde als rein jüdische Organisation gegründet, obwohl es den interkonfessionellen Verein zur Abwehr des Antisemitismus gab. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten ist entstanden, obwohl es auch heute Kriegervereine gibt, die Juden aufnehmen. Man mag Annäherung an die nichtjüdische Bevölkerung aus politischen Gründen anstreben. Aufgabe einer jüdischen Gemeinde aber kann es nur sein, das Judentum zu erhalten. Stern: Der Central-Verein wurde geschaffen, weil zur wirksamen Abwehr des Antisemitismus ein gewisser jüdischer Fundus notwendig ist. Nur wer die jüdische Geschichte als seine eigene erlebt und die jüdische Zukunft als seine eigene Zukunft empfindet, kann den Antisemitismus wirksam bekämpfen. Der Frontbund ist weniger Gemeinschaft als Zweckverband. Die Errichtung eigener jüdischer Logen war notwendig, weil die preußische Landesloge seinerzeit auf christlicher Grundlage gegründet wurde. Klee: Jener jüdische Fundus, den Sie als notwendig zur wirksamen Abwehr erkannt haben, ist auch Voraussetzung für jüdische Arbeit auf anderen Gebieten. Die Gemeinde soll alle Ansätze stützen, die ohne Chauvinismus und Absonderungstendenz auf Erhaltung jüdischer Art und jüdischen Wissens hinzielen. So muß auch die Gemeinde Eltern, die ihre Kinder in einer jüdischen Schule erziehen zu lassen wünschen, die Möglichkeit hierzu geben. Stern: Die Errichtung jüdischer Schulen ist nicht Aufgabe der Gemeinde, sondern Aufgabe von Staat und Kommune. Eine jüdische Schule kann nicht wirkliche jüdische Bildung geben. Dazu ist nur das jüdische Haus imstande. Die Errichtung jüdischer Schulen durch die Gemeinde lehne ich ebenso wie ihre Beteiligung an der Palästinaarbeit prinzipiell ab, weil die Gemeinde nur jene Aufgaben erfüllen soll, die den Bedürfnissen aller Mitglieder entsprechen. Von der jüdischen Idee ausgehend, den Gedanken des Judentums in die WelJ zu tragen, bin ich gegen die Isolierung des jüdischen Kindes von seiner nichtjüdischen Umgebung. Klee: Um den jüdischen Gedanken propagieren zu können, muß man erst Volljuden erziehen. Stern: Vielleicht wäre ein Unterricht für Eltern wichtiger als ein solcher für Kinder. Im Anschluß an die Synagoge müßte Eltern, die ihren Kindern ein jüdisches Heim schaffen wollen, Anschauungsunterricht darin erteilt werden, wie etwa ein Freitagabend oder ein Sederabend herzurichten ist. Klee: Das wäre zu wenig. Die jüdische Gemeinde muß helfen, volljüdische Menschen heranzubilden, die sich mit der Kette der Geschlechter vor ihnen und der jüdischen Gemeinschaft in der ganzen Welt verbunden fühlen. Das Abbröckeln des Judentums muß verhindert werden. Nur Nachkomme sein ist klein. Ob man Vorfahre ist, kann man nicht wissen, man soll aber doch so arbeiten, daß man Vorfahre sein kann. Stern: Gerade weil wir Vorfahren sein wollen, müssen wir trachten, dem jüdischen Kind jüdische Eindrücke zu vermitteln, solange es noch fähig ist, sie aufzunehmen. Wichtig ist Gemeinschaftsgefühl als solches, ob es aus nationalen oder religiösen Impulsen entsteht, ist nebensächlich. Im weiteren Verlauf der Diskussion wies Dr. Klee auf die Kraftquelle hin, die das in Palästina entstehende neue organische jüdische Leben für eine jüdische Gemeinde bedeuten kann und auf die Möglichkeit der Verlebendigung des Gottesdienstes durch die von Palästina ausgehende Erneuerung des Hebräischen. R.-A. Stern bedauerte, daß dem liberalen Judentum durch die von nationaler Seite erhobene Forderung, Palästina als das nationale Zentrum des jüdischen Volkes anzuerkennen, die Beteiligung am Palästinawerk unmöglich gemacht wurde. Schließlich setzten sich beide Redner für eine stärkere Heranziehung der einzelnen Mitglieder zur Gemeindearbeit ein. In diesem Zusammenhang forderte Dr. Klee die Errichtung kleiner Synagogen, die gleichzeitig soziale Zentren darstellen sollen. Volle Übereinstimmung herrschte auch zwischen beiden Rednern in der Forderung nach gleichmäßiger Berücksichtigung der Bedürfnisse aller religiösen Richtungen innerhalb der Gemeinden. R.-A. Heinrich Stern schloß die Aussprache mit folgenden Worten: Wir wollen optimistisch schließen. Sie haben von einem Abbröckeln des Judentums gesprochen. Ich kann sagen, daß der Höhepunkt der Krise überwunden ist und daß auch schon wieder aufgemauert wird. Die Gemeinde hat die Aufgabe, das Judentum zu einem lebendigen Faktor im Leben zu machen. Wenn es uns gelingt, die Lehren der Väter zu einem Gut des Tages zu machen, dann werden sich viele scheinbar Indifferente wieder dem Judentum zuwenden. Unsere Jugend bietet uns die Gewähr dafür, daß dieses Ziel erreicht werden wird. Ein überaus zahlreiches Auditorium, unter dem man viele Rabbiner und Lehrer bemerkte, folgte den Ausführungen der beiden Redner mit ge-