Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 5 (30.1.1931)
- Date
- 1931-01-30
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Das Jüdische Echo Nr. 5 in der gesanitjüdischen Gemeinschaft in Deutschland den bequemsten, weil schwächsten Angriffspunkt. Die Judenlieit in ihrer Gesamtheit ist von der wirtschaftlichen Deroute und von der politischen Animosität betroffen. Das sollte der Ausgangspunkt aller Aktionen sein, die von jüdischer Seite zur Abwehr der drohenden Gefahren unternommen werden. An der Logik dieser Erkenntnis kann keine noch so fein gesponnene Dialektik rütteln. Es wäre also anzunehmen, daß die Körperschaften öffentlichen Rechts, die alle Juden in Deutschland in sich schließen, es als ihre vornehmste Aufgabe betrachten, den Schutz der jüdischen Gesamtheit in jeder Hinsicht zu übernehmen. Wie und durch wen sie dann am wirksamsten diese Aufgabe erfüllen werden, ist eine Frage der Technik und der Organisation. In Wirklichkeit aber erleben wir in Deutschland, daß sich unter dem Druck der übermächtigen Gesinnungsorganisation des Central- Vereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens eine Situation herausgebildet hat, daß alle in Frage kommenden Körperschaften, die Gemeinden und Landesverbände, sowie die Arbeitsgemeinschaft des jüdischen Reichsverbandes, diese vornehmste Aufgabe der Repräsentierung der Judenlieit in politischer Hinsicht von sich weisen. Das geschieht, obwohl die Entwicklung zur Genüge dargetan hat, daß die bisherige Ideologie und die Arbeitsmethoden des Central-Vereins restlos versagt haben. Denn was kann noch den deutschen Juden schlimmeres passieren als dasjenige, was sich, gegenwärtig im politischen Leben Deutschlands offenbart? Sind *190 Antisemiten im deutschen Reichstage, wobei man, ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, sagen kann, daß noch überdies sehr viele Abgeordnete es weit von sich weisen werden, als Judenschützer zu erscheinen, noch immer nicht genug? Ist die Argumentierung des Central-Vereins, daß es vielleicht noch schlimmer gekommen wäre, wenn der Central- Verein nicht so „ruhmreich“ gearbeitet hätte, nicht ein kompletter Widersinn? Was kann denn noch schlimmer sein als der gegenwärtige Zustand? Wir verstehen, daß eine Organisation, welche seit Jahrzehnten existiert, welche einen großen Apparat aufgezogen hat, ein gewisses Eigenleben besitzt und sich weigert einzusehen, daß sie längst reif ist, von der jüdischen Bildfläche zu verschwinden. Wir begreifen also, daß die Führer und Macher des Central-Vereins unbelehrbar bleiben und unentwegt ihren alten Trott weitergehen wollen. Das ist ihre Lebensaufgabe, das verschafft ihnen Existenzberechtigung und Existenzmöglichkeit. Was unverständlich bleibt, ist die Tatsache, daß noch Zehntausende von deutschen Juden wie eh und je sich von dem faulen Zauber des Central- Vereins einfangen lassen und einem Gesinnungsverein stillschweigend die Legitimation geben, so zu tun, als ob er im Namen aller deutschen Juden, wenn auch nicht, wie die Resultate zeigen, zu ihrem Frommen handle. Der Central- Verein hätte sicherlich seine Berechtigung, wenn er nur die assimilationsbeflissenen deutschen Juden repräsentieren würde. Es gibt deren leider noch sehr viele. Wenn er aber mit dem Anspruch auftritt, die in Deutschland lebende Judenheit zu vertreten, so ist das ganz und gar ungerechtfertigt. Die Gefahren, welche die in Deutschland lebenden Juden bedrohen, richten sich gegen die jüdische Gesamtheit, ohne Rücksicht auf die politische Überzeugung und die Herkunft der einzelnen Juden. Es ist sozusagen ein überparteilicher Antisemitismus, der gegen die deutschen Juden wütet. Diesem überparteilichen Antisemitismus muß eine wirklich überparteiliche Abwehr entgegengestellt werden, wobei ununtersucht bleiben soll, welche Aussichten eine derartige Abwehr überhaupt haben kann. Das aber gehört auf ein anderes Feld. Wenn man angegriffen wird, muß man sich zur Wehr setzen. Abwehrarbeit ist also nötig. Wenn auch nicht als alleiniges jüdisches Prinzip, so als notwendige Maßnahme. Diese Maßnahme aber kann am wirksamsten und besten nur von einer Vertretung aller Juden durchgeführt werden. m. w. Die Aufgaben einer jüdischen Grofigemeinde Alfred Klee gegen Heinrich Stern Kontradiktorischer Abend der Freien jüdischen Volkshochschule Berlin, 20. Januar. (JTA.) Die Freie jüdische Volkshochschule zu Berlin eröffnete am Montag, den 19. Januar, die Reihe ihrer für Winter 1931 geplanten Veranstaltungen mit einem „kontradiktorischen Abend“, an dem die Herren Rechtsanwalt Heinrich Stern und Rechtsanwalt Dr. Alfred Klee in freier Wechselrede den Aufgabenkreis einer jüdischen Großgemeinde zur Darstellung brachten. Den Vorsitz in dieser Veranstaltung führte der Leiter der orientalischen Abteilung an der preußischen Staatsbibliothek Prof. Dr. Gotthold Weil, der in seiner Eröffnungsansprache die bisherige Arbeit und das künftige Programm der Freien jüdischen Volkshochschule skizzierte und auf die Bedeutung einer akademischen Erörterung des Aufgabenkreises einer jüdischen Großgemeinde durch die berufenen Vertreter der geistigen Hauptrichtungen des Berliner Judentums hinwies. Er erteilte zunächst das Wort Herrn Dr. Alfred Klee. Die erste und primäre Aufgabe einer jüdischen Großgemeinde, führte Dr. Klee aus, ist es, das Substrat alles jüdischen Wesens, den jüdischen Menschen, zu erhalten. Daß Säuglingspflege und Altersfürsorge eine der Hauptaufgaben einer jüdischen Gemeinde darstellen, steht wohl außer Diskussion. Wenn auch der Geist der Zedokoli, wie sie in früherer Zeit geübt wurde, heute noch maßgebend sein muß, hat sich doch die Form, in der sie geübt wird, gewandelt. Das neue große Problem unserer Tage ist das Wirtschaftsproblem. Die jüdische Gemeinde muß in der Erkenntnis, daß es eine spezifische jüdische Wirtschaftsnot gibt, zum Aufbau einer jüdischen Wirtschaftspolitik schreiten. Hierzu gehört die Errichtung von Arbeitsnachweisen, die Frage der Berufsumschichtung, die Stützung des jüdischen Selbsthilfewillens durch Darlehenskassen usw. Ist dieser Unterbau geschaffen, so kann auf ihm das Haus errichtet werden, das jüdisches Gemeinschaftsleben, jüdisches Wissen, jüdische Werte umschließt. R.-A. Heinrich Stern: Sie haben die Aufgabe einer jüdischen Gemeinde auf die heutigen Verhältnisse begrenzt. Auch früher waren soziale Aufgaben zu lösen. Aber damals gab es weniger Hilfsbedürftige und mehr Menschen, die selbst Hilfe gewähren konnten. Das soziale Problem wurde früher in einzelnen Kommissionen behandelt, heute befaßt sich das große Wohlfahrtsamt mit dem Gesamtkomplex dieser Aufgaben. Ob diese Unifizierung ein Segen war, steht dahin. Es wird Aufgabe der Gemeinde sein, die private Initiative in der sozialen Fürsorge wieder mehr anzuregen. Die private Institution, die sich einen bestimmten Aufgabenkreis gesetzt hat, wird sich ihren Arbeiten