Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-01-30 · 5 (30.1.1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
5 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9176157--11467-9083538
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Nummer 5 30. Januar 1931 18. Jahrgang Unbelehrbar und „unentwegt66 Hs bereitet kein Vergnügen, in Zeiten der schweren Weltwirtschaftskrise, unter der die jüdischen Gemeinschaften in allen Ländern am stärksten zu leiden haben, in Zeiten, da die Grenzen aller Einwanderungsländer in der ganzen Welt für Immigranten und insbesondere für Juden geschlossen sind, in Zeiten, da auch in Deutschland der größte 'Teil des einst wohlhabenden und für kulturelle Interessen so sehr empfänglichen jüdischen Mittelstandes einer unaufhaltsamen Pauperisierung entgegengeht, in die Arena des innerjüdischen Kampfes zu steigen. Aber da nach unserer Auffassung die gegenwärtige Situation nicht nur ein Schwanken einer im übrigen befriedigenden Lage bedeutet, sondern eine prinzipielle Umgestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse und damit auch des auf der Wirtschaft errichteten soziologischen Gebäudes ist, wäre es verfehlt, an Ereignissen stumpf vorüberzugehen, die sich vor unseren Augen abspielen. Die Entwicklung der politischen Verhältnisse im Deutschen Reiche hat eine Wendung genommen, die sowohl für die gesamte Bevölkerung des Landes im allgemeinen, wie auch für die Juden im besonderen von einschneidender Bedeutung ist. Vergebens ringt das deutsche Volk nach einer Neugestaltung seines Aufbaus, nach einem Ausgleich der in ihm tobenden Gegensätze. Mit dem deutschen Volke zusammen ist die jüdische Bevölkerung in diesem Widerstreite der Interessen Objekt und Subjekt zugleich. Darüber hinaus aber berührt diese Wandlung die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, da sie eine unterscheidbare, geschlossene Einheit bildet, in viel stärkerem Grade als den übrigen Teil der Bevölkerung. Es ist schon mehrfach von Kennern der Wirtschaft hingewiesen worden, daß es sich bei der jüdischen Bevölkerung in dem aufregenden Wirtschaftsprozesse, der sich in der ganzen Welt und in Deutschland abspielt, nicht nur um eine Umschichtung, sondern um eine Aussto ß u n g handelt. Hand in Hand mit dieser wirtschaftlichen Ausstoßung geht eine gesellschaftliche Verdrängung, die sich ihre Ideologie im Rassenantisemitismus geschaffen hat. Man weiß nicht recht, was das Primäre gewesen ist: der Rassenantisemitismus und der durch ihn hervorgerufene antijüdische Boykott, oder der allgemeine Wirtschaftsprozeß, der einen Großteil der von den Juden bevorzugten Berufe überflüssig machte und darum die Träger dieser Berufe als eine nutzlose, verabscheuungswürdige Belastung des deutschen Volkslebens erscheinen ließ. Man geht nicht fehl, wenn man in diesem Falle von einer Wechselwirkung spricht: Beide Momente haben mitgewirkt, um die Situation der deutschen Juden gleichzeitig unhaltbar zu machen: der gegen alles fremdartig Erscheinende immanente Gegensatz und die Entwicklung der Wirtschaft, die über zahlreiche jüdische Existenzen hinüberrollt, ohne den Juden aus vielfachen Gründen die Möglichkeit zu geben, unter Bewahrung ihrer jüdischen Eigenart, was bei ihnen ein natürliches Bestreben ist, Anschluß an und Eingang in die neuen Wirtschaftsformen zu finden. Es sind durch technischen Fortschritt, durch verfehlte Finanz- und Wirtschaftspolitik, durch Überspitzung der Kapitalskonzentration viele Hände in der ganzen Welt ohne Arbeit geblieben, d. h. überflüssig geworden. Darunter befinden sich, besonders in Deutschland mit seinen nahezu fünf Millionen Arbeitslosen, übermäßig viele jüdische Menschen, die leider nicht einmal in den Listen der Arbeitsämter als Arbeitsuchende geführt werden, weil sie nicht ehemals im Produktionsprozeß stehende und nunmehr abgebaute, sondern früher selbständig gewesene Menschen sind, die nicht mehr ihr Auskommen zu finden vermögen. Politisch ist die Situation der deutschen Judenlieit, wenn man sowohl die gegenwärtige Lage in einzelnen deutschen Ländern wie auch die Entwicklungsmöglichkeiten der Zukunft in Betracht zieht, alles andere als befriedigend, wiewohl die politische Situation, verglichen mit der wirtschaftlichen, noch immer Möglichkeiten und Hoffnungen für die Zukunft läßt. Momentan aber ist die politische Lage der deutschen Judenheit miserabel. Im Reichstag sitzen neben 107 blindwütigen Rasseantisemiten der nationalsozialistischen Partei 43 Deutschnationale, die auch Antisemiten sind, und überdies noch andere rechtsstehende Splitterparteien, deren Zahl insgesamt ungefähr 40 beträgt, also 190 Abgeordnete, die unter allen Umstände;! bereit sind, Maßnahmen gutzuheißen, auch wenn sie in erster Linie eine übermäßige Belastung und Bedrohung der deutschen Juden darstellen, somit ohne den Namen „Ausnahmegesetze“ zu tragen dennoch Ausnahmegesetze sind. Die raffinierte Gesetzgebung und Verwaltungstechnik nationalsozialistischer Politiker und Verwultungsbeamter findet schon Mittel und Wege, ohne das Gesetz zu verletzen, dennoch die Juden in schwerster Weise zu schädigen. Wenn z. B. in einzelnen Ländern befristete Aufenthaltsbewilligungen jüdischer Ausländer nicht verlängert werden, so ist das nicht ungesetzlich; aber unmenschlich und antisemitisch bleibt es doch. Wenn man für Textilwarenhäuser eine besonders hohe Umsatzsteuer beschließt, wie z. B. in Braunschweig, so ist das kein Ausnahmegesetz, trifft aber einzig und allein die Juden und schädigt sie in starkem Maße. Solche Möglichkeiten gibt es sehr viele, und wenn im Augenblick auch die Aussicht für die Nationalsozialisten nicht groß ist, Anteil an der Reichsregierung zu bekommen, so ist sie um so größer, in den einzelnen Ländern radikale Rasseantisemiten auf die wichtigsten Ministersessel zu setzen. Hierbei ist zu berücksichtigen, daß sich dieser Judenhaß in der Praxis gegen alle Juden, ohne Unterschied ihrer Herkunft richtet. Wenn in nationalsozialistischen Interviews besondere Hinweise auf die ausländischen Juden gemacht werden, so geschieht das aus zwei Gründen: Erstens sind seit Jahren die deutschen Judenhasser durch jüdis c h e S c h u 1 d auf die Unterschiedlichkeit von inländischen und ausländischen Juden hingewiesen worden, zweitens bilden die ausländischen Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.