Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 4 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Das Jüdische Echo 57 Thüringen verhindert die Einbürgerung jüdischer Ausländer in Preußen Berlin, 13. Januar, (JTA.) In einer Kleinen Anfrage im Lanlag halte der Abg. Nuschke (Staatspartei) darauf hingewiesen, daß trotz eines Landtagsbeschlusses, Ausländer nach zehnjährigem einwandfreien Aufenthalt in Deutschland einzubürgern, sich die Fälle häuften, in denen völlig einwandfreie Persönlichkeiten selbst nach einem Aufenthalt von zwanzig und mehr Jahren vergeblich auf die Einbürgerung warteten. Die zuständige preußische Stelle habe den Bescheid erteilt, nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913 hätten die Länder die Möglichkeit, Einbürgerungen zu widersprechen, über die der Reichsrat zu entscheiden habe. Von dieser Möglichkeit habe nur ein einziges Land Gebrauch gemacht, eine Entscheidung des Reichsrates habe aber noch nicht herbeigeführt werden können. Die Anfrage sprach die Vermutung aus, es handele sich hierbei um Thüringen. In der Antwort des preußischen Innenministeriums heißt es, die preußische Regierung trage nach wie vor dem Landtagsbeschluß Rechnung und auch der Reichsinnenminister habe alle Landesregierungen um ein gleiches Vorgehen gebeten. Richtig sei, daß in den erwähnten Fällen nur Thüringen Einspruch erhoben habe. Mildes Urteil für nationalsozialistische Rowdies F r a n k f u r t a. M., 13. Januar. (JTA.) Ein Urteil, das hier wegen seiner Milde Aufsehen erregt, hat soeben ein Frankfurter Gericht gefällt. Angeklagt waren wegen schwerer Körperverletzung der Dekorateur Rudolf Bienmiiller und der Mitarbeiter eines nationalsozialistischen Skandalblaltes Wilhelm Wylinsky. Die Beiden befanden sich eines Abends auf einer Bierreise in Damengesellschaft. Auf dem Börneplalz fielen sie unter den Rufen: „Das sind ja Juden, die müssen abgeschlachtet werden!“ über zwei ruhig des Weges dahergehende Juden her. Bienmüller schlug einen derselben derartig ins- Genick, daß er zu Boden stürzte. Wylinsky versetzte dem wehrlos am Boden liegenden noch einen Kinnhaken. Auch der zweite Passant wurde schwer mißhandelt. Bei Eintreffen der Polizei flüchteten die Angreifer, konnten aber eingeholt und fcstgeslellt werden. Vor Gericht sagten die Überfallenen aus, daß die Angeklagten „Heil Hitler“ riefen und daß Wylinsky ein Messer zog. — Das Gericht erkannte — ungeachtet der in letzter Zeit sich häufenden derartigen Ge walttätigkeiten — auf je 20 RM. Geldstrafe gegen die Angeklagten. In der Begründung heißt es, daß die Tat zwar außerordentlich roh sei, daß man aber nicht übersehen dürfe, daß sich die Angeklagten nach reichlichem Alkoholgenuß in rauflustiger Stimmung befanden; deshalb seien je 20 RM. Geldstrafe eine ausreichende Sühne. Umbau des Gemeindehauses der Frankfurter Isr. Religionsgemeinde Frankfurt a. M., 13. Januar. (JTA.) Der längst erforderliche innere Umbau des Gemeindehauses der Israelitischen Gemeinde, des historischen vormaligen Bankgebäudes M. A. v. Rothschild & Söhne, Fahrgasse 146 (Ecke Börneslraße), soll in absehbarer Zeit erfolgen. — Es ist nicht ausgeschlossen, daß hierbei auch das Nebengebäude, Börnesiraße 54, ein alter Fach werkbau, umgebaut wird. Die Umbauprojekte schweben noch zur Zeit. Eine großzügige Schenkung der Frau Baronin Edmond de Rothschild in Paris ermöglicht es, ohne Inanspruchnahme von Gemeindemilteln die Pläne auszuführen. Zahlenmäßiger Rückgang der jüdischen Bevölkerung Württembergs Stuttgart, 5. Januar. (JTA.) Der Verband der Israelitischen Gemeinden Württembergs veröffentlicht eine statistische Übersicht über das religiöse Leben in den jüdischen Gemeinden Württembergs, der u. a. zu entnehmen ist, daß unter den Juden Württembergs im Jahre 1927 104 Geburten, 165 Sterbefälle, 13 Austritte aus dem Judentum und ein Übertritt zum Judentum zu verzeichnen waren. Im Jahre 1923 zählte man 83 Geburten, 149' Sterbefälle, 9 Austritte aus dem Judentum und 6 Übertritte zum Judentum. Im Jahre 1929' zählte man 101 Geburten, 152 Sterbefälle, 14 Austritte aus dem Judentum und 2 Übertritte zum Judentum. Unter 65 Eheschließungen im Jahre 1927 waren 15' Mischehen; unter 77 Eheschließungen im Jahre 1928 7 Mischehen; unter 72 Eheschließungen im Jahre 1929 waren 16 Mischehen. Nach den Mitteilungen des Amtsblattes der Evangelischen Landeskirche sind im Jahre 1928 10 Kinder aus evangelisch-jüdischen Mischehen geboren worden, von denen 6 evangelisch getauft wurden. Die Zahl der Kinder aus solchen Mischehen betrug im Jahre 1929: 12, von denen ebenfalls 6 getauft worden sind. Unter den evangelischen Konfirmanden waren 1928: 6 Kinder aus evangelisch-jüdischen Mischehen, diese Zahl hat sich 1929 auf 12i gesteigert. Das Gemeindeblatt der württembergischen irsraelü sehen Gemeinden schreibt: Wer sich mit der Statistik der Juden in Deutschland beschäftigt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich die deutsche Juclenheit in einem fortschreitenden Auflösungsprozeß befindet. Zum Nachlassen der religiösen Energie und zum wirtschaftlichen Verfall kommt der zahlenmäßige Rückgang. Hier helfen alle schönen Redensarten nicht: die Scheu vor der Ehe, die Geburtenbeschränkung, Mischehe und Abfall zehren am Lebensmark der Judenheit. Sein Bollwerk, der Mittelstand, ist ins Wanken geraten. Die wachsende Prolelarisierung der jüdischen Massen raubt ihm die Festigkeit und Schlagkraft. Der Brandstifter von Borscha, Pfarrer Berendei, verurteilt Sighet, 12. Januar. (JTA.) Der Pfarrer Berendei, auf dessen antisemitische Hetze die Brandstiftung in Borscha zurückzuführen ist, wurde wegen Beleidigung des ehemaligen Präfekten von Sighet, Juga, dem er vorgeworfen hatte, er sei von den Juden gekauft, zu einer Geldstrafe von 1500 Lei und dreijährigem Verlust der bürgerlichen Rechte verurteilt. Der Völkerbundsrat und das Palästinaproblem Genf, 18. Januar. (JTA.) Die Palästinafrage figuriert nicht auf der Tagesordnung der Tagung des Völkerbundsrates, die am Montag, dem 19. Januar, eröffnet wurde. Nur im Bericht über die letzte Tagung der Mandatskommission wird erwähnt, daß sich die Mandatskommission auf ihrer nächsten Tagung mit dem Weißbuch der englischen Regierung über die zukünftige Palästinaregierung befassen wird. Wie der JTA-Vertreler aus authentischer Quelle erfährt, beabsichtigt der britische Außenminister Arthur Henderson, der auf der gegenwärtigen Völkerbundratstagung den Vorsitz führt, nicht, im Verlaufe der Tagung irgendwelche Erklärungen über das Weißbuch abzugeben oder die Initiative zu einer Erörterung der damit in Zusammenhang stehenden Probleme zu ergreifen. Es ist zu erwarten, daß der jugoslawische Außenminister Marin-