Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 4 (23.1.1931)
- Date
- 1931-01-23
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Das Jüdische Echo Nr. 4 verheerendsten wirkte die Hetze auf die Schüler der Gunzenhausener Realschule. Dort wurden jüdische Lehrer von ihren Schülern geradezu bespitzelt und jede ihrer Äußerungen peinlich auf ihren etwa versteckten Sinn hin geprüft und untersucht. Typisch für die antisemitische Hetze an der dortigen Anstalt ist die gegen den jüdischen Neusprachenlehrer, Prof. Aaron Kurzmann, betriebene Hetze. Er examinierte in der sechsten Klasse eines Tages eine Pastorstochter im Englischen (die Klasse war von Schülern und Schülerinnen besucht). Das Mädchen stellte sich recht ungeschickt an, was den Professor zu der Äußerung bewog: „O du heiliges Lamm Gottes! Eriiher warst du doch noch etwas besser; aber jetzt scheint ein Schaf Gottes aus dir zu werden.“ Das war alles, keinem Menschen fiel es zunächst ein, sich hei dem Ausspruch des Professors etwas zu denken. Erst reichlich später kam einer der besonders verhetzten Schuljungen auf die Idee, sich noch nachträglich in seinem religiösen Empfinden verhetzt zu fühlen und die Sache gegen den gehaßten Juden auszuwerten. Die systematische Verhetzung der Schüler machte aus dem harmlosen Ausspruch des Professors ein Religionsverbrechen. Die kindliche Phantasie der halbreifen Knaben ersetzte das zu einem vollendeten Verbrechen noch Kehlende aus eigenen Stücken und einer der Buben (!!) verfaßte einen — Brandartikel im „Stürmer“. Da las man, der Lehrer habe gesagt, Christus sei das Schaf Gottes; damit habe der Lehrer bewiesen, daß in seinen Adern noch das gleiche Blut rinne, das vor 2000 Jahren dazu führte, Christus anzuspeien und ihn ans Kreuz zu nageln. Nun setzte ein regelrechtes Kesseltreiben gegen den jüdischen Lehrer der Gunzenhausener Realschule ein. Das Städtchen wurde mit ,,Stürmer“-Exemplaren bombardiert. Prof. Kurzmann wurde auf der Straße angepöbelt. Die „gebildeten“ Teile des Kleinstadtpöbels gebärdeten sich am tollsten. Bis endlich das Untersuchungsverfahren dem Spuk ein vorläufiges Ende setzte. Fast die ganze Schulklasse hatte sich zum Schwurgerichtstermin als Zeugen eingefunden. Man merkte, daß inzwischen eine gewisse Ernüchterung Platz gegriffen hat. Nicht ein einziger der 17'- bis 19jährigen inzwischen schulentlassenen Zeugen, wagte es, unter Eid zu behaupten, daß Kurzmann eine Äußerung über das „Schaf Gottes“ in Zusammenhang mit Christus, oder der Christenheit getan habe, auch der Artikelschreiber nicht. Dagegen erklärte die Hauptzeugin — eben jene Schülerin, an die der Ausspruch adressiert war — auf das bestimmteste, daß die Äußerung nicht zusammen mit dem Wort Christus gefallen sei. Die Folge war, daß der Wahrheitsbeweis des Angeklagten völlig in sich zusammenbrach. Der Staatsanwalt beantragt einen Monat Gefängnis; das Gericht war gnädiger und verkündete 150 RM. Geldstrafe. Aus der jüdischen Welt Preußischer Landesverband und Abwehrkampf Berlin, 16. Januar. (JTA.) Herr Dr. A. Sandler, Mitglied des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, teilt der JTA. mit: „Der offizielle Bericht über die am IE Januar stattgefundene Sitzung des Rates des Preußischen Landesverbandes gibt von der Behandlung des vorletzten (22.) Punktes der Tagesordnung folgende Darstellung: ,I)er von einem Provinzial- und Landesverbände gegebenen Anregung, den Preußischen Landesverband zur Übernahme des politischen Abwehrkampfes zu veranlassen und ihn um die Annahme und Ausführung eines solchen Auftrages zu bitten, wurde nicht entsprochen; es wurde vielmehr beschlossen, über diese Anregung zur Tagesordnung überzugehen.* Diese Fassung muß den Eindruck erwecken, als habe der Rat mit der Annahme des von mir gestellten Antrages auf Übergang zur Tagesordnung* seinen ablehnenden Standpunkt gegenüber jener Anregung zum Ausdruck bringen wollen. Welche Gründe mich zur Stellung des Antrages auf Übergang zur Tagesordnung in Wirklichkeit veranlaßt haben, ist von mir in der Ratssitzung deutlich zum Ausdruck gebracht worden. Die Übernahme des politischen Abwehrkampfes durch den Preußischen Landesverband, die übrigens von dem Provinzialverband Schleswig-Holstein, dem Landesverband der Hansastädte und anderen Provinzial- und Landesverbänden angeregt worden ist, stellt ein jüdischpolitisches Problem von solcher Tragweite dar, daß die Erörterung dieser Frage einer gründlichen Besprechung in einer besonderen Sitzung des neugewählten Rates Vorbehalten bleiben muß. Das drei Minuten lange Referat des Berichterstatters, gehalten in der letzten halben Stunde der neunstündigen, letzten Sitzung der abgelaufenen Session, schien mir keine angemessene Behandlung dieses wichtigen Gegenstandes zu sein. Ich beantragte daher Übergang zur Tagesordnung, um den Gegenstand für diese Session ad acta zu legen und um ihn in der neuen Session auf Grund eines neuen Antrages in einer der Bedeutung der Frage angemessenen Form zur Erörterung zu bringen.“ Professor Karl Ballod und der Zionismus Riga, 14. Januar. (JTA.) Der vor einigen Tagen im Aller von 65 Jahren verstorbene Nationalökonom Prof. Karl Ballod, der nach der Revolution eine bedeutende Rolle als Führer der Radikalen Demokraten in Deutschland gespielt hat, war ein hervorragender Kenner Palästinas und Förderer der zionistischen Bestrebungen. Prof. Ballod stand eine Zeit lang an der Spitze der Pro-Palästina-Bewegung in Deutschland. Es ist ihm gelungen, das Interesse weiter nicht jüdischer Kreise für den Zionismus wachzurufen. Er war wiederholt seihst in Palästina und hat das Land nach allen Richtungen hin durchforscht. Mit großem Nachdruck hat er auf Grund seiner Untersuchungen die Ansicht vertreten, daß Palästina bei entsprechender Intensivierung der Landwirtschaft für eine Bevölkerung von 6 Millionen Menschen Raum bietet. Regierungskrise und Wahlkampf in Thüringen um die Schächtfrage? Berlin, 15. Januar. (JTA.) Auf Betreiben der Nationalsozialisten legte die thüringische Regierung dem Landtag einen Entwurf eines Schächtverbotgesetzes vor. Der Entwurf ist bereits im Plenum und im Ausschuß in der ersten Lesung beraten worden. Wie heute aus Weimar telegraphiert wird, wollen der Landhund und die Wirisehaftspartei dem Gesetzentwurf ihre Zustimmung nicht gehen, weil verschiedene Berufszweige dadurch schwere wirtschaftliche Schädigungen befürchten. Auch die drei Industrie- und Handelskammern in Thüringen haben Bedenken zum Ausdruck gebracht. Alle sind gegen eine landesge.selzliche Regelung dieser Frage. Falls aber die bürgerlichen Parteien die Gesetzesvorlage ablehnen sollten, wollen die Nazis — so erklären sie — es zur Landtagsauflösung treiben.