Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-01-23 · 4 (23.1.1931) · p. Seite 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
4 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9176156--11454-9083525
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 4 Das Jüdische Echo 55 mission des Völkerbundes, neu in den Ehrenausschuß zu wählen. Sodann folgte ein mit großem Interesse aufgenommener Vortrag von Dr. Bileski über „Das Palästina-Mandat als völkerrechtliches und politisches Problem“ und ein zwangloses Beisammensein, in dessen Verlauf Graf Bernstorff und Kurt Blumenfeld (Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland) das Wort ergriffen. Würzburger Gemeindewahlen Die jüdischen Gemeindewahlen in Wiirzhurg, die am 25. Januar slattfinden sollten, wurden im Hinblick auf die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage durch ein Kompromiß aller Parteien vermieden. Die neue Verwaltung wird die verschiedenen Parteien in folgender Stärke vertreten sehen: Orthodoxe mit 8 Mandaten. Liberale mit 7 Mandaten. Milteipartei mit 2 Mandaten. „Ost jüdische Gemeinschaft (J ii d- V o 1 k s - partei)“ 1 Mandat. Zum erstenmal zieht also die Jüdische Volkspartei in die Gemeindestube ein. Sie wurde gegründet am 27. Dezember 1930. Am Gründungsabend schrieben sich sofort 93' Mitglieder ein; bis heute zählt sie 102 Mitglieder, womit nach Lage der Würzburger Verhältnisse der Höchststand noch nicht erreicht sein dürfte. Die Jüdische Volkspartei, deren Aufbau von der Zionistischen Ortsgruppe schon längere Zeit ins Auge gefaßt war, wurde zu einer unabweisbaren Notwendigkeit, infolge der Stellung zur Ostjudenfrage, die die Gemeindeverwaltung einnahm. Die Karenzzeit für die Ostjuden betrug bisher fünf Jahre für das passive Wahlrecht und fünf Jahre für das aktive Wahlrecht. Geändert wurde diese Bestimmung in einer im Dezember stattgefundenen Gemeindeversammlung durch Annahme eines von der Verwaltung einstimmig beschlossenen und der Versammlung vorgelegten Paragraphen, auf Grund dessen das aktive und passive Wahlrecht von den Osljuden nach drei Jahren erlangt werden kann. Da diese einstimmig von der Verwaltung beschlossene Bestimmung auch der bisher von der Ostjüdischen Gemeinschaft delegierte Vertreter mitbeschlossen halte, sah die Mehrheit der ostjüdischen Gruppe ihre Interessen durch ihren Vertreter nicht genügend gewahrt und beauftragte die Zionistische Ortsgruppe, hei der bevorstehenden Wahl ihre Rechte durchzusetzen. Der gegebene Weg war die Gründung der Jüdischen Volkspartei, da ein Anschluß an die bisherigen Parteien natürlich nicht mehr in Frage kam. Die Zionistische Ortsgruppe hatte schon in jener Gemeindeversammlung den Antrag eingebracht: Das passive und aktive Wahlrecht steht allen Mitgliedern der jüdischen Kultusgemeinde nach einjährigem Aufenthalt in Wiirzhurg zu. Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Die orthodoxe Vereinigung hatte ihren Mitgliedern die Abstimmung freigegeben, da innerhalb ihrer eigenen Reihen eine Opposition gegen die Beschränkung der Rechte der Ostjuden als unvereinbar mit dem jüdischen Gesetz, sich gebildet hatte. Trotzdem stimmte nur eine verschwindend kleine Anzahl für diesen Antrag. Die Opposition innerhalb der Orthodoxie erwies sich aber später als stark genug, um auf dem Wahlvorschlag der Orthodoxen Vereinigung Kandidaten an die Spitze zu bringen, die in diesen Fragen mit der Jüdischen Volkspartei Zusammengehen werden. Das erste Auftreten der Jüdischen Volkspartei schon vor ihrer juristischen Konstituierung zeigte also, daß ihre Wirkung weniger von der Zahl ihrer Mandate abhängt als von der Geschlossenheit ihres Programms und der Tragweite und Gerechtigkeit ihrer Forderungen, da dies alles notwendig eine starke Auseinandersetzung hei anderen Gruppen hervorrufen mußte. Bei dieser Sachlage war es vorauszusehen, daß die Anerkennung der Jüdischen Volkspartei als Rechtsnachfolgerin der bisherigen Ostjüdischen Gemeinschaft von seiten der Verwaltung auf keine Schwierigkeiten stieß, zumal, wie betont, heute ein Wahlkampf von niemand gewünscht wurde. Bei Nichtanerkennung hätte nach dem Gemeindestatut — wonach bei Auftreten einer neuen Partei gewählt werden muß — ein Wahlkampf stattfinden müssen. In der neuen Verwaltung wird die Jüdische Volkspartei von Herrn Heinrich Freudenberger vertreten; als Ersatzmann wurde Herr Alfred Wohl nominiert. Da ein Teil der nunmehr aufgelösten „Ostjüdischen Gemeinschaft“ gegen die Anerkennung der „Jüdischen Volkspartei“, als Rechtsnachfolgerin der „Ostj. G.“ protestierte, gleichzeitig aber erklärte, keinen eigenen Wahlvorschlag einreichen zu wollen, trägt die J.V. vorläufig, bis zur ersten Plenarsitzung, den Namen „O s t j ü d i s c h e Gemeinschaft (J ii d i s e he Volksparte i).“ Das Hakenkreuz ln der Realschulklasse Unter dieser Überschrift berichtet die „Münchener Post“ vom 14. Januar: Zwei Tage lang spielte vor dem Münchener Schwurgericht ein Prozeß gegen den verantwortlichen Herausgeber der Oberbayerischen Rundschau, eines jämmerlichen hakenkreuzlerischen Winkelblättchens, das vor Jahresfrist in der Umgebung Münchens ein wenigwöchiges kümmerliches Dasein führte. Der Fall lag ziemlich einfach: üble Nachrede und Beleidigung, begangen durch die Presse; aber er ist auch charakteristisch für die verheerende Wirkung der hakenkreuzlerischen Pressehetze vor allem auf die unreife Jugend. Der angeklagte Redakteur war erst in zweiter Linie schuldig; er hatte den beanstandeten Zeitungsartikel wörtlich aus dem Nürnberger antisemitischen Hetzblatt „Der Stürmer“ entnommen. Der gute Mann hält, wie er vor dem Richter aussagte, alles für bare Münze, was im „Stürmer“ steht. Damit weiß man über die geistigen Qualitäten dieses sonderbaren Redakteurs ziemlich genau Bescheid. Gegen die „Stürmer“-Redaktion wird der Prozeß erst später vor, dem Nürnberger Schwurgericht durchgeführt werden. Das fränkische Städtchen Gunzenhausen ist ziemlich von Juden bevölkert. Dort ist für die Haß- und Hetzapostel vom Hakenkreuz ein guter Agitationshoden. Es ist so einfach, der christlichen Bevölkerung weiszumachen, daß die Juden schuld seien an aller Not. Das enthebt sie des unbequemen Nachdenkens über die wahren Ursachen des Wirtscliaftselends. Selbstverständlich macht die antisemitische Hetze vor den Jugendlichen nicht halt. Im Gegenteil, gerade unter der unreifen Schuljugend finden die „Slürmer“-Nummern mit ihrem antisemitischem tisch-pornographischen Inhalt guten Absatz. Am

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.