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Das jüdische Echo · 1931-01-16 · 3 (16.1.1931) · p. Seite 44

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
3 (16.1.1931)
Date
1931-01-16
Page
Seite 44 (sequence 12)
Language
German
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44 Das Jüdische Echo Nr. 3 öffneten Fenster scharenweis hinausschlich und fahnenflüchtig wurde. Und es übermannte ihm Zweifel, Unglaube. Er glaubte nicht an die Lebensfähigkeit seines Volkes, das unter der strengen Zucht rabbinischer Kasuistik und der aus ihr folgenden Erschwerung des Lebens vegetiert und dahinwelkt, keinen Sinn für die Wirklichkeit des Lebens mehr hat und sich von jedem modernen Windhauch hermetisch abschließt. Deshalb sind alle seine Dichtungen und publizistischen Arbeiten dieser Periode zu einem einzigen revolutionären Motiv verdichtet, sein ganzes Schaffen ist auf einen Punkt gerichtet: Auflehnung gegen alles, gegen die Geschichte, gegen die einseitige Geistesrichtung, gegen Lehrer und Führer, die durch Jahrhunderte dem Volke den Weg zu einem natürlichen Leben versperrt haben. An allem ist der Talmud, sind die Rabbiner schuld! Ein tragisches Erlebnis am Ende seiner Periode steigerte das revolutionäre Pathos des Dichters aufs höchste. Auf Grund einer falschen Denunziation (nach seiner Vermutung von orthodoxer Seite) wurde er 1879' zozialistischer Umtriebe angeklagt, mit seiner Frau arretiert und später für einige Monate verbannt. In der Verbannung schrieb er ein Gedicht, das sich mit dem Schicksal des letzten, von Nebukadnezar geblendeten und eingekerkerten Königs von Juda, Zidkija, befaßte. Weshalb mußte dieser unglückliche König, der für Volk und Vaterland das Beste angestrebt, so schwer leiden? „Er fügte sich nicht den Worten Jirmijas, des Propheten!“ — antwortet darauf die Bibel; der Dichter aber, der das Geschehene auf die Gegenwart projiziert, entwirft nun mit dieser unvergleichlichen satyrischen Kraft ein Bild, wie das Volk aussehen müßte, wenn es nach dem Wunsche des Propheten geschehen würde: Das ganze Volk mit seinen Kriegern, Schmieden und Schlossern würde sich in Propheten verwandeln, sich dem Studium hingeben, Handwerker würden der Verachtung anheimfallen, Ackerbauer und Hirten würde man mit Kerzen suchen — — —. Ist! ein solches Volk lebensfähig, kann es sich ernähren, sich seiner Feinde erwehren, einen Staat bilden? . . Mit dem Beginn der „Chibbat-Zion“-Bewegung tritt auch Gordon in seine letzte zionistische Periode ein. Aber auch jetzt stellt er die unerläßliche Bedingung auf, daß das Volk sich für Palästina vorbereiten, daß die „Auslösung des Landes“ Hand in Hand gehen müßte mit der „Befreiung unserer Seelen“. In diesem Sinne war er ein Vorläufer Achad Haams und stimmt auch mit einem Grundsatz überein, dem Herzl die Formulierung gegeben: „Der Rückkehr ins Judenland muß die Rückkehr zum Judentum vorangehen.“ Das Aufleben und die Erneuerung des Volkes war ihm Hauptzweck. Und wenn Achad-Haam bei seinem ersten Besuche in Palästina vor der Klagemauer Reflexionen anstellt über „eine Stadt, die zerstört wurde“, und über ein „zerstörtes Volk“, so ist ihm Gordon auch darin zuvorgekommen in den Versen: Der Zerstörung der Stadt gedenken wir nach tausenden Jahren, Der Zerstörung des Volkes schenken wir keine Beachtung.“ Eines scheint sicher: Hätte Gordon das arbeitende Palästina, die jüdisch-erzogene Jugend in den hebräischen Schulen und die sonstigen kulturellen Leistungen des Jischuw gesehen, er hätte seinen Zweifel, seinen Unglauben überwunden. Vorlesung Manfred Sturmann Auf Einladung des Jüdischen Kulturvereins „Perez“ las Manfred Stur m a n n im Lessingsaal aus eigenen Werken. Sturmann ist ein ausgezeichneter Interpret seiner Gedichte und Prosa. In der schlichten und doch lebendigen Art seines Vortrags brachte er vor allem das Kapitel aus seinem unveröffentlichten, noch nicht vollendeten Roman zur starken Wirkung. Dieses Stück, das schildert, wie ein jüdischer Stipendiat an einem Kleinstadt- Gymnasium wegen des Nachlassens seiner Leistungen vor den Rektor zitiert wird und wie dessen gefühllose Härte sich im Verlauf des Gesprächs in ein ungekanntes Mitleid löst, gefiel anscheinend allgemein am besten. Ich muß gestehen, daß gerade diese Probe auf mich nicht überzeugend wirkte, ohne daß natürlich daraus Schlüsse auf den Roman im ganzen gezogen werden könnten oder sollten. Der vorgelesene Abschnitt jedenfalls schien mir weder stofflich noch formal wesentlich Neues zu geben; Gestalten wie der tyrannische, verknöcherte Schullehrer, der, von allen gefürchtet und gehaßt, von keinem aber geliebt, im Innersten doch unglücklich ist, und der arme, geduckte, durch sein Leid frühreife Judenjunge, erwecken unwillkürlich mancherlei literarische Erinnerungen, manchmal aber auch die Art der Charakterisierung von Personen und Situationen. Doch mögen, wie gesagt, diese Einwände auf den gesamten Roman, auf den wir mit Interesse warten, nicht zutreffen. Wieviel eigenartiger und stärker als im Erzählerischen Sturmanns Begabung sich in Wiedergabe und Gestaltung des Zuständlichen, von Landschaft, Stimmung, Atmosphäre, aber auch im persönlichen Bekenntnis und in der Einfühlung in fremdes Lebensgefühl äußert, dafür bot das übrige Programm der Vorlesung die schönsten Beweise. Das gilt in gleichem Maße von allen Gedichten, die man hörte und die einen ungetrübten Genuß vermittelten (abgesehen vielleicht von dem „Wolf im Zoo“, dessen Gewaltsamkeit man — etwa im Vergleich mit den feinsten Beispielen dichterischen Einlebens in tierisches Lebensgefühl: manchen Rilkeschen Gedichten (Panther im Käfig u. a.) — als etwas zu stark auf Menschliches hin vereinfacht empfinden könnte). Sturmann las drei Gedichte aus „Die Erben“ und vier noch unveröffentlichte; im einzelnen kann hier nicht auf sie eingegangen werden. Wenn über die Gedichte jüdischen Inhalts noch ein Wort gesagt werden soll, so muß an ihnen besonders gerühmt werden, wie der Dichter sich durch den Stoff nie zu einem gekünstelten, pseudo-biblischen Pathos verleiten läßt, sondern aus tiefem Einleben in den Geist und die Personen der biblischen Legende und echter Religiosität eine Form von persönlicher dichterischer Kraft schafft, die gerade deshalb der biblischen Sprache innerlich stärker verwandt ist, als die meisten „Nachdichtungen“ biblischer Stoffe. Den Abschluß und Höhepunkt der Vorlesung bildete eine unveröffentlichte Skizze „Der alte Bauer“. Sie schildert mit erstaunlichem Naturgefühl und wahrhaft ergreifendem Einfühlungsvermögen in die Seele des Greises dessen letzte Stunde inmitten der jugendlichen, lebensstrotzenden und erinnerungsgesättigten Natur. Der Besuch der Veranstaltung war nicht sehr stark. Das ist bedauerlich; diesem Dichter und seinem Schaffen ihre Aufmerksamkeit zuzuwenden, wäre für die Münchener Juden eine Ehrenpflicht und ein Gewinn. R. E. * * *

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