Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9176153--11420-9083491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2 Das Jüdische Echo 23 herbeigeführt. England muß trachten, seinen Kolonialbesitz zu erhalten. Ägypten hat sich bereits unabhängig gemacht, Indien trachtet danach, sich vom britischen Imperium loszulösen, und andere Gebiete werden möglicherweise diesem Beispiel folgen. Dadurch steht England vor der Gefahr, ein kleines und unbedeutendes Reich zu werden. Es war von zionistischer Seite ein politischer Fehler, daß nicht von Anfang an ein Maximalprogramm aufgestellt wurde. Es hätte die Forderung nach einem Judenstaat, nicht aber bloß nach einem Nationalheim aufgestellt werden müssen. Seinerzeit hätte man mit dieser Forderung durchdringen können. Jetzt ist die passende Zeit, solche Forderungen zu erheben, vorüber. Damit will ich nicht sagen, daß ich an den Erfolg unserer Sache nicht glaube; sie wird zum Erfolg geführt werden, aber auf einem anderen Weg. Obwohl der Gedanke der „Vereinigten Staaten von Europa“ heute schon zur Verwirklichung reif ist, ist vorläufig nur von wirtschaftlicher Vereinigung die Rede. Aber auch die politische Vereinigung wird kommen, denn ohne sie ist die wirtschaftliche nicht möglich. Ich glaube, daß es etwa 25 Jahre nach der Errichtung der Vereinigten Staaten von Europa zu einer Vereinigung der Kulturstaaten im nahen Osten kommen wird. Im Rahmen dieser Vereinigung wird es auch uns möglich sein, ein freies, unabhängiges Gemeinwesen zu erhalten. Die dringendste Gegenwartsaufgabe des Zionismus ist es, den Jischuw in Palästina zu vergrößern und zu kräftigen. Wir müssen ihn gegen alle Angriffe wappnen, die in der nächsten Zeit gegen ihn gerichtet werden könnten. Wir müssen unsere Jugend zu verstärktem Widerstand befähigen. Wenn wir alle mutig den uns vorgezeichneten Weg gehen, wird der Erfolg nicht ausbleiben. Transjordanien Zionistische Aufsätze im Anschluß an das Weißbuch, die Diskussion im englischen Parlament, die englische Presse', — sie alle weisen auf Transjordanien hin, als auf ein Mittel, das schwierigste palästinensische Problem, das Bodenproblem, zu lösen. Und die arabische Presse ihrerseits fand in diesen Hinweisen ein neues Schreckgespenst für ihre Leser: „Vertreibung der Araber aus Palästina nach Transjordanien“; das heißt eine grobe Verkennung sowohl der Frage selbst wie der Absichten des Zionismus und seiner Freunde. Transjordanien ist in jeder Beziehung, auf Grund der Geschichte, Geographie, Wirtschaft und Bevölkerung ein untrennbarer Bestandteil Palästinas. Nur vorübergehende politische Berechnungen führten zu einer Trennung. Und nicht einmal diese formale Trennung ist wirklich durchgeführt, Transjordanien gehört noch heute zu dem Mandatsland Palästina, nur mit der Einschränkung, daß die Paragraphen des Mandats, in denen von der Errichtung einer jüdischen Heimstätte die Rede ist, für dort nicht gelten. Im täglichen Leben hat sich die Trennung durchaus nicht durchgesetzt. Verkehr und Handel wissen von ihr nichts, und wenn die Aufmerksamkeit der Bewohner Palästinas weniger auf Transjordanien gerichtet ist, so gilt dasselbe von gewissen Landstrichen im Westjordanland, zum Beispiel vom Süden. Und wenn Minister und Sachverständige bei ihrer Beurteilung jüdischer Ansiedlungsmöglichkeiten so tun, als ob es kein Transjordanien gäbe, so ist das ein sehr durchsichtiges Manöver. Diese Außerachtlassung Transjordaniens beweist deutlich, welch unehrliches Spiel der „fortschrittliche“ Angriff auf den Zionismus treibt, wenn er ihm Mangel an Sorge für das Los des Fellachen vorwirft; denn der Fellache Transjordaniens steht in Wahrheit viel schlechter da als der des Westjordanlandes: von den 300 000 Bewohnern Transjordaniens sind nur 130 000 angesiedelt (und wie angesiedelt!), 50 000 halb angesiedelt, und 120 000 Beduinen, ohne irgendwelchen Grund und Boden: um diese Fellachen sorgt sich die Mandatsregierung nicht. In Wirklichkeit ist der ganze Inhalt des Palästinamandats eine immer stärkere jüdische Ansiedlung bei Wahrung der Interessen der Landesbewohner, Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen und Erhöhung ihres Lebensstandards, und wenn die beiden Teile Palästinas westlich und östlich des Jordans in Wahrheit eine Einheit bilden, ist es unberechtigt, bei Lösung dieses Palästinaproblems Transjordanien beiseite zu lassen. Wer die Grundlagen des Palästina-Mandats anerkennt, — und das tut ihren Worten nach auch die Mandatsregierung —■ muß einsehen, wie absolut absurd es ist, den einen Teil des Landes wegen angeblichen Mangels an freiem Boden für jüdische Einwanderung zu sperren, während der andere Teil des Landes Boden in Hülle und Fülle hat. Bearbeitbaren Boden gibt es dort mehr als im Westjordanland, und seine Einwohnerzahl beträgt nur ein Drittel. Auch ohne das Palästinamandat mit seinen besonderen Verpflichtungen gegenüber dem jüdischen Werke, aus rein zivilisatorischen Gesichtspunkten wäre die Regierung verpflichtet, diese riesige Fläche zu berücksichtigen. Wenn sie es doch nicht tut, dürfen wir dann nicht behaupten, daß sie sich dem jüdischen Werke wahrscheinlich nur darum widersetzt, weil sie daran interessiert ist, das ganze Land, links und rechts des Jordans, armselig und unentwickelt, soll heißen, leicht beherrschbar zu erhalten? Nicht die Juden haben den Gedanken aufgebracht, einen Teil der hiesigen Gebirgsfellachen umzusiedeln. Simpson war es, der einer „Verpflanzung“ der Gebirgsfellachen das Wort redete. Und wenn wir seine Voraussetzung der Aussichtslosigkeit einer Ansiedlung im Gebirge anerkennen (entweder weil eine sich selbst erhaltende Landwirtschaft im Gebirge an sich aussichtlos ist oder weil die arabischen Fellachen nicht die Mittel, Kenntnisse und Eigenschaften besitzen, um sich eine solche Landwirtschaft zu schaffen), und wenn wir uns über die Möglichkeiten der palästinensischen Städte, die Gebirgsfellachen zu absorbieren, keine Illusionen machen wollen, — was haben sie dann für andere Aussichten als die Verpflanzung? Und wenn Verpflanzung, — warum gerade in einen gewissen Bezirk im Westjordanland und nicht in einen anderen, in Transjordanien? Warum ist die Verpflanzung in eine Ebene, die ein paar Dutzend Kilometer entfernt ist, „eine wünschenswerte und segensreiche Reform“, dagegen die Verpflanzung in eine Ebene, die ein paar Dutzende Kilometer weiter entfernt ist, in demselben Lande, derselben Umgebung, demselben Klima, demselben Volke „Vertreibung“? Doch nur, weil man hofft, der im Westjordanlande bleibende Fellache werde ein Stück Erde besetzen, das sonst der jüdischen Einwanderung zur Verfügung stände, und darum gilt dieser Ausweg den Regierenden und der arabischen Presse als eine Quelle des Segens. Der Zionismus dagegen hat das Problem ganz anders gesehen. Er hat nie verlangt, daß gerade die Araber nach Transjordanien auswanderten. Und wenn, dann tat er es nur wegen der Einschränkungen und Schwierigkeiten, denen das jü-