Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1931-01-09 · 2 (9.1.1931) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
2 (9.1.1931)
Date
1931-01-09
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103087-9176153--11417-9083488
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

20 Das Jüdische Echo Nr 2 sie schon lange Jahre hier ansässig sind. Er amassiert lieber seine Mittel, als in dieser Notzeit seine Satzungen zu ändern und zu helfen, wo Hilfe nötig ist und die allgemeinen Voraussetzungen gegeben sind. Wie es um die Möglichkeiten der Erlangung der deutschen Staatsangehörigkeit für Juden in Bayern steht, braucht man gewiß nicht mehr zu erörtern, auch nicht, daß das Verhalten der staatlichen Stellen unter keinen Umständen für jüdische Hilfstätigkeit maßgeblich sein darf. Hier Reform zu schaffen wäre gewiß nicht von großem Belang, aber der Fall zeigt immerhin, daß noch vieles gebessert werden könnte.) Ungarisch-jüdischer „Patriotismus“ Wenn irgendwo in der Welt von jüdischer Seite ein Protest gegen die brutalen Verfolgungen der Juden in Ungarn erhoben wurde, erklärten die magyarisch-assimilatorisch eingestellten Führer der magyarischen Juden sofort, daß sie die „Einmischung“ in „interne“ ungarische Angelegenheiten ablehnen. In ihrer Knechtseligkeit gegenüber der eigenen Regierung stellten sie sich auf den Standpunkt, daß die Juden alles hinnehmen und schweigen müssen. Sich treten lassen und schweigen ist ihr Patriotismus! Dafür mischen sie sich in die „internen“ Angelegenheiten der Juden in anderen Staaten ein, wenn die Horthy-Gesellschaft es ihnen befiehlt. So haben sie jetzt die Volkszählung in der Slowakei zum Anlaß genommen, um von den dortigen Juden zu verlangen, sich als Magyaren und nicht als Juden zu bekennen, um den Glanz Magyariens zu erhöhen und der tschechischen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten. Ja, sie gehen so weit, den Völkerbund anzurufen, er möge ihnen bei diesem zweifelhaften Geschäft helfen. ' Die Union ungarischer Juden befaßte sich nämlich in ihrer Sitzung vom 25. Dezember unter Vorsitz des Hofrates Samuel Stern mit der Volksabstimmung in der Tschechoslowakei und nahm mit Stimmeneinhelligkeit eine Resolution an, die besagt: Die Union lenkt die Aufmerksamkeit der ganzen Kulturwelt auf die Mißbräuche, die in der Tschechoslowakei anläßlich der jüngsten Volkszählung gegenüber der jüdischen Bevölkerung, die auf Grund von Sprache, Kultur und Gefühlswelt sich zum Ungartum bekennt, begangen wurden. Durch behördlichen Druck sollten die Juden veranlaßt werden, ihre Zugehörigkeit zum Ungartum zu verleugnen. Die Union ungarischer Juden schließt sich der von der ungarischen Minderheit der Tschechoslowakei beim Völkerbund eingebrachten Beschwerde an und erwartet von der Judenheit der ganzen Welt, daß sie die Sache der tschechoslowakischen Glaubensbrüder sich zu eigen macht und ihren Glaubensgenossen zugefügte Unrecht im Geiste der durch die ungarische Minderheit beim Völkerbunde eingereihten Beschwerde gutgemacht werde. Dieser Beschluß hat seitens der tschechischen Juden die gebührende Zurückweisung gefunden. Der Präsident des Jüdischen Nationalrats für die Tschechoslowakei Abg. Dr. Ludwig Singer übergab der Jüdischen Telegraphen-Agentur nachstehende Erklärung zur Veröffentlichung: „Die von der Union ungarischer Juden gefaßte Resolution ist ein Ausdruck der Assimilationstendenz, die in aller Welt die jüdische Seele verzerrt. nas Bekenntnis zur jüdischen Nation bedeutet niemals einen Verrat an einem anderen Volke, sondern ist nichts als ein Ausdruck der Treue zum jüdischen Volk und nationalen Stolzes. Die tschechoslowakische Republik hat seit ihrer Errichtung den Juden die Anerkennung ihrer Nationalität, die ihnen in der alten Monarchie vorenthalten blieb, gewährleistet. Diese Anerkennung wurde vor allem durch die persönliche Haltung des Präsidenten der Republik Professor Thomas G. Masaryk herbeigeführt. Anläßlich der Volkszählung sind von jüdischer Seite in den östlichen Teilen der Republik keinerlei Proteste gegen eine Beeinflussung durch die Behörden erhoben worden. Die Resolution der Union ungarischer Juden stellt eine Verleumdung und einen Angriff auf die jüdische Ehre dar. Die Tendenz des ungarischen Protestes ist offenkundig. Die Union ungarischer Juden sollte begreifen, daß gerade das Verhalten der Magyaren gegenüber den Juden Ungarns den Grund dafür bildet, daß auch die dem ungarischen Kulturkreis zugehörigen Juden der Slowakei und Karpathorußland sich in immer größerer Zahl zum jüdischen Volke bekennen.“ Man muß zugeben, daß die ungarischen Juden in ihren Bemühungen das Judentum zu verleugnen und sich jüdischer Interessen zu entäußern kaum mehr weitergehen könnten; es besteht für uns allerdings kaum mehr ein Anlaß, uns über sie erhaben zu fühlen, denn auch die deutschen Juden haben es, geführt vom Centralverein, schon herrlich weit gebracht — dessen Verhalten in der Angelegenheit der polnischen Wahlen, das wir in der letzten Nummer kennzeichneten, ist grundsätzlich kaum anders. Und dabei ist doch der Centralverein noch durch eine tiefe Kluft geschieden von den nationaldeutschen Juden, die heute schon die Zeit für gekommen halten, allen Ernstes die Frage zu diskutieren: „Können Juden Nationalsozialisten sein?“ Diese „Juden“ möchten es sein und bedauern nur, daß sie es nicht können. Sie haben das ungarische Vorbild noch übertroffen. Das Zionistische Äktionskomitee einberufen Die Zionistische Exekutive hat im Einvernehmen mit dem Präsidium des A.-C. für den 14. Januar das Zionistische Aktionskomitee zu einer außerordentlichen Sitzung nach London einberufen. Es wird betont, daß die Sitzung sich ausschließlich mit der schwierigen finanziellen Position in Palästina beschäftigen soll. Mit den schwebenden politischen Verhandlungen hat die Sitzung offenbar nichts zu tun, da Mitte Januar noch keineswegs klare Ergebnisse dieser Verhandlungen vorliegen werden. Zu dieser Meldung bemerkt die „Jüdische Rundschau“: Die schwere finanzielle Krise in Palästina und in der ganzen zionistischen Arbeit hat sich bereits seit Monaten drohend angekündigt, wurde aber durch die das ganze Interesse beanspruchende politische Protestbewegung und Diskussion so überschattet, daß die meisten Zionisten nicht erkannten, wo — ganz unabhängig von allen politischen Fragen —■ die wahre Gefahr für die Kontinuität des zionistischen Aufbauwerkes liegt. Die schwere Wirtschaftskrise, die die ganze Welt erfaßt hat, konnte naturgemäß auch Palästina und die zionistische Arbeit nicht auf die Dauer verschonen. Indirekt haben wir die Folgen dieser Wirtschaftskrise bereits früher zu spüren bekommen, indem nämlich besonders der arabische Teil der palästinensischen Bevölkerung durch den ka-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.