Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 2 (9.1.1931)
- Date
- 1931-01-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 2 9. Januar 1931 18. Jahrgang Bemerkungen Nationalsozialisten und Reichsregierung Die Nationalsozialisten sind längst legierungsreif geworden; nicht etwa nur in Thüringen und Braunschweig; wer sich überhaupt über die zukünftige politische Gestaltung der Verhältnisse im Reich Gedanken macht, der weiß, daß die Beteiligung der Nationalsozialisten an der Reichsregierung heute auch von solchen bürgerlichen Kreisen erstrebt wird, die vor dem 14. September entschieden abgelehnt hätten, jemals mit den Nationalsozialisten zusammenzugehen. Dieser Tage erst ist bekannt geworden, daß die Deutsche Volkspartei in Bremen auf eine öffentliche Anfrage der Nationalsozialisten, ob sie bereit sei, sich für einen „antimarxistischen Senat“ einzusetzen, geantwortet hat, daß sie zu Verhandlungen über eine Um¬ oder Neubildung des Senats bereit sei. Was diese Bereitwilligkeit bedeutet ist klar und es ist seit der Umfrage der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“, die klären sollte, ob eine Einbeziehung der Nationalsozialisten in die Reichsregierung möglich sei, ebenso klar, daß ein großer Teil der der jetzigen Reichsregierung nahestehenden Kreise diese Möglichkeit durchaus für gegeben hält. Der widerwärtige und allen rechtlichen wie politischen Gesichtspunkten widersprechende Rückzug vor Thüringen und Herrn Frick, zu dem man den Reichsinnenminister Dr. Wirth gezwungen hat, ist mehr als bloß ein Symptom für den späteren Verlauf der Entwicklung; es war vermutlich schon der erste Akt der neuen Tragödie: das Verbot des Remarque- Films gehört ebenfalls hierher. Die Nationalsozialisten freilich spielen jetzt verschämte Tugend in der Ecke und tun so, als ob sie Koalition nicht mitmachen würden; wahrscheinlich wird aber die Bewerbung des Bürgertums nicht einmal heftig sein müssen um diese Tugend zu besiegen. Wenn nicht in letzter Stunde noch das republikanische Deutschland sich auf sich selbst besinnt und weitere Gesetzesverletzungen, sei es der Nationalsozialisten, sei es der Reichsregierung, auf eine Weise beantwortet, die zeigt, daß es noch vorhanden ist und zugleich auch, wo die wahre Macht im deutschen Volksorganismus liegt, wird dieser Triumph des Nationalsozialismus nicht mehr zu vermeiden sein. Eine andere Frage, die sich nicht annähernd mit der gleichen Klarheit beantworten läßt, ist die, was die Nationalsozialisten in der Reichsregierung denn tun werden und können. Die Grenzen ihrer Macht wären an und für sich sowohl verfassungsmäßig, wie tatsächlich nicht übermäßig weit. Auch ist nicht wahrscheinlich, daß sie Verfassungsänderungen durchsetzen werden und man müßte deshalb eigentlich annehmen, daß sie vor allem auf außenpolitischem Gebiete besonderes Unheil anrichten werden. In Wirklichkeit aber werden sie, Hitlers verschiedene Auslandsinterviews nach der Wahl haben aller Welt die Augen darüber geöffnet, gerade außenpolitisch kuschen und wie man sich innerpolitisch unbekümmert über Recht und Gesetz hinwegsetzt, nach Gutdünken verwaltet, regiert und schikaniert, hat ja Frick in Thüringen herrlich genug vorgemacht. Wie die deutschen Juden dem entgegenwirken können, hat bisher leider noch niemand gezeigt; nach ihren Gefühlen wird man jedenfalls am letzten fragen; ihre Interessen zuerst vernachlässigen und verletzen. Sie können einer antisemitischen Reichsregierung, wie der antisemitischen Bewegung nur ihren unbeirrbaren Lebenswillen entgegensetzen und aus diesem Gefühl heraus für ihre jüdische Individualexistenz, wie für die Existenz der jüdischen Gesamtheit eintreten. Allerdings sollte man glauben, daß das ungeheure Anwachsen des Antisemitismus das zustandebringen würde, was bisher der Einsicht und der Erkenntnis nicht gelungen ist, daß sich nämlich die Juden in Deutschland endlich die Organisation geben, die einzig in der Lage und befugt ist im Namen aller deutschen Juden zu reden. Allzulange wird sie nicht mehr auf sich warten lassen dürfen und jedenfalls scheint es schon heute als ob die antisemitische Reichsregierung eher da ist, als dieser Reichsverband, der die deutschen Juden wenigstens bis zu einem gewissen Grade schützen könnte: schützen, indem er verantwortlich dem Inlande und dem Auslande gegenüber den Rechtskampf der deutschen Juden führen, sie legitim zusammenfassen und repräsentieren würde. Gegenwart und Zukunft Die Nr. 1 des Jahrgangs 1931 der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung“ bringt unter „Personalia“ offizielle Aufzeichnungen über die Personenstandsbewegung der Israelitischen Kultusgemeinde München, die den jüdischen „Lebenswillen“ in ein merkwürdiges Licht setzt. Da sind / Sterbefälle verzeichnet, keine Geburt und 5 Austritte aus dem Judentum. Dieses Ergebnis ist nicht etwa, wie man denken könnte, nur zufällig, wenn es sicher auch der Zufall besonders kraß gestaltet hat. Die Nr. 24 des Jahrgangs 1930 weist 4 Geburten auf, 4 Sterbefälle und 4 Austritte; die Nr. 23 keine Geburt, 7 Sterbefälle; Nr. 22 keine Geburt, 8 Sterbefälle; Nr. 21 1 Geburt, 13 Sterbefälle, 2 Eintritte und 3 Austritte; Nr. 20 4 Geburten, 10 Sterbefälle, 2 Austritte. Im Zeitraum eines Vierteljahres also ein Zugang von 11 und ein Verlust von 63 Seelen, davon allein 14 durch Austritt. Es steht unbestreitbar schlimm um die Lebenskraft dieser Gemeinde und man wird sich doch ernsthaft fragen müssen, ob alles geschehen ist, diesen zweifellosen Krankheitserscheinungen entgegenzutreten. (Man darf in diesem Zusammenhang wohl darauf hinweisen, daß in München z. B. ein Aussteuerverein existiert, der satzungsgemäß heiratsfähigen und würdigen jüdischen Brautpaaren jede Unterstützung verweigern muß, wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit nicht besitzen — selbst wenn