Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 1 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- Seite 124 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das Jüdische Echo Nr. 1 in dem er aufgefordert wird, Palästina und den heiligen Burak (arabische Bezeichnung für den Platz vor der Klagemauer) vor den Juden zu retten. Diese religiöse Hetze hat bereits dazu geführt, daß zwei Jeschiwah-Schüler, Nahum Friedmann und Moses Galerko, beim Gebet an der Klagemauer von Arabern mit Steinen beworfen wurden. Den an der Klagemauer Dienst tuenden Polizisten gelang es nicht, der Angreifer habhaft zu werden. In jüdischen Kreisen hegt man die Befürchtung, daß es zu weiteren Überfällen auf Juden an der Klagemauer kommen wird. Chanukka in Palästina Jerusalem, 16. Dezember. (JTA.) Der erste Chanukka-Abend wurde in Tel-Awiw durch eine große Kinderprozession gefeiert. Von der Spitze des Wasserturms leuchtete eine riesige Menorah. Die Chanukka-Nummer von „Haarez“ bringt einen Aufruf zur Förderung der einheimischen Produktion, in dem es u. a. heißt: In unserer Macht liegt es, das Chanukka-Wunder, den erfolgreichen Widerstand eines kleinen schwachen Volkes gegen den Druck eines zahlreichen und wichtigen Volkes, zu erneuern. UllLL 111 llll III llllllllllllll llll Feuilleton || [| | [ lilll ill Klassenkampf, Hntisemitismus und Zionismus Von Theodor L e s s i n g Soeben ist im Jüdischen Verlag, Berlin, unter dem Titel „Jüdischer Selbsthaß“ ein Werk tiefschürfender Psychologie des jüdischen Geistes vom bekannten Philosophen Theodor Lessing erschienen. Der Autor stellt an den Lehensgeschichten von sechs bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten, die meist durch Selbstmord geendet haben, mit außerordentlicher Einfühlimgskraft das Phänomen des jüdischen Selbslhasses dar. Mil restloser Offenheit und unter Bloßlegung der tiefen seelischen Abgründe dieser genialen, dabei oft krankhaften Menschen zeigt Lessing auch den Weg, der aus Verfall und Negation zur Gesundung und Befreiung führt. Wir veröffentlichen einen interessanten Abschnitt aus dem Buche, dessen kritische Betrachtung wir uns Vorbehalten. Der Klassenkampf setzte ein, als das Industriezeitalter heraufdämmerte. Er wurde der wichtigste aller Kämpfe, als Maschine, Technik, Geldwirtschaft, Industrie die ganze Erde unterjochten. Was bedeuteten jetzt noch die alten Religionszwiste? Auch völkische Unterschiede der Menschen waren nicht mehr so entscheidend wie die Unterschiede der wirtschaftlichen Klassen und ihre Not. Karl Marx, der Theoretiker des Klassenkampfes, sah in seinen Glaubens- oder Stammesgenossen nichts anderes mehr als „den wurzellos gewordenen Anhang der Kapitalistenklasse und ihrer Geldwirtschaft“. Die sogenannte Emanzipation der Juden bedeutete für Marx nur ihre Verbürgerlichung, und Verbürgerlichung war ihm gleichbedeutend mit „Auslieferung an die kapitalistische Gesellschaft, welche in ferner Zukunft durch die sozialistische Gesellschaftsordnung abgelöst werden soll“. Ein jüdisches Volk im Volkskampfe kannte Marx nicht. Ein solches wäre nur im Osten zu finden gewesen, wo die Juden vorwiegend Handwerker und Arbeiter waren, denn jene Historiker, die die Juden als ein Volk von Wucherern schildern, wissen nicht einmal, daß gerade Zinsnehmen und Wucher durch die mosaische Gesetzgebung verboten und ganz unmöglich waren, bis, vom 13. Jahrhundert ab, das feudale Zeitalter den Juden das Münz- und Finanzwesen schlechtweg aufdrängte. Im Westen sah also das Auge von Karl Marx nichts als Partei- und Interessenkämpfe. Ein Kommunist wie Moses Heß, der zugleich ein nationaler Jude und ein Zionist war, stand in dei Partei des Proletariats und im Kampfe wider die bürgerliche Welt ganz einsam. Mit tausend Freuden aber nützte die Welt des bürgerlichen Erfolges das Dasein der Juden und der Judenfrage! Ihr konnte es nur recht sein, daß die Gegner der bürgerlichen Gesellschaft die Juden einfach dieser Sündenwelt des Kapitals zugesellten. Denn eine Siindemvell benötigt eines Sündenbocks. Alle Widrigkeiten der bürgerlichen Kolonisations¬ und Erdversklavungswirtschaft, auch die an den Juden selber verübten, wurden somit aus der Geschichte oder aus dem Wesen der Juden „erklärt“. War es denn nicht ein wahres Kinderspiel, das Vorhandensein des vielgeschmähten „Kapitalismus“ mit Natur und Wesen der Juden in Verbindung zu bringen? Selbstliebe und Selbstsegnung . . . wmrauf sonst käme das meiste Menschenleben hinaus? „Theologie“, sagt Goethe, „ist die eigenbezügliche Selbstvergottung des Menschen.“ — Eine neue Theologie erstand, für wrelche (völlig im Gegensätze zur Theologie des Mittelalters) das Christentum (und mithin auch die Sünden des Christentums) zum — Werke der Juden wurde. Paulus trug Schuld! Das Christentum Christi“, das sogenannte Urchristentum, das war unjüdisch gewiesen, das war (auf irgendeinem mystischen Weg) aus der Seele arischer Völker entstiegen. Aber dann wTar Paulus, der Hebräer, gekommen. Und so wrar die Vernüchterung und Entseelung der Erde im Gefolge der christlichen „Kultur“ eben nicht wirkliches Christentum, sondern: „verjudeles“, Erst heute beginnt es der Kulturwelt zu dämmern: nicht der Jude hat die Menschheit in den Geist hineingetrieben, sondern der Weg zum Geiste, den die Kultur nehmen muß, hat mit dem Heidentum auch das Judentum gewandelt. * * * Aber es muß gesagt sein — so bitter diese Erkenntnis ist —, daß just ein Rückschlag das jüdische Volk gerettet hat. Die Assimilation wäre in Westeuropa glatt weitergegangen. Sie w7äre nach einigen Geschlechtern voraussichtlich vollendet worden, wenn nicht die Gegenwelle des Hasses gekommen wäre. Der an allen Tischen Europas mit tafelnde' „Fortschrittsjude“ stand plötzlich vor einer dicken Mauer von Haß. Dieser Haß aber brachte ihn zur Selbstbesinnung. Der Zionismus erstand: der Keim einer Volkserneuerung. Denn wenn bei den frühesten Führern, bei Pinsker und Nordau und selbst noch bei dem herrlichen Theodor Herzl, der Zionismus zunächst nur eine nüchterne Gegenwehr war — aus Trotz, aus Stolz, aus Helferwillen, aus 9999999999