Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 1 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- Seite 121 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Das Jüdische Echo Die Wirtschaftslage der Juden in Amerika Äußerungen Dr. Bernhard Kahns Berlin, 28. Dezember. (JTA.) Der europäische Direktor des American Joint Distribution Committee, Dr. Bernhard Kahn, der soeben von einem mehrwöchigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten nach Berlin zurückgekehrt ist, äußerte sich in einem Kreise von Pressevertretern über seine Eindrücke von der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage der Juden Amerikas und ihre Rückwirkung auf die Arbeit der großen jüdischen Institutionen. Die wirtschaftliche Lage der amerikanischen Juden, erklärte Dr. Kahn, hat sich im Zusammenhang mit der allgemeinen Krise ungemein verschlechtert. Ein charakteristisches Symptom der Wirtschaftskrise in ihren Auswirkungen auf die Juden ist die schwierige Lage der Bank of the United States, deren Aktien zum größten Teil im Besitze jüdischer Kleingewerbetreibender und des jüdischen Mittelstandes sind. Hierzu kommt eine Wirtschaftsnot der jüdischen Vermittler und Kleinkaufleute, die die Wirtschaft ausstößt, dadurch, daß die großen Unternehmungen eigene Verkaufseinrichtungen treffen und eigene Läden errichten. Wer heute das Eastend von Neuyork besucht, ist betroffen von der gedrückten Stimmung, die dieses einst von fröhlichem Leben erfüllte Viertel beherrscht. Der Straßenbettel, eine früher fast unbekannte Erscheinung, macht sich jetzt dort stärker bemerkbar als in manchen jüdischen Städten Osteuropas. Obwohl angesichts dieser Situation und insbesondere der schweren Gefährdung des jüdischen Mittelstandes in manchen Kreisen die Neigung besteht, sich von der Arbeit für die europäische Judenheit und von der Beteiligung an gesamtjüdischen Aufgaben zurückzuziehen, treten die breiten Massen noch für die Fortführung der bisherigen Aktionen ein. Auch die Arbeit des Joint wird keine Unterbrechung erfahren, wenn auch die Tätigkeit im nächsten Jahre auf die Fortführung der dringendsten Arbeiten beschränkt sein wird. Der Joint besitzt ein vollständig ausgearbeitetes Aktionsprogramm für die nächsten drei bis fünf Jahre, das für den Fall einer Besserung der wirtschaftlichen Lage in Amerika die Inangriffnahme einer verstärkten rekonstruktiven Tätigkeit in Osteuropa in Verbindung mit der Foundation vorsieht. Dagegen werden die Ausgaben rein charitativen Charakters auf alle Fälle eine Einschränkung erfahren. Die Geltungsdauer der Vereinbarungen über die Durchführung eines gemeinsamen Drives für Joint und Jewish Agency läuft am 31. Dezember d. J. ab. Im neuen Jahre wird kein gemeinsamer Drive mehr eingeleitet werden. Dagegen wird gleich zu Beginn des neuen Jahres eine großzügige Sammlung für Palästinazwecke unter den Auspizien der Jewish Agency durchgeführt werden. Die Jewish Agency wird hierbei die Möglichkeit haben, die ihr geeignet erscheinenden Propaganda-Methoden anzuwenden, während bei dem früheren gemeinsamen Drive der Joint mit der organisatorischen und propagandistischen Leitung betraut war. Anläßlich des Empfanges, der zu Ehren Dr. Bernhard Kahns im Hause von James N. Rosenberg in Neuyork stattfand, und an dem hervorragende jüdische Führer und bekannte Philantropen teilnahmen, konnte Dr. Kahn feststellen, daß auch in den Kreisen der maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten der Gedanke an eine völlige Einstellung der Arbeit für die jüdischen Hilfsorganisationen aufgegeben erscheint, wenn man auch eine Einschränkung zeitweilig für unvermeidlich hält. Es ist noch ungewiß, in welcher Weise die notwendigen Geldmittel für die Fortsetzung der Arbeit in Osteuropa aufgebracht werden. Der Joint hat es verstanden, sich von finanziellen Verpflichtungen frei zu halten, so daß er die Frage der Einstellung oder Fortführung seiner Arbeit ausschließlich von der Dringlichkeit der Bekämpfung jüdischer Not abhängig machen kann. Dementsprechend wird die Kolonisationsarbeit des Joint auch in Rußland trotz der verstärkten Tätigkeit von KOMZET und der erhöhten finanziellen Leistungen der russischen Regierung für jüdische Kolonisationszwecke fortgesetzt werden. Die Aufstellung eines einheitlichen Sanierungsprogramms für die jüdische Bevölkerung Polens hält Dr. Kahn nicht für möglich. Er ist der Ansicht, daß die Lage der Juden in den einzelnen Distrikten untersucht werden muß und die Hilfsmaßnahmen den speziellen Verhältnissen in den verschiedenen Landesteilen entsprechend getroffen werden müssen. Im Zusammenhang damit legt Dr. Kahn Wert auf die Feststellung, daß er entgegen verschiedenen Blättermeldungen an den Verhandlungen, die das American Jewish Committee mit dem polnischen Gesandten in Washington M. Filipowicz führte, nicht teilgenommen hat. Dies hätte den Prinzipien des Joint, der sich in seiner Tätigkeit auf das rein wirtschaftliche Gebiet beschränkt, widersprochen. Wenn auch der Joint allen Bestrebungen, die zu einem Ausgleich der politischen Gegensätze zwischen den Juden und ihrer Umgebung führen können, sympathisch gegenübersteht, so muß er doch darauf bedacht sein, daß seine Tätigkeit von politischen Konstellationen unbeeinffußt bleibt. Die Arbeit des Joint ist von der Überzeugung geleitet, daß nur auf Grund wirtschaftlicher Beruhigung auch politische Beruhigung bei der jüdischen Bevölkerung eintreten kann. Bezüglich der zionistischen Arbeit in Amerika ist Dr. Kahn der Ansicht, daß alle Energien der Zionisten und der Kreise der Jewish Agency in Amerika in nächster Zeit von dem bevorstehenden Palästina-Drive absorbiert sein werden. Daher dürfte sich in Amerika auch für den Zionistenkongreß und die mit ihm in Zusammenhang stehenden Tagungen weniger Interesse geltend machen als in anderen Ländern. Es ist erfreulich, führte Dr. Kahn aus, daß die Brandeis-Gruppe wieder aktiv ist, und daß auch Prof. Frankfurter, dessen ausgezeichneten Beziehungen zu sozial gerichteten Kreisen in Amerika und England große Bedeutung beigemessen wird, in nächster Zeit eine aktivere Rolle übernehmen wird. Es ist jedoch nicht zu erwarten, daß diese Persönlichkeiten die Arbeit der zionistischen Leitung übernehmen werden. Aus der jüdischen Welt Tagung des Finanzausschusses der Jewish Agency in Berlin Berlin, 27. Dezember. (JTA.) Der ständige Finanzausschuß der Jewish Agency hat am 23. und 24. Dezember in Berlin zwei Sitzungen abgehalten, in denen die durch die ökonomische Krise in der ganzen Welt geschaffene Lage besprochen wurde. Aus den Berichten, die über die Situation in den einzelnen Ländern erstattet wurden, ging hervor, daß die europäischen Länder voraussichtlich die Beträge aufbringen werden, mit deren Eingang der Finanzausschuß gerechnet hat. Uber die Vorbereitungen eines für das neue Jahr beschlossenen Palästina-Drives in Amerika wurde von Dr. Bern-