Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- Seite 771 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 771 sieht. Darum muß jeder Jude sich selbst wieder finden, zu seinen Quellen zurückkehren. Nicht auferstehen! „... in Wirklichkeit brauche ich gar nicht aufzuerstehen als Jude. Ich schiebe nur einen Schein beiseite, eine bornierte, hartnäckige Schutzmaßnahme: Eine Anmaßung.“ Menschlich sein kann der Jude nur — unter Juden. Das sind zweifellos Lehren. Sie werden demonstriert am Phantom. Ein meisterlicher Beobachter jüdischer, amerikanischer und deutscher Art reißt Lewisohn das Geschick der Familie des Melamed Reb Mendel ben Jizchok aus Wilna und seiner Frau Braine aus dem allgemeinen Werden und Vergehen heraus und schildert doch damit gerade das Geschick der jüdischen Allgemeinheit. Er erzählt von den Zweifeln des Melamed,, von seinem Heraustreten aus dem engen jüdischen Kreis. Er zeigt, wie schon die nächste Generation dem Gedanken der Assimilation anheimfällt und er zeichnet das Leben der dritten und vierten Generation in Deutschland und Amerika mit unvergleichlicher Wahrheit: Gar nicht lehrhaft, spannend und lebendig. Eine novellistische Gestaltung allerersten Ranges, in den Verlauf des Romans mit Notwendigkeit sich einfügend, aber doch auch für sich bestehend die Erzählung von der Entwicklung des Tobias Levy, aus dem langsam durch die Erlebnisse in der Schule und auf der Universität der evangelische Geheimrat Theodor Burghammer wird, der doch auch die Lösung nicht gefunden hat und am Ende seines Lebens, wenn er die Nachricht vom Tode seines Sohnes erhält, der auf dem Kriegsschauplatz fiel, unter innerem Zwang ausrufen muß „Schema Isroel“. Der Assimilant und sein verbissener Kampf um Anerkennung wird in einem großartigen Bild enthüllt: „Das Leben bedeutete ihm eine Straße von Läden. Und um dort sich zu behaupten, mußte man sich Dinge kaufen. Es gab keinen anderen Weg. Die Ladeninhaber waren ehrliche Leute und die Preise der Waren genau festgesetzt; für die Andersgläubigen gab es kein Gefeilschte. Wenn er einträte — er, Tobias Levy — würden die Händler höflich und liebenswürdig sein, aber die Preise um das fünfrache hinauftreiben. Setzte er sich dann zur Wehr, würde man ihn sofort einen schäbigen Gesellen nennen und einen Saujuden; denn man sei nicnt verpflichtet, mit ihm Handel zu treiben, sondern täte es nur aus Herzensgüte. Zahlte er jedoch freudig den fünffachen Preis, dann würde man gut aufgelegt sein und sagen für einen Juden sei er gar kein übler Bursche, und vielleicht wäre es ga.iz vernünftig, einträglich und menschlich, ihn hie und da und dann und wann zu gewissen Privilegien zuzulassen...“ Enthüllt wird der jüdische Minderwertigkeitskomplex in all seinen Spielarten (vielleicht unter etwas zu gewaltsamer Anwendung der Psychoanalyse) und schonungslos enthüllt werden die verwickelten und verwirrten Beziehungen zwischen dem Juden und seiner Umwelt, vor allem soweit sie die fremde Frau betreffen. Menschen ihrer Art bleiben wollen. Sie müssen sich trennen, und Artur, der schon vorher durch seine Jugend und Studentenerfahrungen, wie durch seine psychoanalitische Praxis immer und immer wieder mit dem jüdischen Problem konfrontiert wurde, durch seine Tätigkeit in einem jüdischen Krankenhaus sich seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft voll und ganz bewußt wurde, geht mit einer jüdischen Wohlfahrtsmission nach Rumänien, einer ungewissen aber jüdischen Zukunft entgegen. Lewisohn ist ein scharfer Beobachter. Die Lebensprobleme gewisser Schichten des deutschen und amerikanischen Judentums sind in diesem Buch wie in einem Spiegel von unerhörter Treue eingefangen; gerade auch die Frage der Mischehe, die ohne Zweifel heute hier wie dort die wichtigste ist, bedurfte einmal neben einer vorwiegend statistischen und sozialpolitischen Behandlung auch einer künstlerischen Gestaltung. Man wird einwenden, daß diese zwar möglich und für den Einzelfall auch je nach ihrer künstlerischen Vollendung —■ die Lewisohns ist vollendet — auch wahrhaft und richtig sei, aber doch der typischen Bedeutung für die Wirklichkeit entbehren müsse. Bis zu einem gewissen Grad trifft dies auch gegenüber Lewisohn zu, in stärkerem Maße jedenfalls als gegenüber den anderen Abschnitten seines Buches, die in jeder Beziehung typisch genannt werden dürfen. Er stellt die Voraussetzungen so, wie sie vielleicht in der Realität selten zutreffen; aber'nicht wie man meinen könnte in für die Mischehe ungünstigem, sondern sogar in ihr günstigem Sinne — mit der schwerwiegenden Ausnahme allerdings, daß die wirtwirtschaftlichen Vorbedingungen auch für eine Scheidung besonders günstig sind. Wenn unter solchen Umständen die Ehe zu einem Martyrium wird, den Beteiligten die Trennung notwendig erscheint, trotz oder gerade wegen der vorbildlichen Aufrichtigkeit der Partner und wegen der Achtung, die sie gegeneinander hegen, hat aber der Fall zum mindesten eine innere typische Bedeutung, obwohl die äußeren Konsequenzen aus gleichartigen Verhältnissen vielleicht nur selten in gleicher Weise gezogen werden und obwohl, wie man zugeben muß, letzten Endes gegen die Möglichkeit einer glücklichen Mischehe damit nichts gesagt ist, wie überhaupt bei einer lediglich individualistischen Betrachtung von einem nichtreligiösen Standpunkt entscheidende Argumente gegen die Mischehe nicht vorhanden sind, schon deshalb nicht, weil niemand die Erfahrungen anderer als unbedingt zutreffend auch für sich anzuerkennen genötigt werden kann. Die jüdische Gegenwart des Westens hat in Lewisohn ihren Darsteller gefunden: „Das Erbe im Blut“ ist der Judenroman des Heute — über das Morgen sagt Lewisohn nichts. Er zeigt seinen jüdischen Menschen keinen Weg ins Freie; er scheint zu glauben, daß es genüge Jude sein zu wollen, um es sein zu können. Gewiß: Man kann es nicht sein, wenn man es nicht will, oder nur Artur Levy, ein Urenkel Reb Mendels, Arzt und Psychoanalitiker, geht eine Ehe ein mit der Journalistin und Schriftstellerin Elizabeth Knight, der Tochter eines amerikanischen Sektengeistlichen — sie lieben sich eine Zeitlang, achten sich immer, haben ein Kind, aber verstehen sich nie restlos. Trotz beiderseitigen guten Willens zerbricht die Ehe — der Wall zwischen diesen beiden prachtvollen Menschen bleibt unübersteiglich, wenn und solange sie beide selbstbewußte und selbständige Cafe Wintergarten Franz Schnabel Vollständig renoviert (m. Parkettboden) neu eröffnet Nachmittags-Konzert / Äbend Tanz Kapelle Jos6 Zangelas Zivile Preise / Kein Weinzwang / Kein Eintritt Tassen und Portionen Kaffee werden verabreicht