Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 52 (27.12.1929)
- Date
- 1929-12-27
- Page
- Seite 770 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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770 Das Jüdische Echo Nr. 52 hervorgegangen, die die jüdische Kultur vor dem Untergange retteten. Diese historische Tatsache ist ein beredter Beweis für die Wichtigkeit des nationalen Bodens. Die nationale Institution, deren Aufgabe es ist, den Boden für die neue Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes in unseren Zeiten vorzubereiten — ist der Keren Kajemeth Lejisrael. Der K.K.L., richtig gesagt, kauft nicht und erwirbt nicht den Palästinaboden, sondern er erlöst ihn. Er hilft nicht einzelnen, sondern dem ganzen Volke. Er sorgt für den Volksbestand, indem er die Nation auf ihrem Boden fundieren und befestigen will. Deswegen gibt es hier keine Exploitierung, sonder eine Nationalisierung, weil, was dem einzelnen verboten ist, ist der Gesamtheit erlaubt. Wenn die Gesamtheit exploitiert, so geschieht dies zugunsten der Explodierten, und wenn die Gesamtheit einzelne vom Boden verdrängt, so besiedelt sie mehrere auf diesem Boden. Auch den Gewinn, der dem Kolletiv einmal zukommt, bekommt diejenige Gesamtheit, die ihn sich erarbeitet hat. Deswegen schließt die Erlösung des nationalgeschichtlichen Bodens durch den Keren Kajemeth auch ein Ziel von hoher national-gesellschaftlicher und allgemein menschlicher Gerechtigkeit ein. Ist denn ein Volk, welches in seinem Boden Wurzel schlagen will, nicht ein Teil der Menschheit? Ist die Menschheit nicht verpflichtet, ihm zu verhelfen, aus einer körperlichen Seele eine lebendige mit Boden und Vaterland versehene Körperschaft zu werden, damit auch dieses unter den Völkern zerstreute Volk der Menschheit eine vollblütige Nation wird, Trägerin des Ideals der Messiaszeiten ■— der Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit? Die Erlösung des Bodens durch den Keren Kajemeth schließt die soziale Ungerechtigkeit aus — die Großgrundbesitzer, die Quelle der Zerstörung und des Niederganges des ersten und des zweiten Tempels; sie schafft Existenzmöglichkeiten für den Kleinbauern, der selbst arbeitet und von seiner Arbeit lebt. Wir sahen schon, daß der selbstarbeitende Kleinbauer es war, der die herrliche Kultur der ersten und zweiten Tempelperiode schuf, auf die sich die gesamte ethischreligiöse Kultur der Menschheit stützt. Unser Erbe Es ist in den letzten Jahren üblich geworden, mit einer deutlichen Mißachtung auf all jene herunterzusehen, in deren Leben die Einsicht in die Unentrinnbarkeit des Antisemitismus eine große, unter Umständen umwälzende Bedeutung hat. Man meinte ihnen Vorhalten zu müssen, glaß das bloße „Trutz“-Judentum nicht viel für den Menschen und noch gar nichts für den Juden zu bedeuten habe; ja nicht einmal dann, wenn aus dieser Erkenntnis des Judeseins Folgerungen gezogen werden, politischer oder kultureller Art konnte man eine Geisteshaltung anerkennen, die offenbar nur unter großen Anstrengungen aus der Negation bestimmter Zustände heraus sich zu positiven Inhalten hindurchringen konnte und in vielen, ja vielleicht den meisten Fällen bei der Negation stehen blieb. Man muß nun freilich zugeben, daß ein bloßes „Trutz“-Judentum etwa tatsächlich nicht so eingeschätzt werden kann, wie das aus allen Schätzen jüdischer Tradition gespeiste, in stetem unverlorenem Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinschaft gelebte „Voll“-Judentum: Allein darf man vergessen, daß heute jüdisches Volkstum, wo immer es besteht, peripher ist, will sagen, überall an der Grenze eines anderen Volkstums und daß es eine schöne Selbstverständlichkeit und Sicherheit jüdischen Seins, die ganz dem Gefühl entspringt und daher nach außen hin unter Umständen sogar auch von ihrem Judentum abzusehen glauben kann, überhaupt nicht geben kann, daß daher jede Form jüdischen Daseins abhängig ist von der Entwicklung von Trutzgefühlen gegenüber der übermächtigen, abschleifenden, aber doch auch isolierenden Umwelt? Darf man vergessen, daß die jüdische Zukunft nicht dem Strom gleicht, der aus mächtigen Quellen entsprungen bald über seine Ufer hinausdrängt, bald in ihnen zurücktritt, stetig einem unbekannten Ziele zuströmt, sondern eher einem Binnensee, dessen Zuflüsse schwächer und schwächer werden, anscheinend schon die Gefahr der Ausdunstung nicht mehr zu bannen vermögen und dessen Abfluß daher zu versickern droht? Und darf man vergessen, daß es deshalb heute das jüdische Problem ist, alle Trutzkräfte anzufachen und zu verstärken, ihnen den Zugang zu jüdischer Gemeinsamkeit zu eröffnen? Erkenntnis der in der Welt und in den Juden wirkenden Kräfte, Bewußtmachung des inneren Erbes, Freilegung verschütteter Quellen, all dies heißt noch nicht „jüdisch“, „als Jude“ leben —■ aber ist es nicht unerläßliche Voraussetzung dazu? Mit unvergleichlicher und nahezu wissenschaftlicher Präzision — für einen Roman vielleicht sogar allzu wissenschaftlich — zeigt dies ein Roman von Ludwig Lewisohn, dem bekannten amerikanisch-jüdischen Schriftsteller, der unlängst im Paul List Verlag, Leipzig (übersetzt von Gustav Meyrink), unter dem deutschen Titel: „Das Erbe im Blut“ erschienen ist (englisch; „The Island Within“). Lewisohn scheut nicht davor zurück, eine Erzählung mit einer „Moral“ zu geben: „Belehrt eine Erzählung nicht durch Beispiele, dann ist sie keine wahre Geschichte.“ Und die Moral seiner Geschichte einer jüdischen Familie, die er durch vier Generationen hindurch verfolgt? Der Jude trägt im Blut das Erbe seiner Ahnen mit sich, unentrinnbar und darum fügt er sich mit dem Versuch, dieses Erbe abwerfen zu wollen, selbst den größten psychischen Schaden zu: Es gibt nämlich keinen Platz für artlose Menschen in der Welt und wenn der Jude seine Art abstreifen will, dann macht er nur bittere Erfahrungen, solange bis er dies einiSlutcripicrU’. £üedaufi:tc(ie SCHRAMM ZMünchen