Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 51 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- Seite 762 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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762 Das Jüdische Echo Nr. 51 Während bei den letzten Reichstags- und Provinziallandtagswahlen im Jahre 1925 etwa 1100 rechtsradikale Stimmen abgegeben wurden, sind diese Stimmen jetzt auf 30 zurückgegangen. Sozialdemokraten und Demokraten haben im Gemeinderat die Mehrheit. Auch die Deutsche Volkspartei hat rund 500 Stimmen erhalten. Bei einer Revision, die das preußische Innenministerium wegen Durchführung der Flaggenverordnung vorgenommen hat, zeigte es sich, daß Borkum das einzige Nordseebad ist, in dem die Reichsfarben ganz ordnungsmäßig gehißt worden sind. 70. Geburtstag des Leipziger Philantropen Chaim Eitingon Leipzig, 15. Dezember. (JTA.) Am Dienstag, dem 17. Dezember, begeht Herr Chaim Eitingon, der Senior der weit über Leipzig hinaus bekannten Eitingon A.G. seinen 70. Geburtstag. Von vierzig Jahren kam Chaim Eitingon aus Moskau nach Leipzig. Seine damals gegründete Rauchwaren-Firma besitzt heute mit ihren zahlreichen internationalen Niederlassungen Weltgeltung. Chaim Eitingon hat aus eigenen Mitteln in Leipzig die größte und schönste Synagoge erbaut; mit einem Millionenaufwand stiftete er das Israelitische Krankenhaus, das als das modernste und besteingerichtete der Leipziger Krankenhäuser gilt. Auch gründete er eine Gemeinnützige Mittelstandsbank, die kleineren Leuten und Handwerkern Kredite gewährt. Der Leipziger Stadtrat hat in Anerkennung des gemeinnützigen Wirkens Eitingons die dem Krankenhaus anliegende Straße „Eitingon-Straße“ genannt. Eitingon ist Repräsentant der Jüdischen Volkspartei der Leipziger Jüdischen Gemeinde, Zionist und eifriger Förderer des Palästinawerkes. Gemeinsam mit seinem Schwager Paensohn gründete er in Palästina die große Ölfabrik „Schemen“, die mehreren hundert jüdischen Arbeitern Beschäftigung gibt. Nationalsozialisten toben im Frankfurter Parlament Frankfurt a. M., 12. Dezember. (JTA.) Die Nationalsozialisten, denen es bei den jüngsten Gemeindewahlen in Preußen gelungen ist, zum ersten Male in mehrere Stadtparlamente einzuziehen, haben anläßlich der Vorstandswahl im Frankfurter Parlament eine Probe ihres Könnens geleistet. Sie schlugen die Wahl des Nationalsozialisten Linder als ersten Vorsitzenden vor und ergingen sich während der Debatte in wüste Beschimpfungen gegen die Juden. Stadtverordneter Loeb (Sozialist) erklärte, es sei eine Schande, wie hier von Leuten systematische Schimpfereien und nichts anderes betrieben würde. Er sei Jude und stolz darauf. Die Nationalsozialisten tobten und schrien gegen den Redner, so daß seine weiteren Worte im Tumult untergingen. Schließlich wurde der Sozialist Heißwolf zum ersten Vorsitzenden mit 60 gegen 20 Stimmen der Nationalsozialisten und Kommunisten gewählt. 15. Tagung der Badischen Landessynode Karlsruhe, 4. Dezember. (JTA.) Im Landtagsgebäude zu Karlsruhe wurde am Sonntag die 15. ordentliche Synode der jüdischen Gemeinden Badens abgehalten. Zum Präsidenten der Synode wurde Dr. Jeselsohn (liberal) mit 70 Stimmen gewählt. Der Vorsitzende des Oberrats erörterte die ideellen und finanziellen Belange der Religionsgemeinschaft, wies auf die Abnahmen der Gemeinden und die zahlenmäßige Verminderung der Jugend hin. Am Montag, dem 2. Dezember, referierte in der Hauptsitzung Maier (Freiburg, liberal) über die Frage der Übernahme der Rabbinergehälter und der Lehrergehälter auf die Zentralkasse. Obwohl alle Landbezirke eine solche Übernahme wünschen, konnten Oberrat und Synode dem nicht zustimmen, da die Übernahme der Lehrergehälter auf die Zentralkasse etwa 300 000 RM. (statt 114 000 RM.) erfordert hätten. Dagegen werden die durch die Besuche der Gemeinden seitens der Rabbiner entstehenden Dienstkosten künftighin von der Zentralkasse getragen werden. Es wurde eine Resolution gefaßt, wonach Lehrer mit der religiösen Fürsorge für Kultus, Einrichtungen usw. in allen Filialgemeinden betraut und zur Berichterstattung an das zuständige Rabbinat veranlaßt werden sollen. Der Aufwand zur Ausbildung von Rabbinern und Lehrern beträgt 27 750 RM., für Fortbildung und wissenschaftliche Tätigkeit der Rabbiner und Lehrer rund 6000 RM., Zuschüsse an bedürftige Gemeinden für Instandsetzung der Kultuseinrichtungen 20 000 RM., sowie eine Position von 100 000 RM. für soziale Zwecke. Der Gesamtvoranschlag, der zur Annahme gelangte, beträgt rund 630 000 RM., zu dessen Aufbringung der bisherige Steuersatz von 6 Prozent weiter erhoben werden wird. Der bisherige Oberrat wurde durch Zuruf wiedergewählt, ferner vier Konservative und vier liberale Abgeordnete in den Synodalausschuß gewählt. Jean Fischer, der Führer der belgischen Zionisten, gestorben Antwerpen, 15. Dezember. (JTA.) Im Alter von 58 Jahren verstarb in Antwerpen Herr Jean Fischer, der Führer der belgischen Zionisten. Jean Fischer war seit Jahrzehnten in der zionistischen Bewegung führend tätig. Er wohnte den letzten zehn Kongressen als Delegierter der belgischen Zionisten bei und wurde jedesmal in das Zionistische Aktions-Komitee gewählt. Er war einer der markantesten Führer der Gruppe politischer Zionisten aus der Gefolgschaft von Max Nordau und Alexander Marmorek. Wenn er auch der Idee der Jewish Agency kritisch gegenüberstand und Vorbehalte machte, so hat er schließlich auf dem letzten Kongreß für die Jewish Agency gestimmt. Er wurde wiederum in das Aktions-Komitee gewählt und gehört demgemäß dem Council der Jewish Agency an. — Unter den belgischen Zionisten herrscht Trauer über den Tod ihres Führers; aus allen Ländern treffen Beileidskundgebungen ein. Die Palästina-Frage auf der Januartagung des Völkerbundsrates Genf, 15. Dezember. (JTA.) Die am 13. Januar in Genf beginnende Tagung des Völkerbundsrates wird sich laut dem soeben veröffentlichten Programm auch mit der Frage Palästinas zu beschäftigen haben, und zwar wird der Völkerbundsrat über die Einberufung einer ausschließlich der Behandlung der gegenwärtigen Palästinalage gewidmeten außerordentlichen Session der Mandatskommission im März 1930 zu beschließen haben. Ferner wird der Rat über den Vorschlag der britischen Regierung, eine spezielle Klagemauerkommission zur Untersuchung und Festlegung der Rechte und Ansprüche der Juden und der Araber auf die Klagemauer zu ernennen, zu beschließen haben. Außerordentlicher Parteitag der österreichischen Zionisten — Ein Judenstaats-Beschluß Wien, *10. Dezember. (JTA.) Der in diesen Tagen in Wien stattgefundene außerordentliche Delegiertentag des Zionistischen Landesverbandes für Österreich war fast ausschließlich der inneren Re-