Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 51 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- Seite 753 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176143--10001-9082909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 51 Das Jüdische Echo 753 Der neue deutsche Jude Über Franz Rosenzweig schreibt Dr. Leo Baeck der „Jüdischen Rundschau“: „In Franz Rosenzweig steht der neue deutsche Jude vor uns. Ober gewordene Zwiespälte und Gegensätze ist er zu werdender Einheit hinausgeschritten, aus erstarrten Antithesen hervor hat er eine lebendige Synthese gewonnen. Darum hat er die vergangene Zeit neu entdeckt, die Gegenwart neu verstanden und neu nach der Zukunft ausgeblickt. Auch seine Persönlichkeit, nicht nur sein Werk, dauert daher über sein Leben hinaus.“ Die Ärbeit der Untersuchungskommisslon Die Vernehmung des Mufti Nachdem am 1. und 2. Dezember mehrere arabische Zeugen vernommen worden waren, unter ihnen der frühere Bürgermeister von Nablus, ein Mitglied der Arabischen Exekutive, das durch seine Hetztätigkeit besonders bekannt ist, und auch zwei Deutsche, begann am 3. Dezember die Vernehmung des Großmufti. Jerusalem, 3.-Dezember. (JTA.) In den Räumen des im Hause des Großmufti untergebrachten Moslemitischen Religiösen Gerichts erschienen die Mitglieder der Untersuchungskommission und die Anwälte der Regierung, der zionistischen Exekutive und der arabischen Exekutive, um den Großmufti über die unmittelbaren Ursachen der palästinensischen Unruhen und über seine Rolle bei diesen Unruhen zu vernehmen. Der Mufti erklärte, auf Befragen des Anwalts der Araber, Stoker, er glaube an die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion“. Der Anwalt der Zionistischen Exekutive, Sir Boyd Merriman, trat der Erklärung des Großmufti durch die Richtigstellung entgegen, daß die sogenannten „Protokolle“ bereits als Fälschung entlarvt worden sind. Stoker beantragte, die arabische Übersetzung des französischen Textes der „Protokolle“ zu den Akten zu nehmen. Die Kommission konnte sich zunächst nicht entschließen, dieses Buch als Beweismittel für irgendetwas zu den Akten zu nehmen, schließlich aber entschied sie sich für die Zulassung des Buches, und zwar nicht als Beweis für etwaige Bestrebungen der Juden, sondern als Symptom für die Mentalität jener Moslems, die an die Echtheit der Protokolle glauben. Es wurde deshalb von der Verlesung von Auszügen aus dem Pamphlet Abstand genommen. Es kam auch zur Spache, daß die Palästina-Regierung die Zirkulation dieses als Fälschung festgestellten Buches verboten hat. Der Mufti kam dann auf die Frage der Klagemauer zu sprechen und erklärte, die Juden haben lediglich das Recht zur Mauer heranzukommen, und zwar auf Grund einer nicht über neunzig Jahre zurückgehenden Gewohnheit. Ein Recht, an der Klagemauer zu beten und dort die Stimme zu erheben, haben die Juden nicht. Der Mufti verwies auf die Heiligkeit der von den Moslems „Burak“ genannten Klagemauer, die sich auf einer Stelle im Koran gründet, in der die Grenzen der Moschee angegeben sind. Diese Grenzen, sagte der Mufti, schließen nicht allein die Klagemauer, sondern auch das Pflaster vor derselben ein. Der Mufti erklärte, daß seine Wahl zum Präsidenten des Moslemitischen Obersten Rates für lebenslänglich gilt ungeachtet gewisser von moslemitischen Kreisen dagegen erhobenen Einwendungen. Die Moslemiten sind empört, weil die Regierung es nicht verstanden hat, die jüdische Anmaßung einzudämmen, sie fürchten, daß der jüdische Einfluß ausreichen könnte, um die Regierung dazu zu bringen, über die wahren jüdischen Absichten hinwegzusehen. Als Beweis für die jüdischen Aspirationen auf das Tempelgebiet führte der Großmufti die Misrach-Bilder, einen angeblichen Ausspruch Lord Melchetts, daß er sein Leben dem Wiederaufbau des I empels widmen wolle — der Mufti sagte, er glaube nicht, daß Melchetts Worte nur symbolisch gemeint waren —, ferner Albert Einsteins angebliche Erklärung, daß das Judentum ohne Tempel wie ein Körper ohne Kopf sei. (Bekanntlich hat Professor Einstein diese vom Mufti schon einmal in einem Interview mit Pierre van Paassen aufgestellte Behauptung als eine bewußt ausgesprochene Lüge erklärt.) Der Mufti wies auch auf die von Harry Sacher und Dr. Stephen S. Wise auf dem Züricher Zionistenkongreß gehaltenen Ansprachen hin, wonach die Beibehaltung des Status quo den Juden nicht genüge, und führte weiter aus, die Moslemiten seien überzeugt, daß die Juden just den letzten Tischa b’Aw zur Herbeiführung von Unruhen wählten, weil sie im Hinblick auf die Tagung der Jewish Agency in Zürich hofften, die Agecny werde die Arbeiterregierung in England dahin beeinflussen, den Status an der Mauer zugunsten der Juden zu ändern. Daß er, der Mufti selbst, die Moslems zu den letzten Unruhen aufhetzte, stellt er in Abrede und sagte, es sei schon so die Gewohnheit der Juden, die Schuld auf andere abzuschieben. Die Regierung habe ihm für seinen beruhgienden Einfluß wiederholt gedankt. Die Moslemitische Gegendemonstration war nach der vorangegangenen jüdischen Demonstration unvermeidlich geworden. Dieses Bild, sagte der Mufti, symbolisiert den Wunsch der Juden, ein offenes Portal von der Mauer zum Tempel zu gewinnen. Es erregte Heiterkeit, als der Anwalt der Zionistischen Exekutive ein gleiches Fähnchen, das im Hintergrund die Davidzitadelle statt der Klagemauer zeigt, vorwies. Im Verlauf seiner weiteren Vernehmung durch die Untersuchungskommission kam der Groß-Mufti auf die Umstände vor und während der Unruhen in Palästina zu sprechen und führte aus, vor dem 23. August war die Stimmung in Jerusalem eine solche, daß die Moslems vom Lande sich wegen der drohenden Haltung der Jerusalemer Juden, die sogar aus den Dörfern eintreffende Frauen tätlich beleidigten, sich fürchteten, die Stadt zu betreten. Der Vormittag des Freitag, 23. August, war vollkommen ruhig verlaufen. Es war nicht nur seine Überzeugung, sondern auch die des stellvertretenden Distriktskommissars Gust und des Majors Saunders, der ihn an jenem Vormittage besuchte, daß die Verhältnisse vollkommen normal seien. Saunders hatte deshalb beschlossen, den Fellachen die ihnen vorher abgenommenen Stöcke wieder zurückzugeben. Gegen Mittag erst hörte er, der Mufti, Schüsse aus der Gegend des Moschee-Gebietes, er wußte aber nicht, von welcher Seite sie abgegeben wurden. Er tat sein Bestes, um die aufgeregte Menge zu beschwichtigen und ordnete an, daß in der Aksa-Moschee der Koran gelesen werde, um die Leute, die durch die Lektüre von unter sie verteilten kommunistischen Flugblättern in arabischer und hebräischer Sprache in Erregung geraten waren, auf andere Gedanken zu bringen. Die Unruhe stieg, als zwei aus Wunden blutende Araber ankamen und die Menge zu schreien begann: Die Juden töten unsere Brüder.