Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-12-13 · 50 (13.12.1929) · p. Seite 739

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
50 (13.12.1929)
Date
1929-12-13
Page
Seite 739 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176138--09984-9082893
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 50 Das Jüdische Echo 739 Die Personen der Angegriffenen allein bürgen schon dafür, daß an diesen Vorwürfen kein wahres Wort ist. Selbst die Mitglieder des „Brith Scl\alom“, zu denen Blumenfeld nicht gehört, sind nie soweit gegangen, auf die rechtliche Grundlage unserer Existenz in Palästina zu verzichten. Der wesentliche Unterschied zwischen ihnen und den übrigen Gruppen im Zionismus besteht lediglich darin, daß sie bezüglich der Wahl der Mittel, die die Verwirklichung unserer gerechten Forderungen herbeiführen sollen, anderer Anschauung sind, als eine große Anzahl der deutschen Zionisten. Die von Blumenfeld für unsere gegenwärtige Politik aufgestellten Richtlinien werden dagegen von der überwiegenden Mehrheit unserer Freunde unbedingt geteilt. Seine Forderung, daß unverzüglich ein „arabisches Ressort“ bei der Exekutive geschaffen werden muß, das wirkliche Kenntnisse über die Vorgänge und Machtverhältnisse im arabischen Fager vermitteln und so erst die Möglichkeit für Verhandlungen mit den Arabern über die Beilegung der Streitigkeiten schaffen kann, ist unbestreitbar richtig und wichtig. So sieht aber in Wahrheit die von ihm angeblich verlangte Aufnahme sofortiger Verhandlungen mit den Arabern aus. Daß wir aber ganz besonders daran interessiert sind, alles Menschenmögliche zu tun, um die Wiederholung solcher Unruhen, wie sie sich gerade infolge unserer Unkenntnis der Zustände im Lager der Araber ereignen konnten, zu verhindern, braucht wahrlich nicht erst bewiesen zu werden. Wenn schließlich Blumenfeld nachdrücklich darauf hinweist, daß es dringendstes Gebot der Stunde für uns sein muß, die Sympathien, die wir uns durch zähe Aufklärungsarbeit in der Kulturwelt erworben haben, nicht zu gefährden durch feierliche Proklamationen von Sehnsuchtszielen in einer Zeit, in der es darum geht, Politik auf kurze Sicht zu machen, zu lavieren, sich nicht festzulegen, so wird er auch mit dieser Forderung die Einsichtigen für sich haben. Mit Recht hat deshalb Blumenfeld auf dem Gruppenverbandstage in Nürnberg darauf hingewiesen, wie schädlich und verkehrt es ist, wenn die Führung zu so ungelegener Zeit aus Mangel an Vertrauen bei der Masse gezwungen wird, in so heiklen politischen Fragen Bekenntnisse abzulegen, die schon durch die Tatsache ihrer Veröffentlichung die geleistete Arbeit diskreditieren und empfindlich schädigen müssen. Überdies wird der Delegiertentag, dessen Einberufung wegen dieser künstlich hervorgerufenen Vertrauenskrise unabwendbar geworden war, beweisen, daß viele scheinbare Differenzen in Wirklichkeit gar nicht bestehen. Hierüber zu handeln ist aber nicht Absicht dieses Aufsatzes. Hier soll lediglich gezeigt werden: Die Frage der Araberpolitik ist für uns nicht zentral. Haben wir zu unserer Führung das Vertrauen, daß sie unseren eigensten Aufgaben gewachsen und hier wirklich führend ist, so handeln wir unpolitisch und schädigen wir unsere gemeinsame Sache, wenn wir der Leitung das Vertrauen deshalb entziehen, weil sie aus ihrer zionistischen Überzeugung heraus in einer Frage, die für sie und uns peripher ist, gewissen Instinkten und Gefühlen, die, vom Standpunkt der Opposition aus betrachtet, zu Unrecht vernachlässigt worden sein mögen, nicht entspricht. Wir können nur hoffen, daß die Opposition die Gründe, die sie für ihre Stellungnahme ins Treffen führt, auch in Wahrheit für die entscheidenden hält und daß es ihr nicht — wie man manchmal zu glauben versucht sein könnte — darum zu tun ist, sie zum Vorwand für einen Vorstoß zu nehmen, der ihr Anhänger zuführen soll, auf die sie sonst nicht zu rechnen hätte, ein politisch zwar legitimes, aber deshalb um so schärfer zu bekämpfendes Verhalten. Wogegen wir uns wenden: In erster Linie dagegen, daß unsere Aufmerksamkeit von der wirklichen Front weg, unsere Arbeit auf ein Nebengeleise geschoben wird; wir wollen nicht uns einreden, durch Wahlarbeit eine Leistung für Palästina zu vollbringen, durch den Sturz einer bewährten, zionistisch zuverlässigen Leitung einer wichtigen Aufgabe gerecht zu werden, wir wollen nicht unsere Energien auf ein angenehmeres, auf ein Gebiet schwächeren Widerstandes hinüberziehen lassen, wir wollen nicht verdrängen. Irrwege Immer schon gab es verschiedene Auffassungen des zionistischen Ziels, immer auch verschiedene Meinungen über die richtigen Methoden der zionistischen Arbeit. Es ist daher kein Wunder, daß nach Ereignissen, die die zionistische Welt so tief aufwühlten, wie die Herbstunruhen in Palästina, alte Differenzierungen sich viel schroffer ausdriieken und neue entstehen; es ist auch kein Wunder, daß in diesem Moment, der aus den verschiedensten Gründen heraus jeden Zionisten zwang, in einer in vielen Dingen grundlegend veränderten Situation neu zu den zionistischen Problemen Stellung zu nehmen, Gruppen, die bisher zusammengearbeitet haben, weil sie in ihren praktischen Zielen nahezu restlos übereinstimmten, sich spalten, wenn in grundsätzlichen Fragen auf einmal offenbar eine einheitliche Auffassung nicht mehr gefunden werden kann. Die zionistische Außenpolitik, im besonderen die Araberpolitik, ist solch eine grundsätzliche Frage — sie müßte es vielleicht nicht unbedingt sein, aber man hat sie dazu gemacht. Man beklagt es mit Recht, daß nun in Deutschland über eine wesentlich außenpolitische Differenz ein Wahlkampf zu einem außerordentlichen Delegiertentag stattfinden muß — daß dieser Wahlkampf die praktische Arbeit hindern müsse, scheint mir indessen nicht unbedingt zuzutreffen. Sicherlich ist es vielerorts keineswegs der Fall, und es ist beinahe zu befürchten, daß in der stereotypen Klage über die Tatsache der Behinderung der praktischen Arbeit etwas ganz anderes steckt, nämlich ein Unbehagen über das Bedürfnis vieler Zionisten, sich gerade heute über zionistische Probleme den Kopf zu zerbrechen und von ihrer Führung klare Ansichten zu hören. Wenn man nun aber tatsächlich zugeben sollte, daß die außenpolitischen Fragen in Deutschland Fragen sekundärer Natur wären, warum hat dann die Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, warum hat die „Jüdische Rundschau“ nicht darauf verzichtet, in allen Äußerungen zu und nach den Ereignissen in Palästina eine Araberpolitik zu verlangen, die in einem lebhaft empfundenen Gegensatz zu der der Exekutive und des A.C. stand, deren Richtigkeit nicht nur rein praktisch angezweifelt werden kann und muß, die aber besonders unter dem Gesichtswinkel der zionistischen Zielsetzung und nach ihren Motiven betrachtet den schärfsten Widerspruch auch allgemeiner Zionisten hervorrufen mußte? Fine Führung, die selbst so verfährt, und die sich, wie aus ihren eigenen Veröffentlichungen hervorgeht, auch klar darüber war, daß man ihrer Haltung entschiedenen Opposition entgegensetzen würde, kann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.