Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 48 (29.11.1929)
- Date
- 1929-11-29
- Page
- Seite 708 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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708 Das Jüdische Echo Nr. 48 Luke und Ruthenberg vor der Untersuchungskommission Jerusalem, 18. November. (JTA.) Früher als allgemein erwartet, erschien der Chefsekretär der Palästinaregierung und stellvertretende Oberkommissar, Herr H. C. Luke, als Zeuge vor der Untersuchungskommission, um zunächst über die, Klagemauerkonflikte auszusagen. Herr Luke, der während der Unruhetage in Abwesenheit des Oberkommissars, Sir John Chancellor, an der Spitze der Palästina-Administration gestanden hat, berichtete über die Maßnahmen, die er zur Aufrechterhaltung der Ordnung getroffen hatte. Der von mir verfolgte Kurs, sagte er, war nicht von Feigheit und Schwäche, sondern von Politik diktiert. Ich habe sogar eine Vorschrift übergangen, indem ich mich wegen militärischer Verstärkungen nicht erst nach London, sondern direkt nach Ägypten gewandt habe. Vom Regierungsanwalt Kenelm Preedy befragt, berichtete Luke zunächst über den Verlauf der Vorgänge am 14. und 15. August. Uber die arabische Demonstration an der Klagemauer sagte er u. a.: Ich richtete an den Mufti das dringende Ersuchen, alles zu tun, damit eine moslemitische Demonstration nicht stattfinde, und sollte die Demonstration unvermeidlich sein, dafür zu sorgen, daß sie auf das Moscheegebiet beschränkt bleibt. Der Mufti erklärte sich bereit, meinem Ersuchen zu willfahren, aber bevor er noch zur Moschee gelangen konnte, hatten sich die Moslemiten auf dem Pflaster vor der Klagemauer versammelt. Ich wurde nie wegen der Abhaltung dieser Demonstration um Erlaubnis gefragt und habe auch nie eine solche Erlaubnis erteilt. Von dem Aufruhr am 23. August, sagte Luke, habe er erst erfahren, als ein erregter arabischer Mob direkt unter dem Fenster seines Büros, das sich in der Nähe des Damaskus-Tores befindet, hin und her schwärmte. Herr Luke teilte weiter mit, daß auf Anregung des Herrn Horowitz von der Zionistischen Exekutive eine Beratung von drei jüdischen und drei arabischen Führern in seinem, Lukes, Hause abgehalten wurde. Der Abschluß eines Übereinkommens wurde auf einige Tage verschoben. Zu einem solchen Übereinkommen kam es aber nicht mehr, da inzwischen, am 23. August, der Aufruhr kam. Luke gab weiterhin zu, daß die offiziellen arabischen Darstellungen der Unruhen und des Verlaufs der Unruhen unrichtig seien; auch gab er zu,, daß durch Major Keith-Roach am Versöhnungstag 1928 die religiösen Empfindungen der Juden verletzt worden seien. Darauf entspann sich eine Aussprache, wer als Autorität an der Mauer zu betrachten sei. Im Verlauf der weiteren Aussagen von Luke kam es zu erregten Szenen zwischen ihm und dem Anwalt der Exekutive, Sir Boyd Merriman. Wenn Sie, sagte Sir Boyd, irgendwelche spezifischen Instruktionen haben über Vorsichtsmaßnahmen bei Benutzung der neuen Tür durch Moslemiten, die verhindern könnten, daß das Pflaster vor der Klagemauer zu einer gewöhnlichen Passage wird, so teilen Sie uns diese mit. Luke erwiderte, die Juden hätten hierüber keine Klage geführt. Sir Boyd erinnerte Luke an den Besuch, den Pinchas Ruthenberg am 6. August ihm, Luke, abgestattet hat und in welchem Rutenberg ihm die Besorgnis über die unter den Juden immer mehr wachsende Erregung mitteilte; dabei ist zu bedenken, fügte Sir Boyd hinzu, daß Ruthenberg sich früher mit solchen Angelegenheiten nie befaßt hat. Luke sagte, er erinnere sich an diese Warnung Ruthenbergs nicht. , Luke erklärte auf Befragen, daß die Zeitung „Felestin“, ebenso wie andere arabische Zeitungen, die sich früher dem Regime der Familie Husseini widersetzt hatten, jetzt den Großmufti unterstützt. Seit den Unruhen gibt es fast keine Parteipolitik unter den Arabern mehr. Sir Boyd zitierte „Felestin“ vom 13. August, wonach die Scheichs in Nablus und in Haifa sowie alle Vertrauensmänner des Wakf Order erhalten hatten, Vereinigungen zum Schutze der moslemitischen heiligen Stätten zu gründen. Haben dies die Juden provoziert? Luke erwiderte: Die Reden auf dem Zionistenkongreß in Zürich haben die Gefühle erregt. Sir Boyd verlas die offiziellen Resolutionen, die in Zürich gefaßt wurden, und fragte, ob es hier ein einziges Wort gibt, gegen welches irgend jemand eine Einwendung erheben könne. Luke beantwortete diese Frage nicht und erklärte nochmals, es bestünde ein Unterschied zwischen der moslemitischen und der jüdischen Auffassung. Die Resolution, die die ungestörte Andachtsübung verlangt, dürfte Beunruhigung erregen. Sir Boyd verlas das Weißbuch, laut welchem bestimmte Zubehöre gestattet sind und forderte Luke auf, zu sagen, womit die Erregung der Moslemiten gerechtfertigt werden könne. Luke wich der Frage aus und erklärte schließlich, daß die Forderung der Zionisten nach freier ungestörter Andachtsübung geeignet war, unter den Arabern Besorgnis zu erregen. Sir Boyd fragte Luke, ob er, als er die jüdische Prozession am Tischa b’Aw gestattet habe, daran gedacht habe, daß die Moslemiten eine Gegendemonstration veranstalten könnten, und ob er sich eine Vorstellung davon gemacht habe, was es für die Juden bedeuten würde, wenn die Moslems auf den Platz vor der Klagemauer eindringen. Luke erwiderte, er habe keine Zeit gehabt, an die Wirkung zu denken, er habe sich darauf beschränkt, eine Gegendemonstration zu verhindern. Ihre Sache war es, sagte Sir Boyd, sie um jeden Preis zu verhindern. Nein, um keinen Preis, Sir Boyd, rief Luke erregt. Glauben Sie, fragte Sir Boyd, daß wenn Sie die Demonstration verboten hätten, ein allgemeines Massaker die Folge gewesen wäre? Das sagte ich nicht, erwiderte Luke, aber eine Demonstration im Haramgebiet hätte nur mit beträchtlichen Blutopfern verhindert werden können. Jerusalem, 20. November. (JTA.) Die Sitzung der britischen Untersuchungskommission am 18. November, die ganz der Vernehmung des Chefsekretärs und während der Unruhetage stellvertretenden Oberkommissars H. C. Luke gewidmet war, wurde früher als an anderen Tagen beendet, weil die Kommission darüber beraten wollte, ob sie die von Sir Boyd Merriman an Luke gerichtete Frage, ob die Regierung, indem sie das Schofarblasen an der Klagemauer am Abend des Versöhnungstages verbot, direkten arabischen Drohungen nachgegeben hat, zulassen solle. Der Vorsitzende der Kommission, Sir Walter Shaw, entschied, daß die Frage gestellt werden solle.