Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 46 (15.11.1929)
- Date
- 1929-11-15
- Page
- Seite 686 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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686 Das Jüdische Echo Nr. 46 ■ iiiiiiiiniiiii Ul ii m II „ | Feuilleton ||!I1 .1. Illlll II liill iil Habimah im Münchener Schauspielhaus Die Krone Davids Die heroische Epoche der jüdischen Geschichte, die Zeit eisenharter Kämpfer, gewaltiger Kriegsmänner, aber auch die Zeit beginnender jüdischer Kultur nach jahrhundertelanger Halbbarbarei und die Zeit stärkster Ausprägung jüdischer Religiosität bietet, so sollte man meinen, einen Stoff, der das Ensemble der Habimah in seiner nationalen und menschlichen Bedeutung noch über sich hinaus erhebt: die überragende Gestalt Davids in der einsamen Größe seines Alters, unverstanden von Söhnen und Gefolgschaft im Mittelpunkt eines Dramas, in dem es um Macht geht, aber auch um Gott, in dem die ungezügelten Leidenschaften eines erbarmungslosen Geschlechts von Kriegern, der Egoismus kaltherziger Ratgeher, aber auch die reine Treue verbundener Menschen, die Gerechtigkeitsliebe und Gottessehnsucht einer Kampf- und Lebensgemeinschaft zu einem gewaltigen Bild einer aufstrebenden Nation zu vereinen wären, das wäre die der Habimah würdige Aufgabe. Leider erfüllt das Stück, eine von Izchak Lamdan herrührende hebräische Bearbeitung der „Locken Absaloms“ des Calderon de la Barca diese Voraussetzungen nur in geringem Maße. Es gibt zwar in enger Anlehnung an den biblischen Bericht die Geschichte Amnons und seiner blutschänderischen Liebe zu Thamar wieder, es verknüpft damit die Rache, den Aufstand und das Ende Absaloms und zeigt das unentschlossene Schwanken Davids zwischen seinen Söhnen, aber es bleibt doch eine Bilderfolge ohne rechten inneren Zusammenhang, ohne dramatische Zuspitzung eine Aufreihung der von der Bibel erzählten Geschehnisse ohne tiefere Charakterisierung der handelnden Personen, ohne Herausarbeitung der zahlreichen gegebenen tragischen Konflikte und vor allem: es scheitert gänzlich an der Aufgabe, auch die Größe dieser Zeit zu zeigen. Was bleibt, ist ein Hexenkessel niedrigster menschlicher Leidenschaften, in dem sich die davidische Familie verzehrt und in den alle Personen hineingerissen werden, nur David seihst und vielleicht noch sein Feldherr Joab sind mächtig und bedeutend gesehen und nur sie vermögen tiefere Anteilnahme hervorzurufen. Seinen kongenialen Dichter muß dieser Stoff also erst noch finden, daß die „Habimah“ die kongeniale szenische Gestalterin ist, hat die Aufführung bewiesen. Was hat die Habimah aus dieser Unterlage zu einem Melodram gemacht? Das, was die Dichtung hätte bieten sollen, eine große Tragödie! Das übermenschliche Leid des altgewordenen David, der sich zu schwach sieht, sein Werk zu sichern, dessen Flehen zu (iott unerhört bleibt und der den Untergang dreier seiner Söhne erleben muß, wird, so wenig es dichterisch gestaltet sein mag, in der Darstellung Messkins zu einem erschütternden Erlebnis; zu legendärer Größe wächst sein David empor, wenn er die äthiopische Weissagerin (von Ch. Rosowaka mit raserischer Besessenheit verkörpert) von sich weist, wenn er Amnon gegenüber dem Widerstand seiner anderen Söhne und seiner Umgebung verschont, damit seine ganze Schwäche enthüllt und seine ganze Stärke beweist und wenn er zum Schluß, ein geborstener Fels, sein Schicksal beklagt. Die Königssöhne, der höfisch-glatte, aber machtgierige Absalom Zwi Friedlands, der leidenschaftlich brutale, ja fast tierische, aber doch auch heldenhafte Amnon S. Finkeis, der düstere, zielstrebige und egoistisch kluge Salomon E. Winiars, der schwächliche Eliphelet A. Baratzs sind seine wenig sympathischen Gegenspieler, die ihm mit ihren kaum besseren Ratgebern Schmerz auf Schmerz zufügen und doch seiner nicht ganz Herr werden. Ein besonderes Lob gebührt dem Ahitophel M. Benjaminis, der den bösen Ratgeber und verratenen Verräter mit unheimlicher Beweglichkeit und zugespitzter Schärfe der Rede ausstattete, der starre Joab Bertonoffs und der gehässige Simei Ben Chaims standen ihm an Wirkung kaum nach. Thamar, die reine Jungfrau, und Thamar, das geschändete, verstoßene, noch liebende und doch schon rachedurstige Weib: die Rowina packte wie immer durch ihre Zartheit wie durch ihre Kraft, durch ihre verhaltene Anmut, wie durch ihre stürmische Leidenschaft, durch die Sehnsucht ihres liebe- und leidvollen Gesangs wie durch den empörten Ausbruch ihrer Rachgier und ihres Vernichtungswillens, kurz durch die unbeschreiblich meisterhafte Beherrschung jedes seelischen Ausdrucksmitlels in Haltung, Gebärde und Ton; sie ist eine unvergleichliche Tragödin, deren neue Gestaltung auch gegenüber ihren bisherigen unübertrefflichen Schöpfungen in nichts zurücksteht. Wie immer ist auch das fugen- und nahtlose Ineinanderarbeiten des gesamten Ensembles bewundernswert. Der Regisseur D i k y hat im ganzen die Tradition Wachtangoffs aufs glücklichste fortgesetzt, ohne allerdings die dem Spiel der Habimah immer gefährliche Grenze zum Opernhaften stets einzuhalten; eine gewisse Einförmigkeit, die Wiederholung der gleichen Gebärden und Bewegungen auch bei verschiedenen Personen könnte vielleicht noch ausgemerzt werden. Szenen von grandioser Wucht und Eindringlichkeit, durchzittert von eruptiver Leidenschaftlichkeit, wie das Fest bei Absalom, die Versöhnung der Brüder und die Ermordung Amnons zeigen jedoch wieder und wieder, daß der Habim a h nicht unverdient eine Erneuerung der Theaterkunst in kultischem Geist zugeschrieben wird. Davon legen auch die primitiven, aber heroische Weite atmenden Bühnenbilder und die Masken und Typen der Schauspieler Zeugnis ab; besonders geglückt in Stimmung und Umriß ist das Gebirge des letzten Bildes, wo sich die tragischen Geschicke Absaloms und Davids vollenden, und wo an der Leiche des toten Bruders Adonia und Salomo den Kampf um die Krone von neuem beginnen. Das hingerissene Publikum dankte mit langanhaltendem Beifall. I. E. Der Schatz Schalom Alejchem hat in seinen Erzählungen die Atmosphäre des jüdischen „Städtels“ eingefangen: in der Dramatisierung des „Schatzes“ und der Aufführung der Habimah wird diese unter gegangene Welt in gespenstischer und grotesker Weise wieder lebendig. Fest und steif glauben da die armen Juden fiaujt Köotjlfafjrtabriefmarhn im UDofjlfaljrta* unb Hugenbamt bcr 3fr. tRuItusgemeinöe fHUindjtn fierio0*nta):*5tra|}e 5/1 * fernfprcrfier 92883.