Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- Seite 670 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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670 Das Jüdische Echo Nr. 45 Auf Veranlassung der Ölfabrik „Schemen“, die den Bauern das Saatgut zur Verfügung stellte, wurde in diesem Jahre im Emek und in der Jordanebene Flachs angebaut. Mit der Verwertung dieses Produktes für die Ölproduktion stellt die Ölfabrik zur Zeit im Zusammenhang mit der Landwirtschaftlichen Versuchsstation Experimente an. Zwei Experten, die man aus Griechenland kommen ließ, sollen untersuchen, ob das. Flachsstroh der hier gezogenen Sorte sich für Zwecke der Weberei eignet. Der Flachsbau, zu dem die Saat aus Cypern importiert wurde, erwies sich als ertragreich und erzielte gute Preise (17 £ pro Tonne); da er aber den Nachteil hat, daß er den Boden sehr erschöpft, ziehen es die Kolonisten vor, ihn statt auf eigenem lieber auf gepachtetem Boden zu betreiben. Der Anbau von Tabak wurde letzthin nur an einigen Stellen noch gepflegt. Nachdem jetzt der polnische Konsul mit erheblichen Bestellungen auf Tabak aus Polen zurückgekehrt ist, wird man sich in diesem Jahre der Tabakkultur wieder in stärkerem Maße zuwenden. Besonders gut war die Obsternte, vor allem waren die Trauben vorzüglich geraten. Nur ist auf diesem Gebiet der Absatz noch wenig geregelt, und die Verkaufspreise blieben daher, da der palästinensische Markt mit Trauben überreichlich versorgt war, sehr niedrig. Im vorigen Jahre hatte man einen Versuch mit Traubenversand nach England unternommen, den man in diesem Jahre nicht wiederholte, weil offenbar die Frage der Verpakkung und des schnellen Versandes noch nicht genügend gelöst ist. Die Gesellschaft „Tozeret-ha- Arez“ versuchte in diesem Jahre die Einführung palästinensischer Trauben nach Ägypten und sogar nach Indien. Da die Trauben hier früher reifen als in Syrien und Ägypten, ist sicherlich der Absatz an die Nachbarländer noch einer Ausdehnung fähig. Ein Teil der Emektrauben wurde an den Weinkeller in Rischon verkauft. Außer dem Trauben konnte man in diesem Jahre die erste Ernte neuer, bisher im Lande noch wenig angebauter Obstsorten verkaufen. Die Äpfel-, Birn- und Pfirsichbäume, die man im Emek vor Jahren gepflanzt hat, tragen jetzt zum ersten Male gute, wohlschmeckende Früchte, die recht günstige Preise erzielen. In einigen Keren-Hajessod-Siedlungen hat man in diesem Jahre auch Erdbeeren in größerem Maßstab angepflanzt und recht hohe Marktpreise dafür erhalten. Dagegen ist vorläufig der Gemüsebau noch wenig lohnend und bei den bestehenden Bewässerungsverhältnissen allzu mühsam. Nur im Jordantal, wo die Wasserfrage gelöst ist und das Gemüse früher als an allen anderen Stellen reift, lohnt sich der Anbau der landesüblichen Sorten. An einigen anderen Stellen im Emek macht man dagegen Versuche mit den bisher wenig eingeführten Gemüsen, wie Wirsing und Weißkohl, Kohlrabi, Artischocken und ähnlichen, die nun ihrer Seltenheit willen höher bezahlt werden. In starkem Aufschwung befindet sich die Milchwirtschaft, besonders an Orten wie Nahalal und Ain Tabun, in denen sich modern eingerichtete Molkereien mit Kühlräumen und Eismaschinen befinden. Diese Kühlräume sind sehr wichtig für die Erhaltung der Arbeitskraft der Siedler; denn während diese früher um 3 Uhr nachts zum Melken aufstehen mußten, können sie jetzt unbedenklich die am Abend gemolkene Milch bis zum nächsten frühen Morgen in den Kühlräumen aufbewahren. Dazu werden in zwei Molkereien in Haifa und Tel-Awiw seitens der Absatzgenossenschaft „T’nuwah“ Milchprodukte von guter Qualität; Sauermilch, Käse und Butter hergestellt. Es ist interessant, sich klarzumachen, daß diese Molkereien durch Abgaben jedes Siedlers von 1 bis 12 Pf. pro Liter Milch entstanden. Nach vielen, zum Teil opfervollen Versuchen in der Viehzucht erzielt man nun durch Kreuzung von arabischen oder Beyruther Kühen mit holländischen Stieren eine gute, gesunde und ertragreiche Sorte von Milchkühen, die sich so gut bewährt, daß — während man noch vor wenigen Jahren Zuchttiere von den Deutschen kaufte — die deutschen Kolonisten heute ihr Zuchtvieh von den jüdischen Siedlern beziehen. Auch die Eierproduktion ist ständig im Wachsen begriffen. Im ganzen Emek hat sich die Rasse der schönen weißen Leghorn durchgesetzt, die zwar ziemlich klein und mager sind, aber sehr gut legen. Für den Verkauf teilt man die Eier in zwei Sorten ein, von denen die größere mindestens 50 Gramm wiegen muß. Beim Vertrieb der landwirtschaftlichen Produkte macht sich die Tätigkeit der Vertriebskooperative „T’nuwah“ für den Vertrieb der Produkte aus Wirtschaften mit rein jüdischer Arbeit in äußerst günstiger Weise fühlbar. Durch ihre systematische Organisation des An- und Verkaufes und ihr Bestreben, eine Verbesserung zu erreichen, hat sie den Siedlern viel von ihren Kraft- und nervenraubenden Sorgen um den Absatz abgenommen. So zeigt sich auf allen Gebieten ein Aufschwung, der zu den größten Hoffnungen berechtigt. Selbstverständlich wäre es unsinnig zu erwarten, daß der Erfolg der Landwirtschaft den Siedlern schon heute ein sorgenloses Leben garantieren solle. Ist schon in allen anderen Ländern die gegenwärtige Lage der Kleinbauern recht schwierig, so kann sie es natürlich in Palästina, wo immerhin eine erste Generation sich an Klima und Arbeit zu gewöhnen hat und wo man durch — jetzt verstärkte — Nachtwachen und „Esra Hadatit“ (gegenseitige Wirtschaftshilfe) mehrere Arbeitstage im Monat verliert, nicht weniger sein. Hier muß sich ja nicht nur der Kolonist selber, sondern vor allem auch die Kolonistenfrau noch ganz an ihre Aufgabe gewöhnen, um nicht nur im Hause, sondern auch im Geflügelhof und Gemüsegarten sowie bei der Konservierung von Früchten helfen zu lernen. Immerhin geht die Produktion der Keren-Hajessod-Kolonien in einer deutlich erkennbaren aufsteigenden Linie, und die Lebensweise und Eigenart des Siedlers in Kwuza und Moschaw Owdim ist diejenige, die sich mehr als die irgendeines anderen jüdischen Typs die Achtung der Umwelt erringt. Talmudprozeß in Nürnberg Die Nationalsozialisten Holz und Streicher zu Gefängnisstrafen verurteilt Berlin, 4. November. (JTA.) Vor dem Nürnberger Schwurgericht hatten sich am 31. Oktober die nationalsozialistischen Mitglieder des Bayerischen Landtags Streicher und Stadtrat Holz sowie der Drucker Hilz wegen fortgesetzten Religionsvergehens, begangen durch die Presse, zu verantworten. Sechs Verfahren, von denen vier auf Anzeigen der Ortsgruppe Nürnberg oder des Landesverbandes Bayern des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zurückgehen, sollen in einheitlicher Verhandlung zum Urteil geführt werden. Die Klage macht Holz und Streicher zum Vorwurf, durch Artikel im „Stürmer“, der berüchtigten Nürnberger Wochenschrift, die