Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 658 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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658. Das Jüdische Echo Nr. 44 mittags 2.HO Uhr vor der Halle des Friedhofes der Adas-Jisroel-Gemeinde in Berlin-Weißensee unter großer Beteiligung führender jüdischer Persönlichkeiten statt. Um 5 Uhr nachmittags wurde im Meistersaal eine Trauerfeier abgehalten. Professor Dr. Aby Warburg gestorben Hamburg, 28. Oktober. (JTA.) In seiner Wohnung in Hamburg verstarb an Herzschlag im Alter von 68 Jahren Herr Professor Dr. Aby Warburg, der hervorragende Kunsthistoriker und Kulturforscher. Als Gründer der über Hamburg und Deutschland hinaus bekannten kulturwissenschaftlichen Bibliothek und als Kunsthistoriker an der Hamburger Universität genoß er weit über die Grenzen Hamburgs hinaus hohes wissenschaftliches Ansehen. Die von ihm mit Hilfe des Herrn Max M. Warburg und anderen Mitgliedern der Familie Warburg geschaffene, viele tausend Bände umfassende Bibliothek Warburg bietet eine einzigartige Übersicht über die Kunst in Vergangenheit und Gegenwart, namentlich über die Kunst der asiatischen Völker. Professor Dr. Aby Warburg war ein Abkömmling einer der ältesten jüdischen Patrizierfamilien Deutsclilands, er war ein Sohn des verstorbenen Herrn Moritz Warburg und seiner Gattin Charlotte Esther, geb. Oppenheim, und der älteste Bruder der Herren Dr. Max M. Warburg und Dr. Fritz Warburg in Hamburg und der Herren Felix M. Warburg und Paul Warburg in Neuyork. Im Gegensatz zu seinen Brüdern, die in der Weltwirtschaft eine führende Rolle einnehmen und die sich große Verdienste um die Behebung der Weltfinanzkrisis nach dem Kriege und um die Wiederherstellung der normalen Funktionen des Finanzverkehrs zwischen den Ländern erworben haben, betätigte sich Professor Dr. Aby Warburg nicht auf dem Felde der Wirtschaft, sondern auf dem der Wissenschaft und der Kulturforschung. Der Leipziger Alttestamentler Prof. Rudolf Kittel gestorben Leipzig, 22. Oktober. (JTA.) Im Alter von 76 Jahren verstarb in Leipzig der Theologe Professor Rudolf Kittel, einer der hervorragendsten Alttestamentler. Kittel veröffentlichte eine große Zahl von Untersuchungen über Probleme des Alten Testaments sowie Kommentare zu den Büchern der Könige und Psalmen. Bekannt wurde er vor allem durch sein großes Werk „Geschichte des Volkes Israel“ Er bekleidete die Würde eines Domherrn des Hochstiftes Meißen. Verurteilung von Ritualmordhetzern durch das Schwurgericht in Koburg Berlin, 24. Oktober. (JTA.) Zur Zeit der Ermordung des Primaners Daube in Gladbeck im März dieses Jahres hatte das in Neustadt bei Koburg erscheinende nationalsozialistische Wochenblatt „Der Weckruf“ einen Artikel veröffentlicht, in dem als erwiesen hingestellt wurde, daß Daube das Opfer eines jüdischen Rilualmordes geworden sei. Eine Karikaturenzeichnung stellte einen Juden mit einem bluttriefenden Messer in der Rechten und mit einem Talmud gekennzeichneten Bilde in der Linken dar. Der Staatsanwalt erblickte in dem Artikel eine Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinschaft und Oeutsche Weawäscherel O. FELIX HRA\I)\KR . MÜNCHEN Thierschstraße 21 Telefon Nr. 23 708 Spezial-Dampfwaschanstalt nur Herren-Stärkwäsche Annahmestelle auch Jägerstr. 16 / Augsburg A. 432 vord. Lech eine Aufreizung zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden. Wegen dieser Straftat hatten sich vor dem Schwurgericht Koburg zu verantworten der Lehrer und nationalsozialistische Landtagsabgeordnete Hans Schemm in Bayreuth als verantwortlicher Schriftleiter und der Reklamezeichner August Bräutigam in Koburg als Zeichner der erwähnten Karikatur. Letzterer hat sich sowohl im Mai wie im Oktober dieses Jahres der „C.-V.-Zeitung“ in Berlin als Zeichner im Kampfe gegen die Nationalsozialisten angeboten, obgleich er schon für die Nationalsozialisten antisemitische Zeichnungen ausführte. In seiner Verteidigung bezog sich der Angeklagte Schemm auf die Ritualmordliteralur und auf den Talmud, ohne jedoch behaupten zu wollen, daß er selbst an Ritualmorde glaube; auch der andere Angeklagte glaubt nicht an Rituahnorde in der heutigen Zeit. Das Gericht erkannte für beide Angeklagte auf schuldig und verurteilte Schemm dem Antrag des Staatsanwalts gemäß zu 300 RM. Geldstrafe eventuell 30 Tage Gefängnis, Bräutigam an Stelle einer verwirkten Gefängnisstrafe von 30 Tagen ebenfalls zu 300 RM. Geldstrafe. Franz Werfel aus dem Judentum ausgetreten Wien, 27. Oktober. (JTA.) Seitens der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde wird dem JTA-Ver treter mitgeteilt, daß der Dichter Franz Werfel offiziell seinen Austritt aus dem Judentum angemeldet hat. Dieser Schritt Franz Werfels hat in der Wiener jüdischen Öffentlichkeit um so mehr Aufsehen erregt, als der Dichter vor nicht langer Zeit im Zusammenhang mit der von jüdischer Seite geübten abfälligen Kritik an seinem Drama „Paulus unter den Juden“ in Zuschriften an jüdische Zeitungen sein jüdisches Nationalbewußtsein besonders betonte und sich scharf gegen die Verdächtigung wandte, als ob eg ihm nicht ernst um sein Judentum wäre. Bisher war eine Feststellung nicht möglich, ob Werfel Dissident geworden ist oder ob er durch Taufe ein christliches Bekenntnis angenommen hat. Ein jüdischer Erfolg bei den Parlamentswahlen in der Tschechoslowakei 60 000 jüdische Stimmen —Dr. Singer gewählt Prag, 28. Oktober. (JTA.) Am Sonntag, dem 27. Oktober, wurden in der Tschechoslowakei die Parlamentswahlen durchgeführt. 60 000 jüdische Wähler in der gesamten Tschechoslowakei schritten zur Urne. Die auf die vereinigte jüdisch-polnische Liste abgegebenen Stimmen sichern den Juden nach den bisherigen Feststellungen mindestens ein Mandat. Als gewählt erscheint der Präsident des jüdischen Nationalrates der Tschechoslowakei, Dr. Singer. Bei den letzten Parlamentswahlen blieb die jüdische Liste ohne ein Mandat, weil sie infolge einer ihr ungünstigen Wahlgeometrie und der Gegnerschaft der Orthodoxie in keinem Wahlkreise die vorgeschriebene Mindestzahl von 20 000 Stimmen auf sich vereinigen konnte. Der jetzige Wahlerfolg war nur durch ein taktisches Zusammengehen mit den polnischen Stimmen möglich geworden. Auf den Listen mehrerer Parteien, insbesondere der Deutschen Arbeils- und Wirtschaftsgemeinschaft, der beiden sozialdemokratischen. Parteien, der Nationalsozialisten und kleinerer Fachgruppen finden sich jüdische Namen. Man nimmt an, daß im neuen Parlament mehrere jüdische Abgeordnete Platz finden werden.