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Das jüdische Echo · 1929-10-25 · 43 (25.10.1929) · p. Seite 640

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
43 (25.10.1929)
Date
1929-10-25
Page
Seite 640 (sequence 6)
Language
German
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640 Das Jüdische Echo Nr. 43 ihre Stellung halten können; es ist auch nur der in diesem Falle vielleicht recht wenig angebrachten Friedensliebe der Zionisten und Orthodoxen, die der Gemeinde eine Neuwahl in der damaligen Situation ersparen wollten, zu danken, daß diese Herren den vor einiger Zeit ausgesprochenen Verzicht auf ihre Mandate noch einmal zurückgenommen haben. Von den anderen Münchener Unterzeichnern kann man höchstens sagen, daß sie, mit Ausnahme des Herrn Kommerzienrats Sigmund Weil und des Herrn Landgerichtsrats Dr. Dispeker, durch prinzipielle jüdische Nichtbetätigung sich zur Unterschrift dieser Erklärung legitimiert haben; Herr Landgerichtsrat Dispeker seinerseits ist bekannt als Anhänger Max Naumanns und als früherer Vorsitzender der Ortsgruppe Münchens des Verbandes Nationaldeulscher Juden und darüber, wie weit diese Richtung befugt ist, sich als Vertreter auch nur eines kleinen Teils der nichtzionistischen deutschen Juden aufzuwerfen, dürften ja die Meinungen kaum auseinander gehen. Repräsentativ für die Münchener Juden sind also diese Herren gewiß nicht, trotzdem wird man sich merken müssen, wer, von Angst gepeitscht, getrieben von jener undefinierbaren Mischung aus Hochmut und innerer Knechtschaft, aus Egoismus und Schadenfreude, die die Gesinnung aller innerlich im Ghetto Sleckengebliebenen kennzeichnet, in diesem Moment der Not die Gesetze der jüdischen Solidarität in flagranter Weise verletzt und es für nötig gehalten hat, innerjüdische Gegensätze, die freilich bestehen, vor ein Forum zu zerren, das für die Objektivität, mit der es jüdische Dinge zu beurteilen pflegt, so berühmt ist, wie der nationalistische Teil des Münchener Publikums. Allerdings kann man den Herren dabei eines zugute halten: Sie glauben vielleicht, sich durch ihre Protesterklärung vor Verfolgungen und Anfeindungen gesichert zu haben, die wieder einmal alle deutschen Juden betreffen könnten. Sie dürften sich auch in einer solchen Hoffnung getäuscht haben und niemand wird sie um den traurigen Ruhm beneiden, der durch eine solche, dem Volksverrat sehr ähnliche, Handlung zu ernten ist. Wie dem aber auch sei: Wenn es noch Leute gegeben haben mag, die diese Erklärung mit gutem Gewissen — abgesehen von der Unwahrheit der Behauptung, die' öffentliche Meinung Deutschlands werde durch Kundgebungen der Jewish Agency irregeführt— unterschreiben konnten,weil sie sich durch die Agency wirklich nicht vertreten fühlen, den Münchener Herren kann man auch dies nicht zugute hallen. Die Israelitische Kultusgemeinde München hat sich auf Grund eines ordnungsmäßig gefaßten Beschlusses durch einen Vertreter an der Wahl der deutschen nichtzionistischen Agency-Mitglieder beteiligt; sie hat dem Keren Hajessod, dem Finanzinstrument der Jewish Agency, ansehnliche Beiträge zukommen lassen, der Aktion „Hilfe durch Aufbau“ vor wenigen Wochen erst RM. 5000.— und last not least der Vorsitzende ihres Vorstandes ist stellvertretendes Mitglied des Councils der Jewish Agency; die deutsche Vertretung der Jewish Agency ist daher auch befugt, im Namen aller Münchener Juden zu sprechen. Aber das verschlägt den betreffenden Herren nichts; man weiß es ja seit langem, daß Demokratie für sie nur so lange gilt, als sie selbst die Mehrheit haben und daß sie stets ihre eigenen Wege gehen und behaupten, nicht dazu zu gehören, wenn sie mit einem Mehrheitsbeschluß nicht übereinstimmen. Es bleibt also nichts übrig, als zur Kenntnis zu nehmen: die Münchener Unterzeichner jener Erklärung fühlen sich auch durch die Münchener Kultusgemeinde nicht vertreten. Deshalb wird man nun, und zwar recht bald dafür sorgen müssen, daß niemand mehr aus diesem Kreise weiter genötigt wird, die Kultusgemeinde München zu vertreten. Haben die Herren das Bedürfnis, sich von der jüdischen Gemeinschaft, der sie angehören, distanzieren zu müssen — nun gut, so soll man ihnen keine Hindernisse entgegensetzen, ja man sollte dafür sorgen, und dies ist eine Aufgabe der besonders angegriffenen Gemeindeleitung, daß sie empfinden, was diese Unterschrift bedeutet, daß sie sich nicht nur distanziert, sondern auch isoliert und separiert haben: Eine fernere Zusammenarbeit mit ihnen im jüdischen Kreise, sei es, wo immer es sei, ist, wenn nicht unmöglich gemacht, so doch außerordentlich erschwert. I.E. Briefe zum gleichen Thema Herr San.-Rat Julius Simon, Berlin, stellt der „Jüdischen Rundschau“ den nachfolgenden Brief zur Verfügung, den er an den Präsidenten seiner Loge gerichtet hat. San.-Rat Dr. Julius Simon Berlin W 62, den 7. Oktober 1920. Würdiger Präsident, lieber Bruder! Die „Erklärung Deutscher Juden“, die in einer großen Reihe von Tageszeitungen vor einigen Tagen veröffentlicht wurde, veranlaßt mich, einige Worte an Sie zu richten. Sie kennen mich, wie ich glaube, in der Loge — soweit ich mich überhaupt bisher in ihr betätigt habe — als Vertreter der milden Tonart und des Ausgleichs; ich lehne Übertreibungen, auch von zionistischer Seite ab und andererseits habe ich nicht nötig zu begründen, wie lief ich mich mit meiner deutschen Umwelt verbunden fühle. Ich habe es ein Leben lang bewiesen, auch durch vierjährigen freiwilligen Dienst im Felde. Um so mehr werden Sie mir glauben, wenn ich sage, daß diese „Erklärung“ mich mit tiefster Empörung erfüllt. Die Erklärung ist anmaßend, weil sie in ihrer Aufmachung den sicherlich unberechtigten Eindruck erweckt, daß außer den Unterzeichnern nennenswerte Teile der deutschen Juden hinter ihr stehen, ja stehen könnten. Sie ist herzlos, denn —■ abgesehen von einem nichtssagenden, farblosen Bedauern über „die „Opfer der Vorgänge in Palästina“ — hat sie nicht einmal das Herz oder den Mut, das Bedauern über den Tod so vieler jüdischer Brüder — die doch schließlich für eine jüdische Sache gefallen sind — besonders hervorzuheben. Sie ist vor allen Dingen feige, denn in der seit Jahrhunderten beliebten und jetzt doch wohl über-

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