Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-10-25 · 43 (25.10.1929) · p. Seite 638

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
43 (25.10.1929)
Date
1929-10-25
Page
Seite 638 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176105--09864-9082773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

638 Das Jüdische Echo Nr. 43 Juden war. Selbst heule noch gibt es in der ganzen Welt eine Intensität jüdischen Leidens, von dem die öffentliche Meinung des zivilisierten Westens selten ein zusammenhängendes Bild erhält. In ganz Osteuropa ist die Gefahr des persönlichen Angriffs auf den einzelnen Juden eine ständige. An die Stelle der erniedrigenden Zurücksetzungen der alten Zeit sind wirtschaftliche Beschränkungen getreten, während anderseits zurücksetzende Maßnahmen auf kulturellem Gebiet, wie der Numerus clausus an den Universitäten, den Juden in der Sphäre des geistigen Lehens unterdrücken wollen. Ich glaube, es ist nicht nötig, heute noch darauf hinzuweisen, daß es auch im Westen ein Judenproblem gibt. Wie viele Nichtjuden haben einen Einblick in das seelische Leid und die seelische Verkrüppelung, die Erniedrigung und seelische Zerrüttung, die durch die bloße Tatsache der Heimatlosigkeit eines begabten und empfindlichen Volkes hervorgerufen wird? Wieviel schöpferische Energie wird durch den Mangel jener Organe eines normalen nationalen Ausdrucksvermögens vernichtet, die sich nur in einer erdgebundenen Kultur entwickeln können. Wie viele der oft belachten Mängel des heutigen Juden können auf die ständige Notwendigkeit übermäßiger psychologischer Anpassung zurückgeführt werden? Was all diesen Erscheinungen zugrunde hegt, ist die von den ersten Zionisten mit tiefer Intuition erfaßte Erkenntnis, daß die Judenfrage nicht durch die Assimilation des einzelnen Juden an seine Umgebung gelöst werden kann. Die jüdische Eigenart ist eine zu starke, als daß sie sich durch eine solche Assimilation verwischen ließe, und eine zu bewußte, als daß sie sich hierzu bereit fände. Es ist natürlich klar, daß es nie möglich sein wird, in Palästina mehr als eine Minorität der Juden anzusiedeln. Aber seit langem ist es die tiefe Überzeugung derjenigen, die sich objektiv mit dem Problem befaßt haben, gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, daß die Schaffung einer Nationalen Heimstätte für die Juden in Palästina die Stellung und die Würde der in ihren Heimatländern verbleibenden heben und dadurch auch eine wesentliche Besserung in dem allgemeinen Verhältnis von Juden und Nichtjuden herbeiführen wird. Der Zionismus wurzelt aber in einem noch tieferen Motiv als der Judennot. Er wurzelt in einer jüdischen geistigen Tradition, deren Erhaltung und Fortbildung für die Juden der Sinn ihres Fortbestehens als Gemeinschaft ist. In der Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes in seiner alten Heimat, wo jüdische Geisteswerte wieder in einer jüdischen Atmosphäre würden fortentwickelt werden, sehen die bewußtesten Vertreter der jüdischen Eigenart eine wesentliche Vorbedingung für die Regeneration der jüdischen Gemeinschaft und die Befreiung ihrer geistigen Schöpferkraft. In diesen Tendenzen und Bestrebungen wurzelt das jüdische Aufbauwerk in Palästina. Der Zionismus ist keine chauvinistische Bewegung, er entspringt keinem „sacro egoismo“. Ich bin überzeugt, daß die große Mehrzahl der Juden eine Bewegung von derartigem Charakter nicht unterstützen würden. Der Zionismus will auch niemanden in Palästina irgendwelcher Rechte oder irgendwelchen Besitzes berauben. Im Gegenteil, wir sind davon überzeugt, daß wir imstande sein werden, mit den uns stammesverwandten Arabern ein freundschaftliches und schöpferisches Zusammenleben herbeizuführen, das materiell und geistig beiden Teilen der Bevölkerung des Landes zum Segen gereichen wird. Während des ganzen jüdischen Kolonisationswerkes ist kein einziger Araber seines Besitzes beraubt worden; für jedes Stück Boden, das Juden erworben haben, ist der von Käufer und Verkäufer vereinbarte Preis gezahlt worden. Jeder Besucher des Landes hat Zeugnis abgelegt für die außerordentliche Hebung des wirtschaftlichen und sanitären Lebensstandards der arabischen Bevölkerung, den die jüdische Kolonisation herbeigeführt hat. Im ganzen Lande haben sich freundschaftliche Beziehungen zwischen den jüdischen Siedlungen und den benachbarten arabischen Dörfern entwickelt. In den Gewerkschaften der palästinensischen Eisenbahner haben sich jüdische und arabische Arbeiter vereinigt, und der Lebensstandard der letzteren hat sich dadurch gehoben. In der großen Bibliothek der Hebräischen Universität kann man arabische Gelehrte bei der Arbeit finden, während andererseits das Studium der arabischen Sprache und Kultur einen der Hauptlehrgegenstände der Hebräischen Universität bildet. An den am Jüdischen Technischen Institut in Haifa abgehaltenen Abendkursen haben sich arabische Arbeiter beteiligt. Die Landesbevölkerung hat in wachsendem Maße die Vorteile wirtschaftlicher, sanitärer und geistiger Natur erkannt, welche das jüdische Aufbauwerk dem Lande und allen seinen Einwohnern bringt. Einer der trostreichsten Züge der gegenwärtigen Krise waren die Berichte von den Fällen, in denen Araber ihre jüdischen Mitbürger gegen die Angriffe des verhetzten unwissenden Mobs beschützten. Die zionistische Bewegung ist im Namen ihrer höheren Ziele und auf Grund der ihr in feierlichster Form von der Kulturmenschheit zugesagten Unterstützung berechtigt zu fordern, daß ihr beispielloses Aufbauwerk, das sie in einem Lande durchführt, das zum großen Teil noch brach liegt und das, wenn es mit intensiven Methoden, wie die Juden sie angewandt haben, bearbeitet wird, Raum für die Ansiedlung von hunderttausenden neuen Siedlern ohne jede Schädigung der einheimischen Bevölkerung bietet, daß dieses Werk nicht von einer kleinen Clique von Agitatoren durchkreuzt wird, selbst wenn sie den Mantel moslemischer Geistlichkeit tragen. Ist sich die englische öffentliche Meinung der Tatsache bewußt, daß der Großmufti von Jerusalem, der im Mittelpunkt der ganzen Unruhen steht und so laut im Namen aller Mohammedaner spricht, ein junger, politischer Abenteurer von, ich höre, nicht viel mehr als dreißig Jahren ist, der im Jahre 1920 wegen seiner Mitschuld an den damaligen Unruhen zu mehrjähriger Gefängnisstrafe verurteilt und später unter einer Amnestie begnadigt wurde? Von der Geistesart dieses Mannes mag man sich aus der Tatsache ein Bild machen, daß er in einem kürzlichen Interview ausgerechnet mich anklagte, den Wiederaufbau des Tempels an der Stelle der Omar-Moschee gefordert zu haben. Kann es geduldet werden, daß CONTINENTAL Schreibmaschinen das Fabrikat der Wanderer-Werke A.G KSik Hauptvertrieb für Südbayern: Joh.Winklhofer&Söhne München 50 Telephon 73844 :: Forstenrieder Str. 53 Reparaturen allerSysteme

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.