Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 43 (25.10.1929)
- Date
- 1929-10-25
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 45_25. Oktober 16. Jahrgang Einstein spricht zu England Ein Brief an den „Manchester Guardian“ Der „Manchester Guardian“ vom 12. Oktober veröffentlicht die nachstehende Zuschrift von Prof. Albert Einstein: An die Redaktion des „Manchester Guardian“, Manchester. Sehr geehrte Redaktion! Ich habe mit tiefer Besorgnis die Meinungsäußerungen der englischen Presse über die kürzlichen Ereignisse in Palästina verfolgt. Was ich dort gelesen habe, hat auf mich einen so tiefen Eindruck gemacht, daß ich mich trotz meines allgemeinen Widerwillens gegen politisches Auftreten veranlaßt fühle, die nachfolgenden Zeilen an Sie zu richten. Mit großer Begeisterung und tiefer Dankbarkeit empfingen die Juden, die mehr als jedes andere Volk von dem Chaos und den Schrecken des Krieges gelitten hatten, die Zusicherung Englands, daß es die Wiederaufrichtung des Jüdischen Nationalheims in Palästina unterstützen würde. Das jüdische Volk in seiner schweren physischen und moralischen Erniedrigung sah in dem englischen Worte den sicheren Felsen, auf den es ein jüdisches nationales Leben in Palästina würde wieder aufbauen können, das durch seine Existenz und durch seine materiellen und geistigen Leistungen die jüdischen Massen, die über die ganze Welt zerstreut sind, mit neuer Hoffnung, mit Würde und Stolz erfüllen würde. Große Opfer an menschlicher Energie und materiellem Gut wurden von den Juden der ganzen Welt gebracht zur Verwirklichung der Sehnsucht, die die jüdische Gemeinschaft während eines jahrhundertelangen Martyriums aufrechterhalten hatte. In einem kurzen Zeitraum von zehn Jahren wurden durch freiwillige Spenden gegen zehn Millionen Pfund aufgebracht und hunderttausend erlesene jüdische Pioniere kamen nach Palästina, um mit ihrer Hände Arbeit das fast öde Land zu erlösen. Wüsteneien wurden bewässert, Wälder gepflanzt, Sümpfe ausgetrocknet und ihre verheerenden Krankheitsherde ausgerottet. Ein Werk des Friedens wurde geschaffen, das, wenn vielleicht auch noch bescheiden an Größe, Bewunderung jedes Besuchers hervorrief. Ist der Fels, auf den wir gebaut hatten, ins Schwanken geraten? Ein beträchtlicher Teil der englischen Presse begegnet unseren Bestrebungen jetzt mit Verständnislosigkeit, mit Kälte und Abneigung. Was ist geschehen? Arabischer Mob, organisiert und verhetzt von politischen Intriganten, die den religiösen Fanatismus der unwissenden Menge ausbeutelen, sind über isolierte jüdische Siedlungen hergefallen und haben gemordet und geplündert, wo kein Widerstand geleistet wurde. In Hebron wurden die Schüler einer rabbinischen Lehranstalt, unschuldige, junge Menschen, die nie in ihrem Leben eine Waffe in der Hand gehabt hatten, kaltblütig niedergemetzelt. In Safed ereilte dasselbe Schicksal alte Rabbiner und ihre Frauen und Kinder. Erst neulich fielen einige Araber über eine jüdische Waisensiedlung her, in der diese bejammernswerten Hinterbliebenen der großen russischen Pogrome eine Zuflucht gefunden hatten. Ist es da nicht erstaunlich, daß eine Orgie so primitiver Brutalität gegen eine friedliche Bevölkerung dann von einem Teil der englischen Presse zu einem Propagandafeldzug, nicht gegen die Urheber dieser Brutalitäten und ihre Helfershelfer, sondern gegen ihre Opfer ausgebeutet wird? Kaum weniger enttäuschend aber ist die erstaunliche Unkenntnis von dem Charakter und den Leistungen des jüdischen Aufhauwerks in Palästina, die in vielen Organen der Presse jetzt zutage tritt. Ein Jahrzehnt ist verflossen, seitdem die Politik der Errichtung einer Jüdischen Nationalen Heimstätte in Palästina von der britischen Regierung mit der fast einstimmigen Unterstützung der gesamten englischen Presse und der Führer aller politischen Parteien initiiert wurde. Auf Grund dieser offiziellen Anerkennung, die von den Regierungen fast aller Kulturstaaten mit Zustimmung aufgenommen wurde und die ihre staatsrechtliche Formulierung im Palästina- Mandat erhielt, haben die Juden ihre Söhne und Töchter nach Palästina gehen lassen und haben ihre freiwilligen Spenden für dieses große Werk des friedlichen Wiederaufbaus gegeben. Ich glaube, es darf ohne Übertreibung gesagt werden, daß, mit Ausnahme der Kriegsleistungen der europäischen Völker, unsere Generation keine nationale Anspannung von so geistiger Intensität und so heldenhafter Hingabe erlebt hat, wie diejenige, die die Juden während des letzten Jahrzehnts in Palästina geleistet haben. Wenn man, wie es mir vor einigen Jahren vergönnt war, durch das Land gereist ist und die jungen Pioniere, Männer und Frauen von herrlichem geistigem und moralischem Kaliber, in der Glühhitze des palästinensischen Klimas Steine brechen und Straßen bauen gesehen hat; wenn man sieht, wie unter der hingebungsvollen Arbeit der jüdischen Kolonisten blühende landwirtschaftliche Siedlungen aus dem lang verödeten Boden emporwachsen; wenn man sieht, wie die Wasserkräfte des Landes entwickelt werden und eine den Bedürfnissen und naturgegebenen Möglichkeiten des Landes angepaßte Industrie sich zu entwickeln beginnt und vor allem, wenn man beobachtet, wie sich dort ein Erziehungssystem in der alten Kultursprache der Bibel aufbaut, das sich bereits vom Kindergarten bis zur Universität erstreckt — welcher Beobachter, wes Stammes und Glaubens er sei, könnte sich dem Zauber so erstaunlicher Leistung und solcher fast übermenschlichen Hingabe entziehen? Ist es nicht unglaublich, daß nach all dem die brutalen Metzeleien eines aufgehetzten Pöbels die Wertschätzung der ganzen jüdischen Leistung in Palästina untergraben und sogar dazu führen können, daß der Widerruf der feierlich gegebenen Zusagen öffentlichen Schutzes und Unterstützung gefordert wird? Der Zionismus wurzelt auf doppelter Grundlage, Er erwuchs einerseits aus der Tatsache der jüdischen Not. Es ist nicht meine Absicht, hier ein Bild des jüdischen Martyriums der Weltgeschichte zu zeichnen, dessen tiefster Grund die Heimatlosigkeit der