Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 42 (18.10.1929)
- Date
- 1929-10-18
- Page
- Seite 626 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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626 Das Jüdische Echo Nr. 42 d a ß m a n i m 111er wieder He m m ungen habe, das Werk in Palästina zu fördern. Für Juden in China zu wirken, sei man bereit, nur Juden in Palästina zu helfen, das widerspreche den Prinzipien gewisser Kreise. Der Redner wandte sich gegen den in der Presse veröffentlichten Aufruf gegen die Jewish Agency. Man sage in diesem Aufruf, die Jewish Agency führe die deutsche Öffentlichkeit irre. Man nennt keinen Namen. Aber, so fuhr er fort, jeder weiß, wer gemeint ist. Gemeint bin ich. Ich glaube, es ist genügend bekannt, daß ich in meinem ganzen Leben niemand irregeführt habe. Ich verstehe nicht, wer berechtigt ist, dies heute zu behaupten. Wir treten für das Palästinawerk ein, weil es uns Herzenssache ist und weil es die Sache des ganzen Judentums ist. Es gibt kein deutsches Judentum, das als Ganzes dieses oder jenes tue, es gibt nur deutsche Juden, die sich zum großen Teile für Palästina entschieden haben. Im Namen dieser Juden treten die deutschen Mitglieder der Jewish Agency auf. Es ist auffallend, daß niemand von den Unterzeichnern des Aufrufes gegen die Jewish Agency in der jüdischen Welt eine bedeutsame Rolle spielt. Meine Aufgabe, schloß Oskar Wassermann, ist nicht die Polemik, ich will nicht Feindschaft schaffen, ich will lediglich zeigen, daß es uns ernst ist um unsere Sache. Ich hoffe, daß unsere Feinde von heute unsere Freunde von morgen sind. Ich bin gewiß, daß unser Werk gelingt, weil ich glaube, daß jüdisches Herz und jüdischer Geist noch im deutschen Judentum fo^twirken, und daß es uns gelingt, sie zu wecken. Der Idealismus der Juden der Welt wird Palästina aufbauen und unsere Aufgabe ist es, mit allen unseren Kräften, mit unserer ganzen Persönlichkeit für die Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina einzustehen. Das Bekenntnis Oskar Wassermanns machte ungeheuren Eindruck auf die ganze Versammlung, die dem Redner spontanen langanhaltenden Beifall spendete. Älired Dreyfus 70 Jahre Paris, 10. Oktober. (JTA.) Am 10. Oktober wurde Capitain Alfred Dreyfus, dessen „Affäre“ einst die Welt erschütterte, 70 Jahre alt. Er lebt jetzt als Oberst im Ruhestand in Paris. Die „Dreyfus-Affäre“ um die Jahrhundertwende spiegelte den letzten großen Angriff der militärischen Reaktion und der Monarchisten gegen die republikanische Staatsform in Frankreich wider, und durch sie wurden die Republikaner zur letzten großen Verteidigung angespornt. So wurde Dreyfus zum passiven Retter der Republik. Die „Affäre“ hat aber auch im innerjüdischen Leben die bedeutsamsten Wirkungen gezeitigt: Theodor Herzl, der bis dahin stark assimiliert gewesen war, wurde durch die antisemitische Verfolgung des Juden Dreyfus in seiner ganzen jüdischen und politischen Einstellung erschüttert und schrieb unter ihrem Eindruck im Jahre 1895 in Paris den „Judenstaat“. Im Oktober 1894 wurde der französische Hauptmann Alfred Dreyfus, Sohn eines reichen jüdischen Der Ratskeller das Lokal jedes Einheimischen und Fremden. Neuer Pächter HANS FÜRST Kaufmannes in Mühlhausen, wegen Spionageverdachles zugunsten Deutschlands verhaftet und im Dezember 1894 vom Militärgericht zur Degradation und lebenslänglichen Verbannung nach der Teufelsinsel verurteilt. Das Beweismaterial gegen ihn stand auf sehr schwachen Füßen, allein unter dem Kriegsruf: „Der Jude ist ein Verräter!“ sammelte sich die Reaktion zum entscheidenden Angriff auf die Republik. Der jüdische Schriftsteller Berancl Lazare trat als erster für die Unschuld Dreyfus’ ein, ihm folgten der berühmte Romanschriftsteller Emile Zola, Anatole France, Joseph Reinach, Clemeneeau, Jaures, Senatsvizepräsident Scheurer-Kestner und andere hervorragende republikanische Politiker. Zolas offener Brief „J’aecuse“ (Ich klage an) brachte den Stein ins Rollen. Der Reiter von Dreyfus wurde Oberst Picquart, der 1897 zum Leiter der Spionageabteilung des Generalstabes ernannt wurde und beim Studium der Prozeßdokumente auf Beweise stieß, die den Major Esterhazy gravierend belasteten. Picquart wurde, nachdem er hierüber Bericht erstattete, von den antisemitischen Militärbehörden zu einer Expedition nach Tunis abkommandiert, er hörte aber nicht auf, für Dreyfus’ Unschuld einzutreten. Fünf aufeinanderfolgende Kriegsminister und die Chefs des Generalstabs sträubten sich gegen eine Revision des Prozesses. Schließlich wurden mit Hilfe der Freunde Dreyfus’ hohe französische Offiziere, unter ihnen Oberst Henry, als Fälscher von Dokumenten zuungunsten von Dreyfus entlarvt. Henry wurde verhaftet und beging Selbstmord. Nachdem Dreyfus vom Militärgericht in Rennes zum zweiten Male vreurteilt wurde, hob der Kassationshof im Juli 190G das Urteil von Rennes auf und setzte Dreyfus in seine früheren Rechte wieder ein. Die Lage In Palästina Die britische parlamentarische Untersuchungskommission nach Palästina abgereist London, 12. Oktober. (JTA.) Der Vorsitzende der britischen Unlersuchungskommission für Palästina, Sir Walther Shaw, und die Mitglieder der Kommission, der Konservative Sir John Betterton, der Liberale Morris und der Arbeiterparteiler Snell, sowie der Sekretär der Kommission, Herr Lloyd vom Kolonialamt, haben heute morgen die Reise nach Palästina angetreten. Jerusalem, 11. Oktober. (JTA.) Viscount Erleigh, Kings Counsel, Sohn Lord Readings und Schwiegersohn Lord Melchetts, und Sir Boyd Merriman, der unter der früheren britischen Regierung als Solicitor-General fungierte, sind in Jerusalem eingetroffen. Die beiden hervorragenden englischen Anwälte werden die Jewish Agency vor der britischen Untersuchungskommission vertreten. Auf Wunsch der Araber hat die Regierung angeordnet, daß Araber, Juden und die Regierung durch je drei Personen vor der Kommission vertreten sein sollen. Arabischer Proteststreik gegen die Sicherung der jüdischen Andacht an der Klagemauer Jerusalem, 13. Oktober. (JTA.) Die Exekutive des arabischen Kongresses hat beschlossen, den für Montag, dem 14. Oktober, dem Tage des jüdischen Versöhnungsfestes, angesagten Streik zum Proteste gegen die neuen Bestimmungen des Oberkommissars für jüdische gottesdienstliche Handlungen an der Klagemauer auf Mittwoch, dem 16. Oktober zu verschieben. Wie der JTA-Vertreter erfährt, sind die Kreise der arabischen Exekutive bemüht, den Streik auch nach Transjordanien auszudehnen. Die arabischen Rechtsanwälte werden sich,