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Das jüdische Echo · 1929-10-11 · 41 (11.10.1929) · p. Seite 610

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
41 (11.10.1929)
Date
1929-10-11
Page
Seite 610 (sequence 4)
Language
German
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610 Das Jüdische Echo Nr. 41 Standpunkte aus angesehen werden. Wenn die Sammler der Unterschriften darauf ausgegangen sind, viele Namen zu vereinigen, und zwar ziemlich wahllos — das geht aus der veröffentlichten Namensliste unzweideutig hervor ■—, so hätten sie noch zehnmal soviel Unterzeichner gewinnen können. Wir leben in einem demokratischen Zeitalter, in dem die Stimmen gezählt und ■ in geringerem Maße gewogen werden. Das mag durchaus angebracht sein, wo es sich um praktische Angelegenheiten des Alltags handelt. Diese Methode,aber bei der Entscheidung über in die Tiefe gehende Probleme und weltanschauliche Bekenntnisse zur Anwendung bringen zu wollen, erscheint uns dennoch abwegig. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß es den Initiatoren dieser Eklärung tatsächlich hätte gelingen können, die Mehrheit der deutschen Juden zu einer Zustimmung für ihre Aktion zu bewegen. Aber wenn dieses auch der Fall gewesen wäre, so hätte man damit nicht das Fehlen der wahrhaftigen Repräsentanten in geistiger Hinsicht wettgemacht. Die Erklärung selbst stellt irreführende Behauptungen auf. Sie sagt nämlich, daß die nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency vorgeben, Vollmacht zu besitzen, sich als Vertreter der nichtzionistischen Juden Deutschlands zu bezeichnen. Das ist unseres Wissens niemals geschehen. Es ist ja allgemein bekannt, daß die Liberale Vereinigung sich gegen den Eintritt in die Jewish Agency ausgesprochen hat. Es ist ferner bekannt, daß vom Zentralverein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens nur eine Minorität sich an der Jewish Agency beteiligt. Es ist also kindisch anzunehmen, daß die nichtzionistischen Mitglieder der Jewish Agency entgegen diesen bekannten Tatsachen sich als Vertreter aller nichtzionistischen Juden in Deutschland bezeichnet hätten. In der famosen Erklärung wird wieder das alte Ammenmärchen aufgewärmt, daß „die Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina das Emanzipationswerk der Vorkämpfer des deutschen Judentums und die religiös-sittliche Aufgabe des Judentums und der Menschheit gefährdet“. Wer angesichts der Zustimmung der gesamten Welt, wie sie im Völkerbund organisiert ist, und angesichts der Stellungnahme der hervorragendsten politischen und geistigen Führer der Menschheit zum Palästinaaufbau noch derartiges zu behaupten wagt, ist in seiner Vorstellungswelt wahrscheinlich im Jahre 1890 stecken geblieben. Es fällt wirklich schwer, sich mit dieser Erklärung ernsthaft vom Standpunkte eines fortschrittlichen Menschen des Jahres 1929 auseinanderzusetzen. Antiquierte, ängstliche, kleinbürgerliche Vorstellungen und Gefühlsmomente sind der Ouell einer derartigen Stellungnahme. Menschen, denen geistige Trägheit und seelische Ghetto-Furchtsamkeit Richtschnur des Handelns sind, kann in einer modernen Welt wirklich keine ernsthafte Bedeutung beigemessen werden. Man könnte also über diese Erklärung lächelnd zur Tagesordnung übergehen, wenn man nicht Jude wäre. Als solcher aber ist man tief betrübt darüber, wie weit der Prozeß der Entjudung bei einer zahlenmäßig immerhin noch nennenswerten Schicht des deutschen Judentum gediehen ist. Diese Protest-Liberalen, die sich im trauten Verein als Unterzeichner der Erklärung zusammengefunden haben, sind Juden, welche in ihrem Prozeß der jüdischen Auflösung durch den Zionismus aufgescheucht wurden. Die modernen jüdischen Anschauungen haben diese Kreise sehr gegen ihren Geschmack an ihre Abstammung und ihr Judentum erinnert. Sie. die ewig bestrebt waren, ihr Judentum zu vergessen und zu vertuschen, sahen sich plötzlich gezwungen, Judentum zu lernen. Sie haben auf manche liebgewordene Lächerlichkeit ihres Assimilantentums verzichten müssen. Sie haben den Weihnachtsbaum a.us ihren Häusern entfernt, sie haben sich in aller Öffentlichkeit, schon aus Konkurrenzgründen gegenüber den Zionisten, als Juden bekannt, sie haben außer der jüdischen Konfession, die sie kaum betätigt aber mit den Lippen bejaht haben, noch den Begriff der Stammeszugehörigkeit akzeptiert — kurz, sie haben einige Lektionen im Judentum genommen und haben tatsächlich auch etwas davon erlernt. Nun kann man aber Judentum nicht erlernen. Man muß es auch erleben, sonst werden bei jeder Gelegenheit Lücken im Fühlen und Denken offenbar, die bei Erlebnisjuden unmöglich sind. Man kann sagen, daß es dieser Assimilationsschicht gelungen ist, einige jüdische Redewendungen zu rezipieren. Es ist ihr aber nicht gelungen, gefühlsmäßig das zu erwerben, was man Volkstakt nennt. Hätten sie diesen, so würden sie verstehen, daß man in einer so bewegten Zeit, wie sie jetzt der größte Teil der Welt-Judenheit durch die Ereinisse in Palästina durchmacht, schlimmstenfalles sich nicht für diese von den Juden als zentrales Interesse betrachtete Sache, niemals aber, gegen sie aussprechen darf. Das ist denn auch in der ganzen Welt nicht geschehen. Dem deutschen Judentum blieb die Schmach Vorbehalten, daß eine sich jüdisch nennende Gruppe vor der Öffentlichkeit dem Jischuw in Palästina In den Rücken gefallen ist. Ein jüdisch fühlender Mensch muß darum die Aktion dieser Protestliberalen in Deutschland, welche die Erklärung gegen Palästina in diesem Moment unterschrieben hat, als einen Schlag gegen jedes jüdische Gefühl, gegen die jüdische Würde empfinden. Das Hinaustragen dieser innerjüdischen Gegensätze an die breite Öffentlichkeit, und zwar im protestierenden Sinne, ist eine Schwächung des Judentums im allgemeinen und zeugt von einem nur sehr gering entwickelten Sinn für jüdische Solidarität. Wenn man nach der Lektüre des Aufsatzes von Heinrich Stern in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung“ geneigt war zuzustimmen, daß man für die Jüdischkeit -der liberalen Juden, wenn auch nicht Zustimmung aber zumindest Achtung empfinde, so kann man diese Meinung hinsichtlich jenes Teiles der Liberalen, welche die Erklärung gegen Palästina verfaßt und zu einer Aktion verwendet haben, nicht mehr aufrecht erhalten. Diese Leute sind im besten Falle Auchjuden, die aus dem Volkstakt geraten sind und eine Missetat verübt haben, auf die man vom jüdischen Standpunkte aus nur mit Entrüstung reagieren kann. 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