Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 40 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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594 Das Jüdische Echo Nr. 40 Der Ratskeller das Lokal jedes Einheimischen und Fremden. Neuer Pächter HANS FÜRST in ihren jetzigen Heimatländern erreichen könnten, dann tut er auch dies gegen eigenes besseres Wissen. Die Wahrheit ist, daß Herr Woyda all dies nicht haben will. Daß ihm ein sich entwickelndes jüdisches Gemeinwesen in Palästina — ganz gleichgültig wohin die Entwicklung führen würde und auch abgesehen von den Schwierigkeiten der Araberfrage — aus ganzem Herzen unsympathisch ist, weil es die Assimilation stört und die Mimikry aufhebt, der er sich nun einmal verschrieben hat. Und so kämpft er denn gegen die Palästinakolonisation nicht nur aus jüdischen Gründen, die doch immer die ausschlaggebenden für ihn bleiben, er wirft sich zum Anwalt der Araber auf und zieht unter dem Banner des Pazifismus gegen den Zionismus zu Felde. Sehen wir diesen Pazifismus einmal etwas genauer an! Ist es nicht schon recht merkwürdig, daß dieser Bannerträger eines unverfälschten Pazifismus sich einsetzt für eine Gruppe, die noch eben erst unter Sprengung von Gesetz und Ordnung, unter Begehung von Räubereien, unter Angriffen auf Wehrlose und unter Hinschlachtung von Frauen und Kindern ihr „Recht“ sich holen wollten? Denn all dies verteidigt er doch auch, wenn er das Vorhandensein einer jüdischen Bevölkerung und die Tatsache einer friedlichen jüdischen Einwanderung als eine Provokation betrachtet, groß genug, den arabischen Aufstand nicht nur zu erklären sondern auch zu rechtfertigen. Oder bedeutet es etwa keine Rechtfertigung, wenn er von den Juden die Einstellung des Siedlungswerkes fordert, weil bei einer Fortsetzung dieses, wie immer betont werden muß, gänzlich unkriegerischen Werkes, wieder einmal bei der Verteidigung gegen gesetzwidrige Angriffe Blutopfer notwendig werden könnten? Aber Herr Woyda teilt eben nicht den Standpunkt, daß die Realisierung einer ethisch guten Idee Blutopfer erfordern darf; er ist ja viel eher geneigt, Blutopfer, die heute noch für notwendig gehalten werden, als Kronzeugen gegen die ethische Berechtigung der Idee zu werten. Hoffentlich ist Herr Woyda auch geneigt, diese Argumente gegen das Vorhandensein und die Berechtigung z. B. der Polizei geltend zu machen; denn die Polizei ist doch wohl dazu da, um die Idee der Gerechtigkeit, der allgemeinen Anerkennung der Gesetze zu realisieren, soweit das in menschlichen Gemeinschaften möglich ist, und auch beim Polizeidienst werden immer und immer wieder Blutopfer notwendig werden. Herr Woyda sollte wohl auch geneigt sein, auf Grund seiner Überlegungen den Eisenbahnverkehr zu verbieten oder die Luftfahrzeuge, oder die Arbeit in den Bergwerken — denn überall da werden erfahrungsgemäß Blutopfer notwendig —, ungewollte, unbeabsichtigte, aber unvermeidliche. Denn das Leben der Gemeinschaft erfordert sie und in diesem Sinne darf wohl auch der Pazifist, der für das absolute Recht des Individuums auf sein Leben eintritt, sagen, daß die Sicherung der Existenz der Gesamtheit dem Leben des einzelnen vorgeht — eine Weisheit, die auch in dem alten Satz steckt: navigare necesse est, vivere non necesse est, den Gustav Landauer, gewiß ein radikaler und unverdächtiger Pazifist, einem seiner schönsten Aufsätze zugrunde gelegt hat, in dem er gerade nachweist, daß eine große Idee berechtigt ist, auch das Leben ihrer Anhänger zu fordern. Aber Herrn Woydas Pazifismus ist eben ein ganz besonderer Pazifismus: weil er der Ansicht ist, daß es Kriege nicht mehr geben soll und daß sie bei gutem Willen auch vermieden werden können — eine Ansicht, in der die meisten Zionisten mit ihm einig sein werden —, ist er auch gegen jede Aufopferung im Dienste einer Idee, wie zu vermuten steht, allerdings nur wieder soweit es jüdische Dinge angeht. Wahrscheinlich würde er es ganz begreiflich und wenigstens nicht schändlich finden, daß Juden, sollte Deutschland heute wieder in einen Krieg verstrickt werden — was niemand wünscht, was aber trotzdem nicht ganz ausgeschlossen ist —, ihre Pflicht tun würden, wie sie es im letzten Krieg getan haben. Ob sie nun diese Pflicht, wie mancher große Jude, den Herr Woyda als beispielgebend anerkennen wird, etwa wie Rathenau in der Kriegsdienstleistung oder in der Kriegsdienstverweigerung sehen würden, Bereitschaft zum Opfer des eigenen Lebens würde dies unter allen Umständen voraussetzen. Aber da Herr Woyda nicht begreift, daß die jüdische Gemeinschaft leben will, braucht er auch nicht zu verstehen, daß es für die Juden ein Werk gibt, dem sie sich hingeben müssen, auch dann, wenn es gegen ihren friedlichen Willen einmal Blutopfer erfordern sollte, braucht er sich auch nicht zu scheuen, läppische Taschenspielereien mit Worten zu begehen und der einfachen Konstatierung, daß es trotz der friedlichsten Absichten der Juden bei dem Charakter und dem zivilisatorischen Zustand der Araber wieder einmal zu Blutvergießen kommen könne, einen Sinn unterzulegen, als verlange der Eisenfresser Alfred Klee zur Stillung seines Ehrgeizes und Blutdurstes „Kanonenfutter“. Herr Woyda meint, daß in Palästina sich die besondere Art des jüdischen Nationalismus hätte zeigen müssen. Wenn er damit meint, daß die ganze jüdische Bevölkerung Palästinas sich wehrlos hätte hinschlachten lassen sollen, oder eine große Auswanderungsbewegung in Länder, in denen es ihr bestimmt nicht besser aber wahrscheinlich schlechter ergehen würde, ohne daß doch dort ein volles jüdisches Leben möglich wäre, hätte einleiten sollen, so muß man ihm allerdings das eine zugeben, daß damit das Problem des Zionismus endlich gelöst gewesen wäre. Denn dann wäre er vernichtet. Er ist aber nicht vernichtet; die zionistische Bewegung hat ihre Lebenskraft bewiesen wie der palästinensische Jischuw. Und darum werden wir vor arabischen Angriffen nicht zurückweichen, auch wenn wir davon überzeugt sind, daß wir letztlich nur in Frieden mit den Arabern weiterbauen können. Wir wollen Palästina nicht mit dem Schwert erobern, sondern mit dem Pflug, und wir sind fest überzeugt, daß es auch dazu keines Heeres bedarf, sondern nur einer guten Polizei. Einer Polizei, die es auch in anderen Ländern gibt und deren Angehörige auch in anderen Ländern darauf gefaßt sein müssen, ihr Leben aufzuopfern — im Dienste einer Idee, im Dienste einer Gemeinschaft. Und wenn Herr Woyda dies für verbrecherisch erklärt, dann wird man stolz darauf sein müssen, von ihm Verbrecher genannt zu werden. Ignaz Emrich.