Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 40 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Das Jüdische Echo 593 Wir Verbrecher! „Kanonenfutter“ überschreibt Herr Bruno Woyda einen seiner Artikel in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung“, in denen er sich mit den Ereignissen in Palästina und mit der Reaktion beschäftigt, die diese in der jüdischen Welt gefunden haben. Er hält es für seine Aufgabe, der „Phrasenwelle“ entgegenzutreten, die das Unheil in Palästina zum Anlaß für noch größere „Experimente“ nehmen möchte. Als eine solche Phrase betrachtet er im besonderen ein Wort Dr. Klees, der in einer Berliner Versammlung gesagt hat: „Wenn ein Volk nach 2000 Jahren sein Land, seine Freiheit bauen will, dann muß man wissen, daß auch ein Tag kommen kann, wo dieses Werk B 1 u t o p f e r kostet.“ Und von ähnlichen Ausführungen in einer Leipziger jüdischen Zeitung meint er, daß sie einem , deutschnationalen Militärschriftsteller Ehre machen würden. Solchen blutdürstigen Phrasen hält er seinen reinen Pazifismus gegenüber: „Ich teile nicht den Standpunkt, daß die Realisierung einer Idee, wenn sie ethisch gut ist, heute noch Blutopfer erfordert. Viel eher bin ich geneigt, Blutopfer, die heute noch für notwendig gehalten werden, als Kronzeugen gegen die ethische Berechtigung der Idee zu weiten.“ Nach einigen kleinen Anwürfen gegen die zionistischen Führer, die überzeugt seien, daß die großen Fragen der Zeit durch Eisen und Blut entschieden würden, die aber selbst gar nicht daran dächten, ihr Leben einzusetzen, macht er in edler Bescheidenheit dem Zionismus und jeglicher palästinensischen Siedlungsbestrebung den endgültigen moralischen Garaus. Alle Opfer für dieses Ziel, so stellt er fest, werden einem Phantom dargebracht, und in Palästina ist nichts erreichbar, was den Juden nicht auch in ihren jetzigen Heimatländern möglich ist. Der jüdische Nationalismus habe in seiner Reaktion auf die Ereignisse in Palästina versagt, er weigere sich die Wahrheit anzuerkennen, von einer Verwirklichung des Palästinagedankens könne nicht mehr gesprochen werden und mit einer Variation des bekannten Herzl-Wortes schließt der Artikel: „Wenn ihr es dennoch wollt, ist es ein Verbrechen.“ , Kanonenfutter! Wer dächte nicht schaudernd jener Zeiten, in denen tausende junger Menschen hingeopfert wurden auf allen Seiten der kriegführenden Parteien, und zwar, wie wir allerdings jetzt erst feststellen können, sinnlos und ohne Notwendigkeit; wer wollte sich nicht mit Abscheu von einer Bewegung wenden, deren Führer auch heute wieder gewissenlos junge Menschen in den Tod treiben, deren Tendenzen den großen Erkenntnissen, die der Weltkrieg nahezu der ganzen zivilisierten Welt gebracht hat, verständnislos zuwiderlaufen! Und all das tut der Zionismus! Allerdings nicht in der Wirklichkeit, sondern nur in der Phantasie des Herrn Woyda, oder sagen wir es lieber gleich mit jener Deutlichkeit, die in diesem Falle einzig angemessen scheint, in seinen anmaßenden, verleumderischen und lügenhaften Entstellungen. Denn, um damit anzufangen, kann es heute noch einen Juden geben, der ehrlich glaubt, daß in Palästina nichts erreichbar ist, was den Juden nicht auch in ihren jetzigen Heimatländern zu erreichen möglich wäre? Abgesehen von all den großen Möglichkeiten, die einer jüdischen Siedlung in Palästina noch immer offenstehen, wenn nur das jüdische Volk will — Ruppin hat darüber auf dem XVI. Kongreß ein aufschlußreiches Referat gehalten und die Araberfrage wird mit Geduld in , Frieden sich lösen lassen ■—, wo gäbe es ein Land, in dem es möglich wäre, daß die Juden 20 Prozent der gesamten Bevölkerung darstellen, was heute in Palästina noch der Fall ist, ein Land, wo es möglich wäre, daß die Juden in großen Gebieten, in Städten und Dörfern die Mehrheit darstellen und so in einem jüdischen Kulturkreis leben, in einem Kulturkreis, der, nicht eingesprengt in eine ungeheure übermächtige andere Kultur, sich autochthon fühlen und schöpferisch wirkend sich täglich neu mit dem heimatlichen Boden verbinden darf? Wo gäbe es ein Land, in dem die Existenz der hebräischen Umgangssprache allein durch die Existenz der jüdischen Bevölkerung gesichert ist und nicht durch künstliche Bemühungen, die mit mehr oder weniger Erfolg gegen die Sprache des jeweiligen Milieus ankämpfen — man soll doch nicht vergessen, daß die hebräische Sprachbewegung ihre beste Kraft aus Palästina erhält —, wo schließlich gäbe es ein Land außer Palästina, in dem die hebräische Sprache als amtliche Sprache anerkannt sein könnte? Herr Woyda mag den Zionisten vorwerfen was auch immer, aber wenn er das Vorhandensein dieser Leistungen leugnet, tut er es gegen besseres Wissen. Und wenn er die Existenz eines jüdischen Lebens, das alle Möglichkeiten nationalen Lebens in Wirtschaft, Sitte, Recht, Religion, überhaupt alle Ausstrahlungen menschlicher Kultur umschließt — und das bietet doch schon die heutige Wirklichkeit Palästinas —, als ein Phantom hinstellt und behauptet, daß die Juden all dies auch SCHOKOLADE-PRALINEN-^