Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 40 (4.10.1929)
- Date
- 1929-10-04
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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592 Das Jüdische Echo Nr. 40 Neujahr 5690 Der unerbittliche Ablauf der Jahresdaten zwingt auch in solchen Momenten Bilanz zu ziehen, in denen man bestenfalls nur eine Zwischenbilanz aufzustellen vermag. So verhält es sich auch jetzt vor dem Beginn des neuen Judenjahres 5690. Es kann nicht die Aufgabe eines kurzen Aufsatzes sein, alle wichtigen Ereignisse des verflossenen Jahres in ihrer Vielfalt zu erwähnen und zu würdigen. Es muß dabei sein Bewenden haben, daß man sich an das Wichtigste hält, das Wichtigste, weil es, soweit Zeitgenossen zu beurteilen imstande sind, dazu angetan ist, für die weitere Entwicklung der Gesamtheit entscheidend zu wirken. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, läßt sich bezüglich des verflossenen Jahres sagen, daß auch während seines Ablaufes die Bestrebungen in der gesamten jüdischen Welt unablässig dahin gegangen sind, die Judenheit zusammenzufassen und den übermächtigen Atomisierungstendenzen zu begegnen. Die Nachkriegsjahre haben für die Juden in der Welt die besondere Bedeutung, daß allenthalben Organisationsbestrebungen auf den verschiedensten Gebieten jüdischer Anschauungen und jüdischer Betätigung festzustellen waren. Diese Erscheinung ist eine Reaktion auf die Auflockerung und die Zertrümmerung bestehender großer Judengemeinschaften gewesen. Es ist nicht zu leugnen, daß alle diese Bemühungen, ob sie nun direkt eine Zusammenfassung der Judenheit der ganzen Welt bezweckt haben oder sich bloß auf jüdische Gemeinschaften in einzelnen Ländern beschränkten, im Endeffekt eine Verstärkung des jüdischen Bewußtseins in der ganzen Welt gehabt haben. Diese Feststellung ist um so erfreulicher, als die objektiven Voraussetzungen für das Judentum auf dem Erdenrund nicht dazu angetan sind, den Bestand des Judentums zu gewährleisten. Darum kann nicht eindringlich genug auf die Wichtigkeit der jüdischen Selbsthilfe, die doch in all diesen Organisationsbestrebungen zum Ausdruck kam, hingewiesen werden. Den Vorrang unter all diesen Bestrebungen verdienen, was wohl nicht näher auszuführen nötig ist, diejenigen Aufgaben, die von vornherein und nicht nur indirekt als Gesamtleistungen und Gesamtziele der Judenheit beabsichtigt sind. Über den Aktionen in einzelnen Ländern stehen also die Arbeiten der Verbände, welche gleichgesinnte Juden aus allen Teilen der Welt vereinigen. Tagungen, wie der Weltkongreß für das Liberale Judentum, die Knessio Gedaulo der Agudah, Verbandtstage des jüdischen Handwerks aus allen Ländern, der Ort-Gesellschaft, der verschiedenen Immigrations-Komitees, des Komitees zum Schutze der jüdischen Rechte und auch der rein philantropischen internationalen jüdischen Organisationen, sind, abgesehen von ihren speziellen Aufgaben, als Manifestationen der jüdischen Zusammengehörigkeit, des Klal-Gedankens, außerordentlich erfreuliche Erscheinungen, auch wenn man bei einzelnen dieser Kongresse hinsichtlich der erzielten und überhaupt zu erzielenden Resultate sehr skeptisch sein mag. Es handelt sich bei diesen Zusammenkünften von Juden der ganzen Welt zumeist nicht so sehr darum, was gesagt und erzielt wurde, sondern in erster Linie darum, daß sie überhaupt zustande gekommen sind, und dadurch in Juden aus den verschiedensten Weltgegenden das Gefühl der Verbundenheit verstärkt haben. Von all den Tagungen, die im letzten Jahre vorgekommen sind, erscheint dem Beobachter die Konferenz der Jewish Agency am Anfänge des Monats Ab in Zürich als die bedeutendste schon darum, weil an ihr Juden der verschiedensten Richtungen, der verschiedensten sozialen Schichten und der abgestuftesten religiösen Schattierungen teilgenommen haben. Diese Tagung der Jewish Agency stellte tatsächlich die zahlenmäßig, materiell und ideell stärkste Zusammenfassung dar, die jemals in der jüdischen Diaspora vorgekommen ist. Sie bedeutete, von einem historischen Aspekt aus gesehen, den ernsthaften Versuch der zeitgenössischen Judenheit, dem alle Juden verbindenden Element der jüdischen Lehre ein zweites verbindendes Element zu gesellen, das jüdische Land. Es bedeutet den Wunsch, für die in der ganzen Welt zerstreuten jüdischen .Gemeinschaften ein Zentrum zu schaffen. Wobei es dahingestellt bleiben mag, was einzelne Teilnehmer an dieser Agencykonferenz bei diesem Zentruum besonders lockt: Normalisiertes jüdisches Volksleben, Pflanzstätte jüdischen Wissens oder Mittelpunkt jüdischer Kultur. Wenn auch einzelne kleinere Splitter der jüdischen Gesamtheit sich bewußt von der erweiterten Jewish Agency fernhalten, so kann man doch ohne Übertreibung behaupten, daß die von der Jewish Agency geförderten Ziele die ausgesprochene oder stillschweigende Zustimmung der überwiegenden Mehrheit der Juden in der ganzen Welt haben. An dieser Tatsache ändert es nichts, daß in Deutschland zwei jüdische Organisationen den Versuch machen, sich auch in dieser Stunde gegen die Zusammenarbeit mit der Jewish Agency zu stemmen. Die Opposition der Agudah gegen die Jewish Agency ist mit dem Widerstande der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland nicht in eine Reihe zu stellen, denn für die Agudah ist der Palästinaaufbau in der heutigen Form zu wenig, während er für die liberalen Assimilanten zuviel ist. Neben der Tagung der Jewish Agency verdienen die Ereignisse in Palästina am Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes Erwähnung. So niederschmetternd diese Ereignisse gerade nach den Tagen von Zürich waren, so haben sie dennoch in der Judenheit der Welt erfreuliche Bewußtseinsinhalte offenbart. Wenn man sich vor Augen hält, in wie wundervoller Weise fast die gesamte Judenheit nicht nur ihrem Mitgefühl für die Opfer der Unruhen in Palästina Ausdruck gegeben hat, sondern daß sie darüber hinaus sich auch bereit erklärt, positiv mitzuarbeiten, um das Aufbauwerk in Palästina kraftvoll zu fördern, so gewinnt man neue Hoffnung und die Überzeugung, daß von jüdischer Seite aus heute bereits die Voraussetzungen gegeben sind, das Werk in Palästina auf vergrößerter Basis fortzusetzen. An dieser allgemeinen Erscheinung gemessen, verschwinden die vereinzelten Stimmen, die auch im Augenblick der allgemeinen Volkstrauer und der allgemeinen Erhebung der Judenheit in der ganzen Welt es für gut befunden haben, sich desinteressiert zu erklären und hinter phrasenhaften Ausreden ihr Manko an jüdischer Solidarität und jüdischer Würde zu verbergen. So ist denn die Zwischenbilanz, die man am Eingänge des Jahres 5690 ziehen kann, trotz alledem nicht unbefriedigend. Das jüdische Volk lebt, es konsolidiert sich, es organisiert sich und es beginnt, seine zentralen Aufgaben zu begreifen. Mehr als das, es gibt seinen Willen kund, moralische und materielle Kräfte * in den Dienst allgemein jüdischer Ziele, vor allem den Palästinaaufbau, zu stellen. m. b.