Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- Seite 570 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176084--09787-9082696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
570 Das Jüdische Echo Nr. 38 nur zum Teil verwirklicht werden konnten. Wir sind vollkommen davon überzeugt, daß wenn die Regierung die notwendigen Maßnahmen ergriffen hätte, der Friede im Lande erhalten geblieben wäre. Auch jetzt noch wird der Friede wiederhergestellt werden, das Leben wird seinen normalen Lauf nehmen, wenn in diesem Lande eine Verwaltung eingesetzt wird, der es ernsthaft um die Erhaltung des Friedens zu tun ist, und die die Pflichten erfüllt, die ihr durch das Palästina-Mandat auferlegt sind. Wir fordern: 1. Einsetzung einer Untersuchungskommission zur Aufdeckung der Ursachen der blutigen Ereignisse und zur Feststellung der Verantwortlichkeit. 2. Sicherung von Leben und Eigentum der Juden in allen Städten und Kolonien durch Verstärkung der militärischen Posten und durch Aufnahme jüdischer Polizisten in die reguläre Polizeitruppe in einem Maßstabe, der den Notwendigkeiten entspricht. 3. Errichtung einer jüdischen Selbstschutztruppe, die von der Regierung organisiert und kontrolliert wird und die ein Regierungsabzeichen trägt; diese Truppe soll in den jüdischen Kolonien stationiert werden, um Leben und Eigentum der Juden zu schützen. 4. Freilassung der Juden, die, weil sie zur Selbstverteidigung Waffen bei sich trugen, verhaftet worden sind; Einstellung der polizeilichen Haussuchungen nach Waffen. 5. Verhaftung und Aburteilung aller jener, die an den Ereignissen die Schuld tragen, beginnend mit den Anstiftern und Angreifern und endend mit den Regierungsbeamten, die ihrer Pflicht untreu wurden. 6. Schadenersatz an die Opfer der Angriffe und Aufbau der zerstörten Häuser und anderer Besitztümer auf Kosten der Regierung. 7. Schnellste Hilfe in Form von Geld und medizinischen Beistand für die Leidenden; den Flüchtlingen soll ermöglicht werden, in ihre Wohnstätten zurückzukehren. 8. Auferlegung von schweren Bußen auf die arabischen Siedlungen und Dörfer, deren Einwohnerschaft sich an den Angriffen und Plünderungen beteiligte. 9. Es sollen im Einvernehmen zwischen den jüdischen Siedlungen und den Regierungsbeamten geeignete Maßnahmen in bezug auf die Organisierung des Selbstschutzes getroffen werden. Das Memorandum ist unterzeichnet von Elia Berlin, J. Ben Zwi und Chajim Solomon für den Waad Leumi, Oberrabbiner Kook und Rabbi Uziel für das palästinensische Oberrabbinat und von Rabbi Blau für Agudas Jisroel in Palästina. Tagung der zweiten Knessio Gedaulo Wien, 17. September. (JTA.) In der Eröffnungssitzung der zweiten Knessio Gedaulo am 11. September (Kongreß der Weltorganisation Agudas Jisroel) hielt Dr. Nathan Birnbaum ein Referat über das Thema „Israel und die religiöse Krise der heutigen Menschheit“. Die zweite Sitzung der Knessio Gedaulo am Mittwoch vormittag war zunächst der Frage der Gründung einer Agudah- Weltbank mit einem Kapital von zwei Millionen Goldmark gewidmet. Das Referat hielt Herr Leo Wreschner. In der dritten Sitzung wurde der Oberrabiner von Beßarabien, Rabbi Z i r e 1 s o h n (Kischinew), zum Präsidenten gewählt. Den Bericht des Geschäftsführenden Ausschusses erstattete Dr. Pinchas K o h n. Dem Bericht schloß sich am Nachmittag die Generaldebatte an, die bis in den Abend währte. Zu Beginn der fünften Sitzung macht Rabbiner Dr. Pinchas Kolm Mitteilung von dem Hinscheiden Louis M a r s h a 11 s. Alle erheben sich von den Plätzen. Den Rechenschaftsbericht über das Erziehungswerk gibt Dr. Leo Deutschländer. Die Nachmittagssitzung vom Donnerstag war der Beendigung der allgemeinen Aussprache über Erziehung und dann der Aussprache über den viel umstrittenen §‘ 4 (Aufnahme gleichstrebender Organisationen) gewidmet. Herr Jacob Rosenheim leitete die Debatte. Dr. Carlebach trat im Namen der deutschen Agudah in leidenschaftlichen Worten, die ihren Eindruck nicht verfehlten, für die Abschaffung oder mindestens Milderung des § 4 ein, damit die Agudah nicht durch Gewaltmittel Gleichstrebende fernhält, sondern in Liebe und Milde alle jene aufnimmt, die willens sind, innerhalb der Organisation der Agudah mitzuarbeiten. Oberrabbiner Z i r e 1 s o h n (Kischinew) geht noch weiter als Dr. Carlebach und fordert direkt die vollständige Öffnung der Tore der Agudah-Organisation für alle, die eintreten wollen, insbesondere iür die Jugend, damit diese nicht infolge einer künstlichen Absperrung die Reihen des religiösen Judentums verläßt. Demgegenüber trat Dr. Auerbach (Halberstadt) als Sprecher der Minorität der deutschen Delegation für die Beibehaltung der jetzigen Fassung des § 4 ein. Knessio Gedaulo und Jewish Agency Wien, 15. September. (JTA.) Am Sonntag, 5 Uhr nachmittags, erstattete in der Knessio Gedaulo unter Vorsitz von Leo Wreschner Herr Jacob Rosenheim das mit größter Spannung erwartete Referat über die Teilnahme der Agudas Jisroel an der Jewish Agency. Herr Jacob Rosenheim führte ungefähr aus: Der Gegenstand, über den ich zu sprechen habe, ist nur scheinbar politischer Natur. Das gesetzestreue Judentum hat in der Balfour-Deklaration vom ersten Augenblick an das Walten der Vorsehung erblickt. Nach längeren historischen Erörterungen erklärt Rosenheim: Jetzt, wo in Zürich die Konstitution der Jewish Agency vollzogen ist, muß die Knessio Gedaulo ihre Stellung zu diesem historischen Geschehen festlegen. Es ist selbstverständlich, daß anläßlich der letzten Geschehnisse in Palästina die zionistische und agudistische Leitung alle ihre Eingaben, Proteste und sonstigen Maßnahmen gemeinsam unternehmen. Der Rabbinische Rat hat sich mit diesen Problemen befaßt und ist zunächst einstimmig zu dem Resultat gekommen, daß der Eintritt in die Jewish Agency in ihrer jetzigen Form aus religiösen Gründen unzulässig sei; in erster Reihe deshalb, weil die Agency auch die religiösen und kulturellen Gebiete in ihren Aufgabenkreis einbezieht und hierdurch der Orthodoxie Gewissensopfer auferlegt, die zu tragen sie niemals imstande ist. In Ausführung dieses Beschlusses hat der geschäftsführende Ausschuß eine Resolution beschlossen, über welche die Knessio Gedaulo am Dienstag abzustimmen hat. * * Mit diesem Beschluß hat sich die Aguda von neuem aus dem Werke des jüdischen Palästinaaufbaus ausgeschaltet; dieses Versagen in der historischen Stunde wird sie, davon sind wir überzeugt, in ihren Grundfesten erschüttern und über kurz oder lang wird sie gezwungen sein, diesen Beschluß zu revidieren.