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Das jüdische Echo · 1929-09-06 · 36 (6.9.1929) · p. Seite 538

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
36 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
Seite 538 (sequence 15)
Language
German
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538 Das Jüdische Echo Nr. 36 Prof. Dr. Moritz Türk gestorben — Trauer in den jüdisch-liberalen Kreisen Berlin, 27. August. (JTA.) Herr Prof. Dr. Moritz Türk, einer der Führer des liberalen Judentums in Deutschland, Mitglied der Berliner Reformgemeinde, ist heute in Berlin an den Folgen einer Drüsenoperation, der er sich vor einigen Wochen unterziehen mußte, gestorben. Professor T ürk ist am 28. April d. J. 70 Jahre alt geworden. Professor Türk, der stellvertretender Vorsitzender des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und Vorsitzender der liberalen Fraktion der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde gewesen war, genoß über die Berliner Gemeinde hinaus im gesamten deutschen Judentum hohes Ansehen. Amerika gibt 50 000 Dollar täglich für Palästina N e u y o r k , 2. September. (JTA.) Die Exekutive des Palestine Emergency Fund hat beschlossen, täglich 50 000 Dollar nach Palästina zu scliickken, um die augenblicklichen Bedürfnisse zu dekken. Diese Sendungen sollen solange fortgesetzt werden, als eine Notwendigkeit hierfür besteht. Moses Mendelssohn und die Haskala1 Zu seinem 200. Geburtstag 6. September 1929 Von Abraham M. Kohn-Asulay (Heidelberg) „Fortschritt, Entwicklung mithin Unendlichkeit ist Nerv des menschlichen Geistes. Mißt er die Harmonie des Alls nicht aus, so ringt er doch danach. Die Harmonie ist Gott.“ Moses Mendelssohn Zur selben Zeit, als in Polen der messianische Mystizismus in die Volksbewegung des Chassidismus überging, verlor er im benachbarten Deutschland an Boden. Hier nämlich trat dem Rabbinismus, wie überhaupt der Ghettokultur, die Aufklärungsbewegung, die Haskala1 entgegen, die mit dem Namen Moses Mendelssohn verknüpft ist. Langsam aber unentwegt bahnte sich hier eine neue Idee ihren Weg. Die um religiöse und soziale Reformen ringende Zeit schuf für die von altersher geheiligten Anschauungen und Sitten, Bräuche und Gepflogenheiten andere, die sie für fortschrittlich hielt, und verkündete den Völkern neue Grundsätze und gab ihnen neue Lebensinhalte. Auch in der in tiefster religiöser Anhänglichkeit und gläubiger Observanz versunkenen ost- und mitteleuropäischen Judenheit begann es heftig zu gären. Die neuen Geisteströmungen des 18. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Menschenliebe und der Duldsamkeit, vor allem aber des Rationalismus und des Freidenkertums, welche beide die innere Befreiung des Menschen noch vor der politischen Befreiung des Bürgers für wichtig erachteten, begannen gefährliche Breschen in die jüdischen Gemeinschaften zu schlagen. Der Geist 1 Unter Haskala verstehen wir jene Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, die eine Synthese zwischen Judentum und Umwelt unter Sprengung der traditionellen Formen und Verbreitung allgemeinen Wissens unter den Juden schaffen wollte. Ihre Anhänger werden Maski- 1 i m genannt. LMÜNCHENER PLISSE-BRENNEREI FRANZ GRUBER, MÜNCHEN Holsaum, Knöpfe, Endeln Kanten, Kostümstickereien Burgstraße 16/3 Knopflöcher Telephon 22 9 75 der Aufklärung und der Forschung im Sinne des Rationalismus lockerte auch hier die Formen und den Zusammenhang traditioneller Gemeinschaften. Die Besserung der wirtschaftlichen Lage und mit dieser der allmählich fortschreitende soziale Aufstieg der Juden Deutschlands, gaben auch ihrem Geistesleben einen starken Impuls und begannen Legalität für die neuen Formen und Ideen zu fordern. Die Aufklärungsbestrebungen mußten den schärfsten Widerstand aller Anhänger des Alten finden und fanden ihn auch, und es war daher zu befürchten, daß alle die jungen und stürmenden, ganz dem Neuen hingegebenen Geister ganz dem Judentum verloren gingen: wenn dies in Deutschland nicht — oder wenigstens nicht unmittelbar geschah — so ist es das Verdienst Moses Mendelssohns. In Berlin seit 1743 erzogen (er war 14- oder 15jährig aus Dessau dorthin gekommen), war es Moses Mendelssohn, der mit 24 Jahren schon mit den größten Denkern Deutschlands, mit seinen geistigen Führern den Weg der Reform des Geistes bahnte. Von seinen großen Leistungen für deutsche Kultur und deutsches Geistesleben soll jedoch hier nicht die Rede sein, sondern nur von seinen jüdischen Bestrebungen, von seiner historischen Bedeutung für die jüdische Entwicklung in der Neuzeit. Es war nicht leicht, das Licht der westlichen Aufklärung in das Reich der Dunkelheit eindringen zu lassen. Die Juden Deutschlands bedienten sich damals noch nicht der deutschen Sprache, sondern der hebräisch-deutschen Mundart, wie sie heute noch bei den Juden im Osten Europas und zum Teil auch in Amerika gesprochen wird. Es war daher nicht leicht möglich, ihnen die verschiedenen Wissensgebiete in ihrer Sprache zugänglich zu machen. Dazu kam noch der Eifer der Traditionstreuen, die jeden als Ketzer verfolgten, der sich mit den weltlichen Wissenschaften befaßte. Ein langer harter Kampf war nötig, um diese Ignoranten, wenn auch nicht ganz zu besiegen so doch ihren Einfluß wenigstens zurückzudrängen, Einen wesentlichen Anteil daran hat Moses Mendelssohn. Seine Übertragung einzelner Teile der Heiligen Schrift in ein korrektes Deutsch (zum Teil in hebräischen Lettern) sollte die Juden zuerst die deutsche Sprache lehren. Gleichzeitig aber sollte dadurch auch der eigentliche logische und grammatikalische Sinn der Sätze herausgearbeitet werden unter Vermeidung aller Deuteleien, die den Sinn des Urtextes der Thora störend beeinflußt haben. Los vom Talmud — zurück zur Bibel wurde die Parole und damit auch das Verlangen nach Verbesserung des durch das viele Talmudstudium verwahrlosten hebräischen Stiles. Für die nicht deutsch Sprechenden sollte die hebräische Sprache zum Mittler zwischen dem Geiste des Judentums und dem der Zeit werden. Bibel und hebräische Grammatik sollte man daher pflegen. Es wurde eine „Gesellschaft der Freunde der hebräischen Sprache“ gegründet, wodurch die Maskilim betonen wollten, daß die Haskala „nicht zerstören, sondern aufbauen will“. Dies alles ist im größten Ausmaße der eigenartigen Persönlichkeit Moses Mendelssohns, seiner Besonnenheit und Ruhe, seiner Bescheidenheit und Mäßigung, seinem sanften Wirken und gediegenen Wissen zu verdanken. Dadurch übte er einen starken Einfluß auf seine ganze Umgebung aus. Konsequent und ausdauernd ist Moses Mendelssohn in seinem Auftreten; nach und nach

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