Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- Seite 535 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176074--09748-9082657- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 36 Das Jüdische Echo 555 Die Juden aber wollen den Frieden: Selbst in diesen Tagen des Schreckens und der Empörung über die arabischen Greueltaten haben sie es zum Ausdruck gebracht, in Palästina und wo immer sie sich aus Anlaß dieser Vorfälle zusammengefunden haben; aber auch darüber haben sie keinen Zweifel gelassen, daß es nicht ein Friede auf jüdische Kosten sein darf. Dies ist nicht etwa nur zionistische Überzeugung und zionistischer Wille, sondern Wille und Überzeugung der ganzen Judenheit. Gerade in den Tagen des Unglücks, die manchem eine erste und fürchterliche Belastungsprobe des in Zürich geschlossenen Bündnisses zu sein schienen, hat sich die jüdische Solidarität aufs schönste bewährt und hat eine jüdische Einheitsfront geschaffen, die überall in großen Kundgebungen ihren Ausdruck fand und eine seltene Übereinstimmung in diesen Fragen zutage förderte. Auch die Engländer wollen den Frieden in Palästina, darüber kann kein Zweifel sein, nur eben wie man ihn heute herbeiführen und erhalten kann, das ist für uns wie für England die entscheidende Frage. Es war zu erwarten, daß sich in England Stimmen erheben 'Würden, die die Liquidierung der Politik des jüdischen Nationalheims in Palästina verlangen; scheint doch vielen Gemütern darin die einfachste und unkomplizierteste Lösung aller Probleme zu liegen. Die englische Regierung aber, an deren Spitze augenblicklich Ramsay Macdonald, ein ausgesprochener Freund des jüdischen Palästinawerks, steht, dürfte nichts entschiedener ablehnen, als eine solche Haltung. Ganz abgesehen davon, daß die in den Fragen des Palästinaaufbaus heute geeinte jüdische Gesamtheit und besonders die amerikanische Judenheit als politische Faktoren von nicht zu unterschätzender Bedeutung angesprochen werden müssen, würde ein Zurückweichen vor den arabischen Forderungen geradezu den Bestand des britischen Imperiums in Frage stellen. Zu deutlich wäre den Kolonialvölkern der Weg gewiesen, auf dem sie sich von England befreien können, zu groß wäre das Risiko, daß rivalisierende Mächte —■ man denke nur an die Sowjet- Union — sich die Schwäche oder offenbare Haltlosigkeit Englands zunutze machen würden, um in anderen Ländern Aufstände zu erregen und die ohnehin komplizierte und uneinheitliche englische Kolonialpolitik zu erschweren. Auch wird die englische Regierung nicht dem Irrtum verfallen, daß sie durch die Aufgabe der Balfour-Deklaration endgültig Ruhe in Palästina schaffen könne. Wie in Ägypten, wie in Indien, würden die extremen Nationalisten immer weitere Forderungen stellen und sie würden gewiß auch nicht davor zurückscheuen, christliche Heiligtümer anzutasten, wenn ihnen dies für ihre Zwecke vorteilhaft erscheint, und England hätte dann mit der Empörung der ganzen christlichen Welt zu rechnen. So sind eigentlich nur zwei Wege denkbar, auf denen England die Befriedung Palästinas herbeizuführen suchen könnte; Indem es wie in den letzten Jahren eine schiedsrichterliche Haltung zwischen den beiden streitenden Parteien der „Juden“ und der „Araber“ einnimmt und dabei doch immer wieder vor dem Teil, der augenblicklich über die größere Macht verfügt — das sind zweifellos die Araber —, der in der Wahl seiner Mittel unbedenklicher und in seinen Ansprüchen, in seinem ganzen Verhalten unbeherrschter ist, zurückweicht. Da es aber diese Politik war, die in Wirklichkeit den arabischen Aufruhr in Palästina Am Dienstag, 10. September,, abends 8.30 Uhr, findet im Museumssaal eine Kl7ND«EBlINti anläßlich der Vorfälle ln Palästina statt. Es werden u. a. referieren: Justizrat Dr. Elias Straus; Helene Hanna Thon (Jerusalem). Die Gemeindemitglieder werden durch besondere Einladungen über alle Einzelheiten noch verständigt werden. verursachte, weil sie die Begehrlichkeit der arabischen Notabein immer größer, eine Verhetzung immer leichter und eine Beruhigung der arabischen Menge immer schwerer machte, wird die Palästinaverwaltung diesen Standpunkt des Schiedsrichters nicht wieder einnehmen können. Ein Beharren dabei würde unter den obwaltenden Umständen sicherlich gerade das Gegenteil des erwünschten Erfolges der Befriedung herbeifiihren. In London und sogar auch in Jerusalem scheint man das jetzt zu begreifen; Weizmann hatte in der letzten Woche verschiedene Unterredungen mit dem Staatssekretär des Kolonialamts, Lord Paßfield, und scheint dabei, wenn auch nicht restlos, Verständnis für diese Anschauung und für die zionistischen Forderungen gefunden zu haben und die Proklamation, die Chancellor der Oberkommissar Palästinas,' kurz nach seiner Rückkunft ins Land erließ, scheint von ähnlichen Gedankengängen getragen zu sein. (Man darf wohl auch annehmen, daß es Weizmann, der in diesen Tagen nach Genf gefahren ist, dort bei der zehnten Tagung des Völkerbunds gelingen wird, der zionistischen Auffassung zur endgültigen Anerkennung zu verhelfen.) Und so ist der andere, wie man sieht, offenbar der einzig gangbare Weg: die restlose Verwirklichung der Balfour-Deklaration. Voraussetzung dazu ist eine gründliche Änderung der Palästinaverwaltung, die vor allem bestehen muß in einer Absetzung aller ungeeigneten Beamten und der Entfernung aller Funktionäre, die der Errichtung der jüdischen Nationalheimstätte feindlich gegenüberstehen und in einer durchgreifenden Reorganisation der palästinensischen Polizei und Gendarmerie, in die Juden in so großer Zahl aufgenommen werden müssen, daß tatsächlich Garantie für die Sicherheit jüdischen Lebens und jüdischer Arbeit gegeben ist. Darüber hinaus muß seitens der Palästinaverwaltung eine Förderung der jüdischen Aufbauarbeit endlich sichtbar werden, an der es bisher vollständig gefehlt hat. Die Araber müssen spüren, daß ihnen kein Kampf gegen die Grundtatsachen des Mandats und der Balfour- Deklaration nützen kann; erst wenn sie dies eingesehen haben, aber auch dann bestimmt, wird mit ihnen über ihre Einzelforderungen zu einem