Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
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524 Das Jüdische Echo Nr. 35 Unter der Zwitterstellung der englischen Zentralregierung, die von der Balfour-Deklaration nicht loskommen konnte, aber trotzdem stets als Vormacht der mohammedanischen Völker“ sich fühlte, schwankte die innere Gesundheit der palästinensischen Gründung. Samuel verschwand mit Lloyd George George und wurde durch den „ollen ehrlichen“ Feldmarschall Plumer ersetzt, der lediglich darüber wachte, daß der englische Brückenkopf auf asiatischem Boden den militärischen und verkehrstechnischen Anschluß an die englische Bastion am Suezkanal aufrechterhielt. Auf Plumer folgte Sir John Chancellor, der ausschließlich das Spiel der Araber spielte. Ibn Saud durfte unbelästigt über das weitmaschige Filter Transjordaniens alle ,unbequemen“ Araberstämme nach Palästina abschieben. Während die jüdische Einwanderung nach Palästina „zeitweise völlig inhibiert“ und seit einiger Zeit nach einem Quotensystem ziffernmäßig beschränkt wird, das an Schärfe der Kontrolle den amerikanischen Einwanderungsbehörden zum Muster dienen könnte, drückte die Grenzgendarmerie an der Süd- und Ostgrenze des Landes beide Augen zu, wenn Araberhorden mit Empfehlungschreiben sogenannter „politischer Offiziere“ aus Transjordanien, dem Irak und anderen noch entlegeneren Gegenden nach Palästina hineinströmten. Diese niemals in Palästina seßhaft gewesenen Araber machten den Juden die fruchtbaren Gegenden des Landes, die zur Ansiedlung geeignet waren, strittig. Sie trugen in die einigermaßen über die jüdische Einwanderung beruhigten lokalen arabischen Elemente den Geist eines aggressiven arabischen Nationalismus, und sie bildeten die Kerntruppe für die Mobilisierung der Araber gegen die Juden, der Mohammedaner gegen die Andersgläubigen. Nicht die Klagemauer und andere immerhin lokal begrenzte Stätten, sondern die arabische Zuwanderung bildet nach Ansicht aller unbefangenen Orientkenner den Ausgangspunkt und die fast unvermeidliche Ursache der gegenwärtigen Kämpfe. Vor der Aggressivität dieser Araber ist die Mandatsregierung schrittweise zurückgewichen, und vielleicht nicht nur aus Parteilichkeit, sondern auch von der Erwägung ausgehend, daß die »englische Macht durch wiederholte Truppenabkommandierungen fast bis auf den Nullpunkt geschwächt worden war. Das Zurückweichen der Mandatsregierung fiel Inden letzten achtzehn Monaten zeitlich zusammen mit dem scharfen Anziehen der englischen Zügel in Ägypten. Lord Lloyd, der begeisterte Freund und Anhänger Churchills, hat die ägyptischen Politiker manchmal damit bedroht, er werde die „jetzt auf die Juden losgelassenen englandfreundlichen Araber“, wenn Ägypten nicht nachgebe und gehorsam sei, auf Kairo und Alexandrien zu konzentrieren wissen. Sir John Chancellor, ein konservativer Kolonialbeamter, spielte das Spiel Lloyds. Er zog die arabische Reservearmee Englands nach Palästina hinein und überhörte geflissentlich alle Warnungen von englischer und zionistischer Seite, die. die Regierung des Mandatsgebietes auf ernste Ereignisse für den Spätsommer dieses Jahres vorbereitete. Bin liberaler englischer Orientsachverständ'iger, der vom März bis Mai im Aufträge Lord Greys Ägypten und Palästina bereiste und den Zusammenhang zwischen der Politik Lloyds und Chancellors feststellte, machte nicht nur hiesige Amtsstellen, sondern auch ausländische Journalisten darauf aufmerksam, daß man mit Bestimmtheit auf Araberpogrome unter der jüdischen Bevölkerung für den August oder September dieses Jahres rechnen müsse. Seine Warnungen wurden ebensowenig beachtet, wie seine Feststellung, daß die zugewanderten Araber von der jetzt bei den Unruhen völlig „neutral“ gebliebenen arabischen Gendarmerie mit englischen Waffen und Munition versorgt worden seien. Die englischen Journalisten in Jerusalem sind jetzt über die vorzügliche Bewaffnung der Araber überrascht. England steht nunmehr vor der schwierigen Aufgabe, entweder die nationalen Selbstschutzorganisationen der Juden zu bewaffnen und es ihnen zu überlassen, in einem Bürgerkrieg gegen ansässige und zugewanderte Araber ihre Ansiedlungen und ihre intensive Kulturarbeit zu schützen, oder die englische Regierung muß sich bereit finden, 10 000 bis 20 000 Mann auszurüsten, um die leicht beweglichen zugewanderten, inzwischen gut bewaffneten Araberhorden aus dem Lande zu entfernen, und mindestens auf Jahre hinaus einen wirksamen Grenzschutz im Süden und Osten des Landes gegen neue mohammedanische „Kreuzzüge“ zu errichten. England steht am Scheideweg seiner Zwitterpolitik der letzten fünfzehn Jahre. Entweder nimmt es seine Pflichten als Mandatsmacht ernst, oder es findet sich bereit, die jüdische Einwanderung nach Palästina ohne Beschränkung freizugeben und es den Juden zu überlassen, aus eigener Kraft die nationale Heimstätte nicht nur wirtschaftlich und agrikulturtechnisch zu schaffen, sondern auch zu verteidigen. Aus der „Vossischen Zeitung“ vom 28. August. Das Problem der Klagemauer vor der Mandatskommission des Völkerbundes Chancellor legt ausführlich die Lage und den britischen Standpunkt dar und berichtet über erfolglos gebliebene Verhandlungen wegen eines Verkaufs der Grundstücke vor der Mauer an die Juden Genf, 23. August. (JTA.) Das Protokoll der Sitzungen der 15. Session der Mandatskommission des Völkerbundes, die vor etwa einem Monat in Genf abgehalten wurde, ist soeben allen Mitgliedern des Völkerbundes übermittelt worden. Der Völkerbundsrat wird sich in seiner nächsten Sitzung mit dem Protokoll zu befassen, bzw. es zur Kenntnis zu nehmen haben. Das Protokoll gibt ausführlich die Gespräche wieder, die in der Sitzung der Mandatskommission über den Bericht der britischen Regierung betreffend die Verwaltung Palästinas im Jahre 1928 und über die verschiedenen Petitionen, insbesondere diejenigen, die das Problem der Klagemauer zum Gegenstände haben, geführt wurden. Sir John Chancellor, der die britische Regierung vor der Mandatskommission vertrat, besprach eingehend den Komplex der Fragen, die mit der Klagemauer verbunden sind. Vor etwa 6 Monaten, sagte er, hat die britische Regierung ein „Weißbuch“ über die Geschehnisse an der Klagemauer am jüdischen Versöhnungstage herausgegeben, das die Zufriedenheit der Moslemiten gefunden hat, indem diese die Darlegung in dem Sinne deuteten, daß die Juden nicht das Recht haben, Bänke und andere Gegenstände vor der Klagemauer aufzustellen. Auf ihre Forderung, aus dieser Schlußfolgerung die Konsequenzen zu ziehen, hatte der Oberkommissar ihnen erklärt, daß er ohne besondere Erlaubnis des Kolonienministeriums ihren Wunsch nicht erfüllen könne. Sir John Chancellor legte den Kommissionsmitgliedern einen Plan der Klagemauer vor und setzte