Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Das Jüdische Echo 525 In Haifa dagegen herrscht eine starke Nervosität, da weitere arabische Angriffe erwartet werden. Sämtliche von Juden herausgegebenen Zeitunge wurden behördlich verboten, obwohl die jüdischen Kreise gegen diese die Sorge und die Unruhe unter der Judenschaft noch erhöhende Maßnahme Protest eingelegt haben. Dagegen dürfen die in Jaffa herausgegebenen arabischen Zeitungen weiter erscheinen. Die Regierung selbst gibt ihr tägliches Bulletin in verkleinertem Umfange heraus. Darin werden die Ereignisse bagatellisiert und die schwerwiegendsten Tatsachen verschwiegen. Auch wird nicht erwähnt, daß die Araber die Angreifenden sind, so daß der Eindruck entstehen kann, daß die Juden angegriffen haben, oder daß mindestens beide Teile gleich verantwortlich sind. Das Amtsbulletin jongliert auch mit Zahlen, so daß das Bild der Lage stark verwischt wird. Ein Bericht von Ben Zwi über die Lage am Dienstag Kairo, 27. August. (JTA.) Der palästinensische Arbeiterführer Ben Zwi teilte am Dienstag, dem 27. August, 11 Uhr mittags, folgendes mit: Die arabischen Angriffe dauern heute in allen Teilen des Landes an. Die britischen Truppen reichen zur Abwehr nicht aus und sind in nur wenigen Punkten konzentriert. In dieser Nacht wurde die Kolonie Chulda zerstört. Dagegen herrscht in Rechoboth Ruhe. Die Kolonie wurde nicht angegriffen. Am Montag nachmittag, teilte Ben Zwi weiter mit, wurde die von Pinchas Ruthenberg in Haifa errichtete elektrische Station von Arabern angegriffen. Bei der Verteidigung wurden fünf Juden getötet. Die Gefahr, daß die Station zerstört wird, besteht noch. Ben Zwei teilt weiter mit, daß Mitglieder der jüdischen Selbstwehr entwaffnet, verhaftet und einem peinlichen Verhör unterzogen werden. Die Lage würde weit besser sein, wenn die Regierung sich entschließen würde, mehr Juden — die sich in großer Zahl hierzu zur Verfügung stellen — in die Polizei und in die Truppenteile einzureihen. Die Araber sind sehr gut bewaffnet, sie besitzen englische Gewehre modernster Konstruktion und werden von arabischen Regierungsbeamten dirigiert und in der Durchführung der Kampfhandlungen unterrichtet. Es handelt sich, teilte Ben Zwi weiter mit, um einen systematisch vorbereiteten arabischen Angriff, der darauf hinausgeht, nach einem schon früher bestehenden Plan alle jüdischen Kolonien zu vernichten. 20 0000 Araber demonstrieren in Damaskus Beirut, 27. August. (JTA.) 20 000 Araber demonstrierten heute in den Straßen von Damaskus und gaben ihrer Solidarität mit den palästinensischen Arabern Ausdruck. Es wurden starke Truppenteile in das jüdische Viertel entsandt, um es vor möglichen Angriffen seitens der Demonstranten zu schützen. 1500 Soldaten in Palästina Jerusalem, 27. August. (JTA.) In Palästina weilen heute bereits 1500 britische Soldaten. Weitere Detachements verließen Kairo mittels Eisenbahn. Ferner werden Panzerautomobile und Artillerie aus Ägypten erwartet. Eine Flottille von neun Zerstörern ist auf dem Wege von Malta nach Palästina. Die Maßnahmen der englischen Regierung — Sir Herbert Samuel aus Prag noch London abgereist London, 26. August. (JTA.) Der Ministerpräsident Macdonald hat Herbert Samuel, der seine Ferien in Prag verbringt, gebeten, im Hinblick auf die Entwicklung der Verhältnisse in Palästina nach London zurückzukehren, um der Regierung mit seinem Rat zur Seite zu stehen. In London knüpft man an diese an Sir Herbert Samuel ergangene Einladung verschiedenerlei Kombinationen; so gibt es auch eine Version, daß Sir Herbert Samuel eingeladen werden soll, wiederum als High Commissioner nach Jerusalem zu gehen. In informierten Kreisen wird dieses Gerücht als ohne Grundlage bezeichnet. Die aus Malta beorderten Kriegsschiffe fahren, so wird mitgeteilt, mit Volldampf in der Richtung nach den palästinensischen Häfen Haifa und Jaffa. Außer den bereits am Samstag beorderten zwei Kriegsschiffen haben am Montag drei weitere Kriegsschiffe, die sich am Flottenstützpunkt Malta aufhalten, den Befehl erhalten, sich eiligst nach Palästina zu begeben. Alle diese Kriegsschiffe sind mit Flugzeugen ausgestattet und führen größere Truppenteile mit sich. Ferner befinden sich in voller Fahrt auf dem Wege nach Palästina ein Flugzeugmutterschiff und zwei Zerstörer. Aus Bagdad wurden sechs Panzerwagen und aus Kairo weitere Formationen britischer Kavallerie und Infanterie nach Palästina beordert. Das gelobte Land Von Dr. W. H. Edwards, Berichterstatter der „Vossischen Zeitung“ London, 26. August. England erntet in den blutigen Kämpfen zwischen Arabern und Juden jetzt die Saat, die sein Kriegskabinett von 1916 und 1917 in seiner Wankelmütigkeit und inneren Zerrissenheit gesät hat, bevor Lloyd George die Stellung des allmächtigen „Kriegsherrn“ der Angelsachsen nach Ausschaltung des schwächlichen Asquith erringen konnte. Churchill und seine Leute versprachen im Jahre 1916 den Arabern auf Kosten der Vorkriegstürkei ein Khalifat, das fast von Angora bis Aden reichen sollte. England fand auch in Hussein den Scheinkalifen. Im Jahre 1917 hatten sich die Kräfteverhältnisse in der Downing Street geändert. Balfour versprach den Juden die nationale Heimstätte unter englischem Schutz auf türkischem Gebiet in Palästina. Lloyd George hat das gegebene Wort gegenüber den Juden im Rahmen des Möglichen eingelöst. Palästina wurde ein englisches Mandat unter der Leitung Sir Herbert Samuels, der, solange ihm Downing Street freie Hand ließ, als ehrlicher Makler zwischen den neuangesiedelten Juden und den Arabern wirkte. Samuel, dem seine Gegner nicht umsonst den ehrenden Spitznamen eines „richtigen deutschen Geheimrats“ beigelegt haben, hat das Land einigermaßen auf eigene Füße gestellt. Er hat aber für die Ansiedlung von Juden nicht so viel türkisches, von Arabern nicht beanspruchtes Kronland freimachen können, wie er ursprünglich beabsichtigte, weil im englischen Kolonialministerium .noch der Geist Churchills herrschte und die Bestrebungen nie einschliefen, durch Oberst Lawrence und den politischen Agenten Philby um Mekka und Medina ein unter englischem Schutz stehendes pseudoarabisches Khalifat errichten zu lassen.