Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 21 (23.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-23
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176059--09716-9082625- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 21 Komanbeilage des „Jüdischen Echos“ 81 lassen. Mordechai erinnerte sich, daß er dasselbe Gefühl hatte, als der Vater und der Pächter ihn überrascht, Rachel fortgeführt und ihn bei Nacht allein im Walde gelassen hatten. Er wälzte sich hin und her, wand sich, biß in die Kissen. Der Trotz, der ihm tief in der Seele saß, reizte ihn noch mehr und rief, er sei nicht besser als Komarowski; nicht um seinen Schwäher Strahl gehe es ihm, das sei nur eine Ausrede, das lüge er sich selber vor — und nicht umsonst füttert man den Menschen j von altersher mit Gerechtigkeit; er klammert sich an sie, selbst wenn er ein Verbrechen begeht. Mordechai zitterte am ganzen Leibe, er fühlte sein Blut in den Adern kochen. Lang unterdrücktes Verlangen rumorte in ihm, lief durch seinen ganzen Körper und heulte wie ein toller Hund. Er fühlte sich imstande, jeden zu zerschmettern, der ihm in den Weg käme und ihn störte. Nein, er wollte sich nicht beugen lassen, er durfte nur wollen, nur die Hand ausstrecken und alles, was sie erreichen kann, f wird ihm gehören. Das innere Feuer schlug ihm in den Hals und in das Hirn; seine Gelüste ergossen sich schwer über den ganzen Körper, und zerschlagen blieb er liegen. Als Mordechai nicht mehr liegen konnte, sprang j er vom Bett, öffnete das Fenster und steckte den erhitzten Kopf hinaus. Feuchte Kälte hauchte ihm entgegen. Es begann zu tagen. Schritte nahten. Mit einem Sprung war Mordechai aus dem Fenster, spitzte die Ohren und spähte mit geballten Fäusten nach allen Seiten, Es war still. Ein Hahn krähte und zerriß die Stille. Ein zweiter, ein dritter antwortete ihm, als führten sie ein Gespräch. Die Feuchtigkeit des Grases durchzog Mordechais bloße Füße; steif vor Kälte, schwang i er sich wieder durchs Fenster ins Zimmer. * Er wollte schlafen und zog die Decke bis über den Kopf; bald wurde ihm heiß, daß er meinte, ersticken zu müssen; er warf die Decke von sich. Was kümmert das mich? Meinetwegen können sie das Genick brechen! Was geht es mich an! Sie sündigt? Nun, es gibt doch Vergeltung! Er lächelte. Erst am Tage vorher hatte Reb Jossel mit ihm über die Lehre von Willensfreiheit und Vergeltung bei den Juden gesprochen und den Beweis geführt, daß die Idee der Vergeltung nicht aus dem Leben weggedacht werden kann; sündigt einer, so folgt sofort die Strafe. Wie sicher doch der Alte war; er hat sich über Maimonides gewundert, der sagt, das seien „Dinge, welche der Mensch seiner Natur gemäß nicht erfassen kann“. Und wer weiß. Vielleicht ist eben jetzt, da ich, Mordechai, nicht schlafen kann, leide, weil ein Verbrechen geschieht, über Vergeltung nachdenke, vielleicht ist zur selben Zeit Komarowski bei ihr. Wo ist die Vergeltung? Komarowski wird am Morgen müde fortgehen und unausgeschlafen? Seine Knochen werden ihm weh tun? Möglich. Und warum leide ich? Ich leide doch mehr als der Pole! Für meine sündhaften Gedanken? Und für wessen Sünden hat Leiser der Schneider gelitten, der mir einen Kaftan für die Feiertage genäht hat? Leiser hat mir geklagt, daß ihm der Tag zu kurz sei und er die Nächte durchwachen müsse; denn jeder Kunde will, daß er ihm das Gewand zu den Feiertagen fertigmache. Er konnte sich kaum auf den Füßen halten, hat jedes Glied gespürt, als würde sein ganzer Körper auseinanderfallen. Für wessen Sünden hat er gelitten? Für wessen Sünden? Mordechai erschrak über seine eigenen Gedanken. Er merkte — hier riß das Gewebe. Mit offenen Augen lag er auf dem Bett und blickte in den finsteren Abgrund, der sich vor ihm auftat. Er hatte Lust, hinüberzuspringen, koste es auch sein Leben. Alles in ihm beugte sich vor Rabbi Mendele und begriff, wie groß das Leid des Rabbi hatte sein müssen; woher mochte ein Mensch soviel Kraft nehmen, um mit sich selbst Krieg zu führen? Und als der Rabbi unter die Leute kam, da schlossen sie die Augen; sie konnten sein Feuer nicht vertragen, waren böse, daß er ihnen die Finsternis genommen hatte, und ließen nicht nach, bis sie ihn zusammen mit seinem Feuer im Kerker verschlossen hatten. Wo bleibt Rabbi Mendeles Lohn? In Mordechai flammte etwas auf und erlosch wieder; er fühlte seinen ganzen Körper mit Riemen umschnürt, er fing an daran mit Nägeln und Zähnen zu reißen, wie ein Verrückter. Das Gebäude, das in der Reihe der Geschlechter auf ihn überkommen war, begann zu wanken, zu zerfallen und das Feuer in ihm ergriff die Trümmer, so daß sie zerbröselten wie versengtes Stroh. Er fühlte, wie er alles von sich abschüttelte, sich befreite, ein anderer wurde. Und wenn das Feuer sich so ausbreiten wird, daß von den Trümmern keine Spur mehr übrigbleibt, was dann?