Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 21 (23.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-23
- Page
- Seite 80 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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i- . f&Ä SO Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 21 Kahanes Stimme wurde noch leiser, sein Antlitz noch bleicher; er fühlte, daß er den Rhythmus verloren hatte; nicht das hatte er sagen wollen... Früher, als er sich in der eigenen Rede verstrickt hatte, da hätte er sich niedersetzen sollen... derlei Dinge lassen sich nicht aus dem Finger saugen... so erzählen kann jeder... das ist nichts als Literatur ... Und je länger er sprach, desto mehr schienen sich ihm seine Worte wie Pech zu ziehen; er fühlte, er müsse abbrechen, aber er fühlte sich gleichzeitig so schwach und hilflos, daß er selbst das nicht tun konnte und weitersprach: ,-Willst du, so gib dich mir für einen Augenblick, und sofort wird sich dein Keller in einen Palast verwandeln, die schönsten Frauen werden sich glücklich schätzen, dir Freude zu bereiten, alles Volk wird dir jubelnd einen Weg bahnen und einer wird dem anderen zuraunen: Da geht er! Nun, warum schweigst du?4 Er stand geblendet; und sowie er mit dem Kopfe ein Ja nickte, da beugten die schwarzen Straßen vor ihm die Köpfe und schrien: ,Lang lebe der große Mann! Er lebe lang...4 Und als er der guten Zeit müde ward und es ihn vor den Menschen ringsum ekelte, da sehnte er sich danach, allein zu bleiben. Er wollte wieder mit den Sternen spielen, einen gegen den anderen schleudern, sie zu Hunderten löschen und wieder entzünden, die Kraft in sich fühlen, aus dem Nichts zu schaffen — aber da fühlte er, daß seine Flügel gebrochen waren; sie hoben sich nicht mehr, zu teuer hatte er für Brot und Weibeslust gezahlt; und schweres Weh umfing ihn. In seinem Leide verschloß er sich und wollte niemanden sehen. Der Schatten aber wich nicht von ihm, und wo er sich versteckte, wo er sich in sich vertiefen wollte, dort stand der Schatten und störte ihn. Mit Tränen in den Augen flehte er ihn an: ,Warum verfolgst du mich? Du bist mir fremd, ich verstehe nicht deine Sprache, laß mich in Ruhe!4 ,Mensch,4 — der Schatten zog sich über die Wand hin — ,hättest du einen Augenblick nachgedacht, du verstündest, daß dein Schreien und Weinen dir nicht helfen wird. Du hattest die Kraft, Steine in Brot zu verwandeln, hast du es getan? Nein! Du hast doch Sehnsucht nach mir gehabt, warst unglücklich, weil die Menschen, vor denen es dich jetzt ekelt, dich nicht kannten. Was willst du nun? Selbst wenn ich dich in einen Kerker würfe, dich erschlüge, keinen würde es kümmern, keiner würde dir glauben! Du hast dich mir doch ergeben, hast mit mir getauscht, darum habe ich deine Macht, aus dem Nichts zu schaffen, in Gewahrsam genommen und- Vor dem Fenster erklangen Stimmen und Hufschläge, Mordechai merkte, daß die Gäste wegfuhren. Er zog das zerknüllte Blatt aus der Tasche und sah, daß es ein Brief war; er wußte, daß er ihn nicht lesen sollte, daß das nicht anständig war und ■— verschlang jedes Wort. Er verstand nichts, nur da und dort nahm er einige Worte und Sätze auf, und dabei fühlte er, daß etwas in seinem Hirn aufblitzte und er zitterte, als wollte ihm jemand seinen teuersten Besitz aus den Händen reißen. Er faltete den Brief zusammen und stand eine Zeitlang, die Hände an die Schläfen gepreßt, als hätte ihn jäh ein schweres Unglück getroffen. Allmählich wurde er ruhig. Er wollte das Zimmer verlassen. Felicia trat ihm entgegen. „Sie haben das da verloren.44 Mordechai reichte ihr das zerdrückte Blatt. „Was?44 Sie öffnete den Brief und erbleichte. „Haben Sie gelesen?44 »Ja.44 Lange schauten sie einander an, dann senkten sie zugleich die Augen: „Sie werden schweigen, nicht wahr?44 „Sie wünschen, daß ich schweige?44 „Ja.“ „Gut.44 Sie streckte ihm die weiche, schmale Hand zum Kusse hin. Er küßte die Hand; zum erstenmal fühlte er seine Lippen brennen. Dann ging er in sein Zimmer und warf sich in den Kleidern auf sein Bett. Vergeltung Lange lag Mordechai schlaflos da, das Gesicht in die Kissen gedrückt, und wußte nicht, was ihm war; er fühlte sich wie nach einem Unglück, das unerwartet hereinbricht und stumpf und gleichgültig macht. Er wußte, daß hier ein großes Unrecht geschah, aber er konnte sich nicht klarmachen, wem es geschah. Ihn ärgerte es, daß jemand in ihm zu sitzen schien und trotzig darauf beharrte, es wäre seine Pflicht, Reb Jossel alles zu erzählen. Jedesmal, so oft er sich zusammennahm, in sich fest wurde und sicher war, daß er Wort halten würde, sah er vor sich Felicia in Komarowskis Armen und vergaß alles, konnte sich nicht beherrschen, war bereit, vor nichts zurückzuschrecken. Nachdem aber der Zorn verraucht war, blieb er müde liegen, Leere im Herzen, als wäre jemand gerade von dort hinausgegangen und hätte diese dumpfe Leere zurückge-