Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 21 (23.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-23
- Page
- Seite 82 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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82 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 21 Was dann? Die Komarowski’s sind glücklicher... Gäbe es wenigstens Gewißheit... Als Mordechai am Morgen erwachte, kam ihm in den Sinn, es wäre am besten, Polen zu verlassen. Er hatte keinen Plan und dachte nicht daran, woher er das Geld nehmen würde, sondern er hatte nur das eine Verlangen — sich von dieser Umgebung loszureißen. Mit jedem Tage wurde dieser Gedanke in ihm stärker, Tag um Tag fühlte er sich beengter im Hause des Schwähers. Und wenn Mordechai mit dem Alten sprach und seinen Reden zuhörte, seine Augen sah, die voll Weisheit waren, da wußte er nicht, wie ihm geschah; er verstand kein Wort von dem, was er zu ihm sprach, sondern dachte nur daran, daß Felicia ihn betrog, daß die Kleider an seinem alten, vertrockneten Leibe wie Säcke herabhingen, und daß er mit seiner ganzen Weisheit jeden Augenblick zerfallen könne. Ihm, Mordechai, kamen auch böse Gedanken in den Sinn, darum begann er dem Schwäher auszuweichen. Felicia begegnete ihm noch freundlicher, sie nahm ihn jetzt unter ihren Schutz und zeigte das deutlich, wenn Gäste im Hause waren; der chassidische Bursche wurde nicht mehr blaß und rot, wenn sie ihm ihre Hand mit den länglichen Fingern zum Kusse entgegenstreckte ... Er war selten daheim; fast den ganzen Tag bummelte er mit chassidischen Lebemännern umher, vor allem mit Daniel Eibenschitz, schrak vor nichts zurück, sondern zerbrach und schleuderte alles weg, was ihm im Wege stand, und sättigte seinen ausgehungerten Leib. Das hielt aber nicht lange an; die häufigen Begegnungen mit Kahane und das zu geräuschvolle Leben ernüchterten ihn. In dieser kurzen Zeit war er hagerer und größer geworden; das matte Gesicht war knochiger und in den grauen, verträumten Augen leuchtete ein stilles Leid, das früher nicht darin gewesen war; es zog an und blieb jedem in Erinnerung, der Mordechai kennenlernte. Gleichgültig ging er im Hofe ein und aus. Er hörte nicht mehr zu, wie Reb Itsche die Thora deutete. Bei Rabbi Mendele, bei Reb Dowidl war er ein häufiger Gast und gehörte sozusagen zur Familie, nahm auch an den exklusiven Zusammenkünften teil, bei denen Daniel über die Geheimnisse der Liebe sprach; Mordechai lächelte darüber, daß Daniels Betten von Süden nach Norden standen, damit er unter gewissen Umständen nicht etwa Gottes Ehre erniedrige, dessen Weg von Osten nach Westen war. Mordechai spielte mit Riwkele Schach; er merkte, daß sie in seiner Gegenwart erbebte, daß eine leise Röte in ihre Wangen stieg. Von ihrem Großvater Rabbi Mendele sprach sie mit großer Ehrfurcht und Liebe; sie war der Überzeugung, jeder Mensch habe ein Aufgabe, das Leben sei kein Spiel und kein Zufall. Das sechzehnjährige Mädchen, das beinahe beschränkt zu nennen war, erwartete freudevoll und sittsam die Zeit, da sie sich würde hingeben und ihr Leben hinschenken können, um den Faden weiterzuspinnen und den Stamm zu erhalten. Das gefiel Mordechai. Er meinte, Riwkele könnte sein Glück werden und glaubte, das stille Mädchen habe ihn lieb; die andere mit den weißen, länglichen Fingern könnte nicht lieben, denn ... So saß Mordechai fast jeden Tag mit Riwkele zusammen, suchte, verglich und fand immer wieder Ähnlichkeiten an ihr, die an Felicia erinnerten. Zu dieser Zeit war Komarowski wider für einige Tage nach Kozk gekommen. Und nun merkte Mordechai, daß er sich geirrt hatte, daß er Riwkele nicht liebte, sondern es sich nur einredete, weil er Furcht hatte vor der Leere in der eigenen Seele und sie mit etwas ausfüllen wollte. Er fühlte unendliche Sehnsucht, fühlte, daß er ohne Felicia nicht leben könne. Er merkte, Riwkele sei nicht mehr als ein Flaumfederchen, das seinen Traum unterbrechen und ihn wecken wollte. Mag diese Feder noch so angenehm weich und leicht sein — wenn sie aufweckt, entzieht sie uns einer Welt, schneidet alle Fäden durch und versetzt uns in eine andere Welt, die gar keine Beziehung zu der ersten hat. Mordechai fühlte sich zu müde, um von neuem anzufangen, und mit einem Hauch blies er die Flaumfeder fort. Er ging nicht mehr an den Hof. Er spionierte Komarowski und Felicia nach, behorchte ihre Gespräche von ohnmächtiger Wut erfüllt. In seinem Leid schloß er sich in seinem Zimmer ein und schaute stundenlang durch das Fenster dem Schnee zu, der sich wie ein Tuch auf die Erde legte, gewahrte gar nicht, daß die Restchen Sommer, die noch in seiner Seele waren, in dem nassen Schnee vergingen, war zufrieden, daß ihn niemand weckte, und spann den Faden seines Traumes weiter und weiter. Als Komarowski weggefahren war, wurde Mordechai wieder nüchtern; er glaubte es nicht, daß .er gegen Spinngewebe Krieg geführt hatte und es tat ihm um Riwkele leid. Acht Tage hatte er sich am Hofe nicht blicken lassen; jetzt schämte er sich hinzugehen und haßte sich, weil er selbst alles zertrümmert hatte. Fortsetzung folgt.