Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 21 (23.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS, DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 20. Fortsetzung Kahane saß inmitten des Zimmers; er sprach schnell und nervös, es machte den Eindruck, daß er sich beeilte und schnell fertig werden wollte, daß er fürchtete, man könnte ihn mitten in seiner Rede unterbrechen. Die Worte blieben ihm im Halse stecken und vor Anstrengung, sie herauszubringen, stand er auf und half mit den Händen nach: — Er brauchte nur die Augen zu schließen, da fühlte er, daß seine Hände zu Flügeln wuchsen, die den Himmel erreichten, und wo seine Finger ihn berührten, dort kommen Sterne hervor. Wenn er will, kann er sie auslöschen, wenn er will, sie entzünden; einen schleudert er gegen den zweiten und sein Finger fährt über die Sterne wie über eine feurige Klaviatur. Er fühlt, daß er aus dem Nichts schaffen und Welten vernichten kann; daß er über sich keine Gewalt hat, daß das, was er schafft, früher nicht gewesen ist, nicht sein konnte, aus sich selbst entstanden ist, denn ihm folgt nie sein Schatten nach. Dennoch war er nicht zufrieden; er wußte, selbst wenn er in sechs Tagen eine Welt schüfe, würde es niemand ihm glauben, denn er hat keinen Schatten, der den Menschen verspräche, er könnte die Steine der gepflasterten Straßen, die Steine der Wälder und Wüsten in jedem Augenblick in Brot verwandeln! Das aber ist die Hauptsache!...“ Flammend und ungestüm entströmten Kahane die Worte; sie fielen wie Feuertropfen auf sein vollbeladenes Hirn und explodierten; unzählige Kämmerchen begannen sich zu öffnen und machten ihn wirr; eine Weile hielt er inne, den Mund geöffnet; er wußte selbst nicht, was er sprach und suchte einen Ausweg aus dem Chaos. Tausende von Flämmchen blitzten auf und lockten ihn; hinter ihnen leuchtete wie durch einen Gazeschleier da und dort ein tiefes Blau und er sah ein Schiff. Auf dem Schiffe waren Juden — die Ungläubigen, die zur ewigen Verdammnis Verurteilten. Mit Zureden, mit Speise und Trank wollten die Pfaffen sie erlösen, auf daß Gottes Gnade (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin ihnen gewährt würde. Die Sündigen mit dem alten Trotz im Blute, die nicht hören wollten, daß er gestorben für der Menschen Sünde, wurden ertränkt; und die Frommen, auf die Gottes Wort fiel, wie Sommerregen auf die trockene Erde, ergaben sich ihm mit so viel Liebe, daß ein Wunder geschah — ihre Füße und Herzen begannen zu bluten. Aus lauter Liebe wurden diese Heiligen, damit sie sogleich das Paradies teilhaftig werden und sich nicht mehr dem Antichrist ergeben könnten, einer nach dem anderen ins Meer geworfen. Aus lauter Liebe..., aus großer Liebe... Alle blickten auf Kahane, welcher noch immer mit offenem Munde dastand, die Augen tief eingefallen, als litte er sehr. Einige Sekunden vergingen. Kahane war verwirrt; er begriff nicht, wieso eine Episode aus den spanischen Märtyrerzeiten ihm plötzlich in den Sinn gekommen war, sah darin keine Beziehung zu dem, was er vorher gesprochen hatte, und wollte sich niedersetzen; da sah er an der Wand Mordechais Schatten. Das genügte, um alle Verwirrung zu zerstreuen. Er seufzte, erinnerte sich, wo er stehengeblieben war und fuhr leise fort: „-- Schwer bedrückt durchschritt er die Gassen; die Gassen waren schwarz von Menschen und er litt sehr, da ihn keiner bemerkte. Ein Mann, der aussah wie er, ging ihm nach. Er wandte sich um, sah den Fremden an und erzitterte. Der Fremde dehnte sich, wurde dünner und kroch die Wand empor. ,Was willst du?‘ Der Fremde wurde ganz krumm und lächelte unterwürfig. ,Du erkennst mich nicht?4 ,Nein.‘ ,Ich bin doch dein Schatten.4 ,Wer bist du?4 Der Schatten lächelte noch unterwürfiger: ,Ich sehe, wie du einsam durch die Straßen streichst und leidest, daß dich keiner kennt; du wohnst im Keller und Frau und Kinder sterben vor Hunger, nicht wahr? Warum zitterst du so, erkennst du mich wirklich nicht?4