Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 20 (16.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-16
- Page
- Seite 77 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 20 Kumanbeilage des „Jüdischen Echos' 77 war Gott dankbar dafür, daß er mit ihr unter einem Dache hauste. Er vergötterte sie. Nie hatte er für sie solche Gedanken, wie sie ein siebzehnjähriger Bursche für eine schöne Frau hat. Er war sicher, sie sei anders als alle, sie sei — Felicia. Nie kam es ihm in den Sinn, daß auf sie das Wort „Körperlichkeit“ angewendet werden könnte, und allmählich bildete er sich ein, daß in den Augenblicken, da er über die „Einheit“ nachdachte, die weibliche Gestalt, die er dabei vor sich sah, keine gewöhnliche Frau gewesen war, sondern die Sehnsucht, die er in Felicias Augen las. Er schaute auf den Kupferstich und fühlte, daß etwas in seinem Herzen rumorte und hin und her huschte wie ein Vogel im Käfig; unzusammenhängende Worte ohne Gestalt und Inhalt schwebten um ihn und lasteten auf ihm wie ein Berg. Er war nicht imstande, die Worte miteinander zu verbinden, die sich um ihn zusammenballten; im Ärger wollte er diesen Berg der Worte mit seiner Stirn durchstoßen, aber sein junges Herz verblutete dabei. Die Komarowskis sind nicht zufrieden mit dem alten Glauben und suchen einen neuen; und ebenso wie der alte, so ist der neue ein verwaister Gedanke, den der jüdische Schmerz geboren hat, ohne ihm Erhebung zu geben. Kann man schon nicht höher gehen, haben wir Juden wirklich das Höchste erreicht — warum gehen wir dann nicht unter, so daß von uns kein Stückchen mehr übrig bleibt? Jetzt muß ja niemand mehr von Grund auf anfangen, wer nur will, kann bei uns etwas abbetteln oder, ohne daß es ihm weh täte, ein Stück von uns ausreißen, daß uns eine eitrige Wunde bleibt, und dann mit der Hilfe des Schwertes die Welt erlösen!.. . Was sollen die zwölf Glaubensartikel für einen Zweck haben, sie sind doch nur ein Fünkchen, verglichen mit dem Feuer, das bei uns brennt! Das Schwert... könnten wir das Schwert so fest halten, daß unsere Hand nicht zittert und unser Herz nicht zuckt — oh! Von der ersten Minute an hatte Mordechai Kahane liebgewonnen; zum ersten Male sah er einen modernen Juden, der den Chassidismus achtete. Kahane verglich die Chassidim mit den Essäern und sah in ihnen den Protest des jüdischen Geistes gegen den starren und erstarrten Buchstaben der Thora: nicht die Form, nicht das Gefäß ist die Hauptsache, sondern der Geist, der das Gefäß geschaffen hat. Das ist der Chassidismus. Der Jude Kahane war es, der den Grafen, welcher in Towianskis Ideen verstrickt war und sich von der polnischen Befreiungsbewegung abseits hielt, dazu brachte, sich dieser mit Leib und Seele zu verschreiben. Krasnopolski konnte Mordechai nicht ausstehen. Er glaubte nicht, daß der Stutzer, welcher sich soviel darauf einbildete, daß er das Polnische ohne jüdischen Akzent sprach, ein Enkel des durch seinen Scharfsinn berühmten Rabbi Leibusch sein sollte. Krasnopolski langweilte sich in Kozk, da er keine Tanzpartnerin hatte; er wünschte, die Ferien würden so schnell wie möglich enden und brachte Felicia täglich weiße Rosen. In den drei Monaten war Mordechai ein anderer geworden; viel hatte er dem Schwäher zu verdanken, der mit ihm jeden Tag studierte, sprach und ihm Bücher zu lesen gab. Immer seltener ging Mordechai an den Hof des Rabbi, auch Reb Itsche sah er selten und fühlte, daß er in einer zu engen Welt gelebt hatte. Der Diener öffnete eine Seitentür und verbeugte sich: „Das Abendessen ist fertig!“ „Meine Herren,“ Felicia stand auf, „zu Tisch!“ „Ich weiß nicht, ob Towianski ein Scharlatan ist,“ Kahane stand auf, „aber wenn ein Pole gegen die Befreiung Polens sein kann.. „Er will die ganze Welt befreien!“ unterbrach ihn Komarowski. „Was heißt das, die ganze Welt?“ Kahane faßte Komarowski bei der Hand. „Unsere Renegaten sagen genau dasselbe! Bester Beweis: Mickiewicz und er gingen in diesem Punkt auseinander! Da Sie aber seine Lehren so vergöttern, so muß ich Ihnen sagen, daß es nicht seine Lehren sind; damit tut man einem großen Polen und Denker unrecht, wie es Heine-Wronski war. Von den Teilen, welche aus der Kabbala genommen sind, will ich nicht erst sprechen. Und dann, wie erklären Sie seine Weltpolitik? Die Bemühungen, sowohl den Papst zu gewinnen als auch Rothschild, nämlich Rothschilds Millionen?“ „Es war doch eine Weltbewegung!“ unterbrach ihn Komarowski. „Sie sagen das?“ Kahane lachte laut. „Zwei Professoren, der Mystiker Pierre Michel und eine hysterische Französin aus dem Quartier latin, das nennen Sie eine Weltbewegung?“ „Und unter den Juden?“ „Unter den Juden konnte Towianskis Lehre keine Wurzel fassen, selbst Mickiewicz’ Predigten im Beth-Hamidrasch haben nicht geholfen. Wissen Sie, warum? Weil jeder Chassid, jeder zerlumpte, ausgemergelte Jude mit Kaftan und Schläfenlocken selbst ein Towianski ist. Sie machen aber kein Wesens davon, weil es uns im Blute liegt! Die paar Juden, welche sich Towianski angeschlossen haben, können Sie an den Fingern abzählen. Sein Adjutant Gerschon Rahm ist ein gewöhnlicher