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Das jüdische Echo · 1929-08-16 · 20 (16.8.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 78

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
20 (16.8.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-08-16
Page
Seite 78 (sequence 4)
Language
German
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78 Romanbeilage des „Jüdischen Echos'* Nr. 20 Lump und die polnischen Juden, die sich „Rabbi“ nannten, sind alles ehemalige Kinderlehrer und ausgediente Soldaten!“ „Zu Tisch, zu Tisch!“ Felicia betrat als erste das Speisezimmer. „Sehen Sie nur, wie sich Kahane in Hitze redet!“ Krasnopolski lenkte Felicias Aufmerksamkeit auf Kahane und ahmte seine Handbewegungen nach. „Dafür sind Sie nie ernst,“ Felicia wies den Eintretenden ihre Pätze an, „nehmen Sie sich ein Beispiel an Kahane ...“ „Ich fürchte aber Haare zu lassen“, lachte Krasnopolski. Kahane fuhr sich instinktiv über den Kopf, auf dem die Haare so schütter waren, daß man sie zählen konnte. Lächelnd wandte er sich an Felicia: „Sie verstehen, die Natur ist ökonomisch; wenn man Rabbi Leibusch zum Großvater hat, den die polnischen Juden den „eisernen Kopf“ nennen, dann braucht der Enkel überhaupt kein Hirn, schon der Harmonie halber ... Die Natur darf nie zuviel verschwenden, Großvater und Enkel bedenken. Die Komarowskis müssen ja auch etwas bekommen, nicht wahr?“ „Gewiß, gewiß“, Komarowski klopfte Kahane auf die Schulter und goß sich ein Glas Wein ein. „Gut gesagt! Ein wunderbares Volk, das jüdische! Towianski hat recht, wenn er sagt, die Franzosen hätten einen einzigen Lichtpunkt gehabt; das war Napoleon, dessen Lichtschein die finsteren Geister verjagte, welche am Menschenherzen nagten und die Hirne stumpf machten. Solcher Lichtpunkte aber hatten und haben die Juden unzählige! Ich trinke auf die wunderbare jüdische Rasse!“ Die Weingläser erklangen. Man begann zu essen. Als Felicia sich über die Lampe beugte, um den Docht höherzuschrauben, bemerkte Mordechai, daß ihr etwas aus dem Busen fiel. Er wollte sich sofort bücken, um es aufzuheben und ihr zu reichen; instinktiv aber stellte er den Fuß darauf, sah sich um, ob es niemand bemerkt hatte, und errötete dann. Er konnte dem Gespräche bei Tische nicht mehr folgen, denn er fühlte, wie das Stückchen Papier unter seinem Fuß brannte und ihn versengte; er war sicher, alle hätten gesehen, was er getan, und hielten ihn für einen Flegel. Nur ein Bauer in der Schenke, wenn er sieht, daß jemandem eine Münze zu Boden fällt, stellt den Fuß auf sie. So etwas kann nur ein Flegel tun. Er redete sich selbst ins Gewissen, das Blatt sofort aufzuheben und es Felicia zurückzugeben. Vielleicht aber darf niemand davon etwas wissen? Dieser Gedanke beruhtige ihn; unbeweglich, ohne den Fuß zu rühren, blieb er sitzen, bis das Abendessen zu Ende war; als dann alle ins nächste Zimmer gingen, steckte er das Blatt rasch in die Tasche und ging ihnen langsam nach. Felicia spielte das Lied: „Finster überall, düster überall. Was wird noch einmal, was wird noch einmal?“ Mordechai kannte das Lied nicht; er sprach die Worte nach, erinnerte sich an seine Heimat, an Rachel und Reb Itsche. Er sah Felicias weiße Finger über die Tasten gleiten und fühlte sich ihr so nahe, so nahe... Die Töne verklangen allmählich, sie hingen noch in der Luft und vereinigten sich mit dem Halbdunkel des Zimmers; Mordechai horchte angestrengt — wird noch gespielt? Des Grafen angenehme Stimme klang mystisch durch den Raum: „Ein furchtbares Antlitz .. mit drei Stirnen .. Von fremder Mutter, sein uraltes Blut verliert sich In Unendlichkeiten. Sein Name — Vierundvierzig!“ Mordechai klang das bekannt; wo hatte er das nur gelesen? Hatte er das gelesen? War das nicht ein Midrasch, in dem der Antichrist beschrieben wird, der zu Rom geboren werden soll mit drei Stirnen... Woher weiß das der Christ? „Bitte, Herr Krasnopolski, was deklamiert der Graf?“ „Das ist doch die ,Große Improvisation4 “. „Was?“ Krasnopolski antwortete nicht. Es wurde still. Die Worte rollten schnell und schneller, ein Berg nach dem anderen wuchtete nieder und jeder wurde klein und nichtig und duckte sich in seinem Winkel zusammen. Wie Feuerflammen bohrten sich die Worte Mordechai ins Hirn und rissen alle Wunden auf, die mit Spinnwebe bedeckt gewesen waren. Er sah — warum, das wußte er nicht — Rabbi Mendele vor sich, der in seinem Zimmer eingesperrt saß, in Ketten, an denen er aus aller Kraft riß, schrie, mit Gott haderte, und tausend Augen lachten über ihn und hatten ihren Spaß daran, daß das gebrechliche schwache Geschöpf in seinem abgesperrten Zimmer hin und her rannte und gegen den Wind kämpfte. „Ah, Kahane“ — Mordechai warf einen Blick nach der Seite, wo der Graf gestanden hatte und sah niemanden dort. Fortsetzung folgt.

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