Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 20 (16.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-16
- Page
- Seite 76 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176052--09698-9082607- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
76 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 20 mehr als vierzig Generationen nach! Vierzig Generationen! Ich beuge vor euch mein sündiges, mein krankes Haupt! Es ist mir so elend ohne Dich, so elend, mein Engel... Ich warte, daß Polen mich rasch rufe . . . inzwischen renne ich mit dem Kopf an die Wände, schweige und warte .. Dieser Brief machte Felicia wahnsinnig und verwirrte ihre Gedanken, so daß sie nicht wußte, was rings um sie geschah. Der Satz, daß hinter ihr vierzig Adelsgeschlechter stünden, daß ihr Adel älter sei als der des ersten Polenkönigs, ging ihr nicht aus dem Kopfe. Das ist echter Komarowski! — sagte sie sich. Aber sie war seiner nicht sicher, nie sprach sie mit ihm davon, und wenn sie das Gespräch auf diese Bahn lenkte, so wich er aus. Der leiseste Ruf hätte genügt, daß sie dem Polen folgte; sie hatte keine Gewissensbisse, sah nicht ein, warum sie es nicht tun dürfte, und dachte nicht an die Eltern. Aus Furcht vor dem Bankrott hatten sie sie verkauft, ihr einen Großvater zum Mann gegeben; nein, keinen Großvater, einen Großvater hat man lieb; irgendeinen strengen, klugen Onkel hatten sie ihr zum Mann gegeben, sollte sie da Mitleid mit ihnen haben? Ihr Mann, vor dem sie große Ehrfurcht hatte, kam ihr manchmal wohl in den Sinn; dann fühlte sie sich schuldig, liebkoste ihn und litt darunter sehr. Nun fährt Komarowski weg und ich bleibe ganz einsam. Warum spricht er nicht? Ich werde das nicht aushalten, ich werde ihn nicht ziehen lassen! Instinktiv warf sie einen Blick auf ihre rechte Hand, wo an ihrem Ring ein weißer Adler hing, und sah sich um, als fürchtete sie, jemand könnte ihre Gedanken erraten. Sie wollte ganz und gar nicht in dem großen, stillen Hause allein bleiben. Kahane? Krasnopolski? Wer noch?... Sie zuckte die runden Schultern und auf ihrem dunklen Gesicht erschien ein gleichgültiger Zug. Mehr als einmal hatte sie bemerkt, daß in Komarowskis Gegenwart die jüdischen jungen Herrchen sich völlig änderten, als wäre es eine Auszeichnung für sie, daß ein Graf mit ihnen sprach. Das ärgerte sie; Krasnopolski haßte sie beinahe dafür. Der chassidische junge Bursch, Mordechai, der bei ihr im Hause wohnte, gefiel ihr schon besser — er schaut jedem fest in die Augen, wird ein wenig rot und sagt die Wahrheit. Er hat aber keine Manieren und keine Haltung; und warum schaut er mich fortwährend so an? Felicia erinnerte sich, daß man im Salon sicher auf sie wartete; sie warf noch einen Blick in den Spiegel, verbarg den Brief an ihrem Busen und trat heiter in den Saal: „Sie müssen mich entschuldigen, meine Herren, daß ich Sie alleingelassen habe...“ „Oh, gewiß“, der Graf verneigte sich. „Waren Sie denn fort gewesen?“ warf Kahane dazwischen und, ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter auf Komarowski ein. Felicia antwortete nicht sogleich; sie stand beim Flügel, griff einige Akkorde und sagte dann lächelnd: „Hören Sie, Kahane. kommt es nicht manchmal vor, daß Sie sich selbst suchen?“ „Wie meinen Sie das?“ „Das bedeutet,“ warf Krasnopolski ein, „daß der Mensch auf der sündigen Erde wandelt und sein Kopf im Himmel ist; da kommt es manchmal vor, daß er seine Füße verliert ...“ „Sehr fein.“ Gut gelaunt, klemmte Krasnopolski sein Pincenez auf die kurze Nase und summte einen Gassenhauer, den er aus Paris mitgebracht hatte: „Monsieur, c’est mon amant...“ „Singen Sie nicht das Liedchen“, bat Felicia und ließ sich nachlässig auf einem Taburett nieder. „Oh, entschuldigen Sie, Madame“, er verbeugte sich galant. Mordechai saß mit geröteten Wangen beim Tisch. In das Gespräch mengte er sich selten. Für ihn war all das ganz neu. Plötzlich hatte er erfahren, daß mit demselben Feuer, mit dem er vom Rabbi von Kozk sprach, Komarowski über einen gewissen Towianski sprach, dessen zwölf Glaubensartikel er soeben vorgelesen hatte. Mordechai wollte bemerken, Towianski habe gar nichts Neues gebracht, die zwölf Glaubensartikel seien nicht mehr als ein bißchen Kabbala; aber gleichzeitig fühlte er, sie seien in der Art, wie sie Komarowski vorbrachte, doch etwas gar anderes, und er hatte das Gefühl, daß er dem jungen Christen eine ganze Nacht lang zuhören könnte. Das Feuerschwert des Sohar war da in eine scharfe Stahlklinge verwandelt worden, die von einer muskulösen Hand fest geführt wurde. Er sah Towianski vor sich, einen alten Mann mit verwildertem Bart, einen Sack auf den Schultern, einen knorrigen Stock in der Hand; genau so hatte er sich einmal Paulus vorgestellt. Fr begriff, daß der Graf nicht der einzige war. ln Polen mußte es tausend solcher Unzufriedener im Glauben geben, wie er, Mordechai, es war; ein Gefühl der Bangigkeit kam übei ihn. Er hörte nicht mehr dem Gespräche . zu, sondern schaute auf die Wand, an der ein Kupferstich hing, der Felicia darstellte, und