Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 20 (16.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS» DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 19. Fortsetzung „Die große Improvisation“ Felicia trat ins Nebenzimmer; dort stand sie eine Weile mit gerunzelter Stirn und aufeinandergepreßten Lippen, wie ein ungehorsames kleines Mädchen, welches den Eltern etwas zu Trotz tun will. Sie ärgerte sich über sich selbst: Warum hatte sie jetzt ihren Mann aufgesucht, ihn gestreichelt und ihm gute Worte gegeben wie eine Romanheldin, die sich schuldig fühlt und aus Angst vor des Mannes Verdacht ihn fortwährend umschmeichelt? Felicia zündete Licht an und las den Brief, welchen ihr Komarowski beim Eintritt in die Hand gedrückt hatte. Sie zitterte. Der noch ganz junge Komarowski mit dem blonden Schnurrbärtchen, den blauen Kinderaugen und den abgerissenen, zusammenhanglosen Reden hatte ihr gleich bei der ersten Begegnung imponiert. Sie verstand selten, was er sprach, da sie seine Gedanken nicht miteinander verknüpfen konnte. Das gefiel ihr noch mehr, denn sie empfand das als Erholung nach all der Klarheit, Logik und Berechnung, die in ihrem Hause herrschten. Nach Komarowskis erstem Besuche sagte Strahl seiner Frau, der junge Komarowski erinnere ihn an ein schönes Roß, das, sobald es den Reiter auf sich spürt, sich nicht mehr halten kann. Ihr. gefiel der Vergleich. Ganze Tage dachte sie über Komarowskis Wesen nach, und es verwirrte sie immer mehr. Wie ein Mensch, der gar keine Vorstellung von der Sonne hat und sich dennoch an ihren Strahlen wärmt, so fühlte sich Felicia glücklich, wenn Komarowski in ihrem Hause weilte. Felicia faltete den Brief zusammen und warf einen Blick in den Spiegel, der seitwärts stand; sie war zufrieden mit dem matten, ruhigen Gesicht, welches sie darin sah, und lächelte, als sie sich erinnerte, daß Komarowski sie im Brief gebeten hatte, sie möge warten, er sei ihrer nicht wert, die Juden seien die wunderbarste Rasse. Wieder öffnete sie den Brief. „... ich glaube, die Zeit wird bald kommen, bald, uns zuliebe ... die Welt muß befreit werden. Unter den drei Völkern, welche dazu ausersehen sind, den Messias zu bringen, befindet sich auch das jüdische. Wir leben in einer wunderbaren Zeit! Ich glaube — bald, bald... werde ich Dir zu Füßen fallen, die Spur Deiner Schritte küssen und den Staub der Welt in mich einsaugen, auf daß Du geläutert Dich erhebest und ich Dir frei sagen kann: Komm! Mit dem Lichte Deiner Augen werden wir die bösen Geister verjagen, die in Scharen auf der Erde wimmeln. Der Glanz des siebenten Boten, den Gott auf die Erde niedersenden muß, und der schon unter uns weilt, wird auf Dich fallen, mein Engel. Das Feuer Deiner Augen, es wird so lauter leuchten, daß alles Schlechte verschwindet und die Erde zum Himmel wird ... „Und wenn Du nicht mit mir gehen wirst, so werde ich zu Deinen Füßen liegen wie ein treuer Hund und niemanden zu Dir lassen, daß kein Stäubchen auf Dich falle. Du meine Mater dolorosa! „Erst gestern war ich bereit, mein Leben hinzugeben, auf daß Rom nicht in die Hände des Antichrist falle. Das Gewehr auf der Schulter, mit dem Losungswort ,Petrus apostolus princeps apostolorunT zog ich mit den Österreichern aus, um die ungläubigen Italiener niederzuwerfen. Und was war das Ende? Ich, ein guter Katholik, habe mit meiner Waffe das Christentum begraben geholfen! Und niemand wagt mir das Wort ,Antichrist4 ins Gesicht zu schleudern! Kahane hat recht — wir leben in einer wunderbaren Zeit, das alte Rom hat sich befreit! Hörst Du, be-freit! „Und wenn ich alt werde und nicht mehr zu Deinen Füßen liegen kann, so will ich mein eigenes Herz zerfasern und auf den blutigen Saiten vor Dir spielen, daß alle ringsum der Wahnsinn erfasset — die Ahnen mögen es ihren Enkeln überliefern, daß einstens ein unglücklicher Graf Komarowski und eine leidende Felicia lebten ... Oh, wenn Du Komarowski kennst — er ist imstande, zu fühlen, was Adel von mehr als vierzig Ahnen bedeutet! Der Schleppe Deines Kleides, Felicia, den Zöpfen Deines schwarzen Haares ziehen sich