Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-08-09 · 19 (9.8.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 73

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
19 (9.8.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-08-09
Page
Seite 73 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176039--09682-9082591
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 19 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 75 sich, Samuel David Luzzatto doch wieder zu schreiben; es wäre doch nicht schön, so lange böse zu sein ... Er wurde rasch müde und setzte sich wieder nieder. Vor ihm lag ein Brief von Geiger — von dem Mann, der gegen die Beschneidung aufgetreten war und das Judentum so beschnitten hatte, daß es zu rund wurde und es fehlte nicht viel, so wäre es im ganzen aus der Welt gerollt. Was will der solide Deutsche im Frack? Er fordert, die Juden mögen Menschen werden, die Weisheit der Gojim annehmen und den Schmutz von sich abwerfen; in einem fort predigt er, man könne in unserem Vierellenumkreise nicht stehen, und zugleich glaubt er, wir, die Schmutzigen, hätten eine „Mission“, wir seien dazu da, die Welt zu verbessern! Ha, ha, ha! Sonderbar, Völker, welche am Boden liegen, bekommen plötzlich „Missionen“, werden Erlöser, trösten sich mit ihrer Ohnmacht... Da besucht mich oft ein Pole, der predigt auch, daß die Polen eine Mission hätten, das polnische Volk sei gekreuzigt worden für die Sünden der Völker und werde den Messias, einen sozialen Messias, bringen. Die Polen haben also auch ihren Geiger, einen gewissen Towianski. Er steht natürlich noch weit von unserem Geiger, dem Rationalisten, ist beinahe ein wirklicher Rabbi, heilt Kranke wie — bei allem Unterschiede zwischen beiden — der Baal-Schem, hält sich für eine Wiedergeburt Jesu, will die Polen mit Wundern erlösen und hat große Lust gezeigt, Rothschilds Millionen zu erlangen; er ist wahrscheinlich der Ansicht, sein Reich sei von dieser Welt. Ha, ha, ha! Was aber wollen die Polen von mir? Sie haben mich gedrängt, auch Felicia hat nicht Ruhe gegeben, ich möge der Kassierer sein und die Gelder aufbewahren, welche aus der ganzen Gegend einfließen. Gern würde ich ihnen ein paar tausend Rubel geben, damit sie mir dieses Amt erlassen, Juden sollen sich nicht einmengen, wenn die Polen nicht einig sind. Der alte Graf Jasinski, der mich, Jossel, in seinem Innersten als einen seiner Pächter ansieht, obwohl er sich bei mir Geld leiht und mit mir über Hegel disputiert, hat keinen Groschen für die Sache hergeben wollen und erklärt, sie sei Unsinn, denn „alles, was ist, ist vernünftig“. Dummkopf! Dann ist der Aufstand in den dreißiger Jahren auch vernünftig gewesen; denn er ist gewesen und ist — verunglückt! Und mit solchen sündhaften Wahrheiten schafft man Welten und zerstört sie! Neulich hat mir ein junger Mann gesagt, daß nun Rom sich von Österreich befreit und der Papst seine weltliche Macht verloren hat, so sei jetzt die Zeit gekommen, daß Jerusalem wieder erbaut werde... und das hat kein Kabbalist gesagt, sondern ein kluger Mensch, der viel kann, hat talmudisches Wissen, hat die Heidelberger Universität absolviert und redet doch solchen Unsinn... wer kann aus den Leuten klug werden? Die neue Generation ist zu weit fortgeschritten; vielleicht aber bin ich schon zu alt und verstehe nicht mehr, was rings um mich vorgeht? Was war mir nur vorhin eingefallen? Ach, vergessen! — der Alte rieb sich die Stirn —. Ich hab’ ihm ja schreiben wollen, dem Luzzatto; man wird alt, ich erinnere mich nicht mehr... Und doch bin ich auch einmal jung gewesen, bin nach Lemberg gefahren und zusammen mit Schlojme zu Krochmal gepilgert. Alles schon ein Traum! Nachman ist schon in der Welt der Wahrheit und Schlojme — Rabbiner in Prag. Er ist nicht dumm, der Schlojme. Es muß ihm nur leid tun, daß er so spät daraufgekommen ist, es hätte keinen Sinn, sich mit der ganzen Welt herumzuschlagen, solange man satt und ruhig leben kann. Er ist immer den sichersten Weg gegangen, hat nie Mut gehabt; anders wäre es auch nicht möglich gewesen, daß ein Mensch in Lemberg zwanzig Jahre davon, gut. zwar, lebt, daß er als Schauchet für die Fleischer arbeitet; jetzt da er das „Priesterkleid“ angezogen hat, hat er mit den alten Freunden ganz gebrochen; daß er Rabbiner geworden ist, das hat ihn umgebracht. Er darf~nichts mehr, gar nichts... nichtsdestoweniger möchte ich doch mit ihm ein bißchen plaudern, wir müssen beide gleich alt sein,... ja gleich alt... beide sind wir gleichzeitig zu Krochmal gekommen, im Sommer im Korn gelegen und haben Voltaire gelesen... ein Traum, ein Traum ... das Rad dreht sich ... Gott weiß, vielleicht wird viele Jahre später der Junge genau so dasitzen wie ich und dieselben Gedanken haben ... ein ewiger Traum ... er hat keinen schlechten Kopf, der Mordechai. Wie lange ist er schon da? Drei Monate. In der kurzen Zeit hat er ganz gut deutsch lesen gelernt. Und den Maimonides faßt’er auch ganz gut auf. Wozu hat aber Abraham seinen Einzigen hergeschickt? Wenn er ihn zum Rabbi schicken wollte, wozu hat er ihn bei mir wohnen lassen? Aus dem „Paradiese“ kommt der Junge nicht unversehrt hinaus. Ach ja — der Alte stand auf, nahm aus einem schwarzen geschnitzten Bücherschränke die „Zionsliebe“ von Mapu, die soeben erschienen war, und legte sie auf den Tisch — das soll er lesen! —■ Dann ging er wieder zu seinem Fauteuil, schloß die Augen und blieb so im

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.