Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 19 (9.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-09
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 19 daß er sich mit ihren Gästen unterhalte... Doch wie sieht er, der alte, verrunzelte Jude, gegenüber-den liberalen Edelleuten und den jungen jüdischen Herrchen aus? Jeder, der ihn in Felicias Gesellschaft sieht, muß sie bedauern und daran denken, es sei wohl nicht schwer, eine so junge, schöne Dame einem alten Shylock zu entführen ... Deshalb geht er nicht hin, sondern bleibt in seinem Zimmer und liest, bis es ihm vor den Augen schwindelt. Mag dort geschehen, was da wolle! Er schämt sich vor ihr, schämt sich sogar zu seufzen. Er weiß nicht warum, aber wenn er sie sieht, hat er den Wunsch, jünger auszusehen ... Seit Monaten schon lebt er nicht mit ihr . . . Und sein Reichtum? Sie ist ja im Reichtum geboren ... Goethe hat schon recht... * Reb Jossel schob die Brille auf die Stirn und blickte durch das breite offene Fenster auf den Wieprz, dessen Wellen sich still und •golden in den Strahlen der untergehenden Sonne kräuselten. , . Als die Sonne verschwunden war, seufzte der Alte auf. Er hörte einen Wagen vor dem Hause Vorfahren und machte eine Geste nach der Richtung, woher das Geräusch kam, wie um jemanden zu bitten, ihn nicht zu stören. Die beschriebenen Papierbogen legte er langsam in die Schreibtischlade. Da er nichts zu tun hatte, machte er Ordnung in der Lade; er zog ein Paket Briefe hervor, das mit einem Bändchen umwickelt war, und öffnete es. Lange blickte er auf die verblichenen Adressen; er wußte auswendig, was in jedem Briefe stand. Die schmalen, gefalteten Briefe mit den Siegellackflächen waren aus Zolkiew gekommen, einem entlegenen galizischen Städtchen, in das aus ganz Polen und Galizien die Aufklärer zu ihrem Rabbi Nachman Krochmal pilgerten. Reb Jossel hatte ihn auch einmal gesehen — ein schmächtiger, schwächlicher Mann, der wenig sprach, stets gelassen blieb und das schwerste Problem mit zwei bis drei kurzen Sätzen erklärenkonnte. Er hatte kleine, warme Augen; seine Stirn ragte tief in das Gesicht. Sommer und Winter trug er einen Ripskaftan. Nachman hatte ihn bewogen, den „Faust“ zu übersetzen. So oft Rabbi Jossel mit ihm sprach, kam ihm Ibn Esra in den Sinn; der war aber wohl rascher, rühriger gewesen, hatte atemlos gesprochen, war stets in Eile und hatte keine Zeit gehabt, sich zum Denken niederzulassen, sondern hatte wandernd, den Stock, in der Hand, so nebenher seine Schriften geschrieben. Der große Briefbogen mit der zarten Kinderschrift kam aus Padua. Der italienische Jude war für Reb Jossel bis heute ein Rätsel. Er träumte sehr oft von ihm in der letzten Zeit, und sie disputierten ganze Nächte lang. Etwas war ihm noch nicht klar. Wohl hatte er damals, als der Italiener gegen Maimonides und Ibn Esra auftrat, mit ihm gebrochen und aufgehört, ihm die jährlichen fünftausend Gulden für den Ankauf alter jüdischer Handschriften zu schicken. Damals hatte er sich mit ihm entzweit. Jetzt tut es ihm leid, er fühlt, daß der Italiener zum Teil doch recht hatte, und ist entschlossen, ihm den ersten Teil seines „Faust“ zu schicken. Maimonides’ „Hash’arath hanefesch“ (Unsterblichkeit der Seele) ist zu aristokratisch, es ist für geistreiche, spekulierende Köpfe geschrieben. Und was wollte er mit seinen dreizehn Glaubensartikeln? Der dritte Glaubensartikel ist zu abstrakt und unjüdisch, das Volk begreift einen Gott nicht, der gleichzeitig existiert und nicht existiert; es kann zu ihm nicht beten und formt sich natürlich einen anderen; das haben auch die Metaphysiker eingesehen und sich deshalb mit einem Logos versorgt, andere wieder mit einem Gottessohn, mit Sefiroth, oder mit einem Zaddik —■ lauter Maklern, durch die man mit Gott in Berührung kommen soll! Aber Luzzattos Buch, das den gleichen Titel führt wie das des Maimonides, und das für alle, auch für die Sünder, geschrieben sein soll... Ist dieses schon die reine Wahrheit? Wer weiß es? Jedenfalls, so ist es gemütlicher! Luzzatto hat recht, daß er zu keiner Dialektik Vertrauen hat und von Spinozas geometrischen Beweisen nichts hält... Freilich, freilich, welchen Wert hat denn menschliche Wahrheit? Wäre er, Jossel, nicht so alt und hätte er mehr Mut, so hätte er auch noch andere Wahrheiten anerkannt; man darf nicht bloß mit dem Verstände rechnen, es ist jüdischer, was in dem Worte ausgedrückt ist: „Nicht der Glaube ist die Hauptsache, sondern die Tat.“ Als Paulus diesen Satz umkehrte und den Römern predigte, die Hauptsache wäre Glauben und nicht das Tun, da hat er gänzlich das Band nicht nur mit dem Judentum, sondern auch mit dem Juden-Christentum zerrissen und so das Christentum gleich bei seiner Geburt zum Tode verurteilt. Der letzte Gedanke begeisterte den alten Mann so, daß er aufstand und mit leisen Schritten durch das Zimmer ging; je tiefer er sich in den Gedanken versenkte, desto mehr gefiel'er ihm; seine Trauer schwand für eine Weile, er fühlte sich jünger, fühlte, daß er etwas Neues entdeckt habe, und entschloß j i ii I