Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 19 (9.8.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-08-09
- Page
- Seite 74 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 19 dunklen Zimmer sitzen. Aus den schwarzen Bücherschränken an den Wänden und aus den geschnitzten Simsen krochen Schatten hervor, breiteten sich auf dem Boden und auf den Wänden aus wie alte Bekannte, und der gebeugte Jossel fühlte plötzlich große Müdigkeit, es zog ihn zu einem Lager, wie es eine ausgereifte Frucht vom Baume zur Erde zieht. „Ah, Jossel, was treibst du?“ „Nachman?“ „Du erkennst mich nicht?“ „Du bist doch, glaube ich, gestorben?” „Hast du das Wort vergessen: Denn kein Mensch erwirbt das Jenseits, ohne daß er erfährt, was das Wesen der Natur ist?“ „So ist es also wahr, was Maimonides sagt?“ „Gewiß, es ist wahr.“ „Aber Samuel David Luzzatto ...“ „Was macht der Italiener?“ „Er lebt.“ „Maimonides möchte ihn kennenlernen. Jeden Tag, wenn die Namen der Neuangekommenen ausgerufen werden, hört er zu, ob nicht auch Samuel Davids Namen darunter ist.“ „Er wird dort einen schönen Empfang haben, das kann ich mir denken — rechts Maimonides, links Ibn Esra, von rückwärts Spinoza, und dann noch die Zweitrangigen! Sie werden ihn ja zerreißen, ha, ha, ha!“- „Ah, wer ist das?“ fuhr Jossel zusammen, sah Felicia vor sich stehen und rieb sich die Augen. „Ein bißchen eingenickt...“ „Warum sitzt du im Finstern?“ „Im Finstern?“ Jossel griff nach der Tischglocke und läutete. „Ja, ich sitze im Finstern!“ Ein Diener trat ein und verbeugte sich. „Ignaz, mache Licht!“ Der Diener zündete eine Öllampe an und wollte auch eine der Lampen an dem Kandelaber anstecken. „Ist nicht notwendig, du kannst gehen!“ Felicia streichelt Jossels graues Haupt und sprach bittend: „Warum sitzest du so allein hier? Komm 'doch in den Salon — wir haben Gäste.“ „Wer ist dort?“ „Dieselben wie immer.“ „Kahane?“ „Kahane, Komarowski...“ „Der Graf?“ unterbrach sie Jossel. „Was macht er hier in Kozk? Er wohnt doch in Galizien.“ „Du weißt ja, was er macht.“ „Er will also die Russen vertreiben, sonst nichts, wie?“ „Ist das ein Verbrechen?“ „Es ist Wahnsinn.“ „Wie man’s nimmt.“ „Ich habe gestern mit Rudnicki gesprochen, der zwei Söhne im ersten Aufstande verloren hat, er sagt dasselbe. Er meint, der Bauer werde nicht mittun.“ „Kahane sagt, wenn auch der Aufstand eine verlorene Sache sei, so müsse man ihn doch unternehmen, es sei noch schöner tragischer ...“ „Ach, Ka-ha-ne,“ Jossel sprach den Namen spöttisch aus, „der führt immer große Worte im Munde! Er meint doch, jetzt, wenn Rom sich von der Macht des Papstes befreit habe, werde man Jerusalem auch befreien und es den Juden wiedergeben. Nur gut, daß er nicht befiehlt, die Juden mögen sich organisieren und sich Jerusalem selbst von den Türken holen.“ „Du lachst über alles.“ „Ich meine es im Ernst“, Jossel faßte Felicia bei der Hand. „Wir Juden sind ein sonderbares Volk. Entweder wir halten uns ganz abseits oder wir nehmen uns mit Leib und Seele einer Sache an, so daß wir gleich das Genick brechen.“ „Wenn man jung ist...“ Felicia lächelte — „Warst du besser?“ Jossel fühlte sich alt, gebrochen, abgetan; er hatte Furcht, es zu zeigen, streichelte Felicia wie eine Tochter und sagte: „Entschuldige mich für heute, Felicia, ich bin nicht ganz wohl, geh zu deinen Gästeft, ich will mich hinlegen.“ „Was fehlt dir?“ „Gar nichts, ich fühle mich ein wenig müde.“ Er küßte sie auf die Wange. „Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“ Jossel blieb mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf sitzen und sah mit seinen müden Augen lange nach der Seite, wo Felicia entschwunden war, als hätte sie etwas zurückgelassen; plötzlich zuckte er die Achseln, wie um alles von sich abzuschütteln, und vertiefte sich wieder in den „Faust“. Fortsetzung folgt.