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Das jüdische Echo · 1929-08-09 · 19 (9.8.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
19 (9.8.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-08-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS, DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 18. Fortsetzung Mordechai erbebte; er gab dem Wirt einen Stoß, daß jener an die Wand flog. Er hatte Lust, mit dem jungen Polen anzubinden, und wiederholte einige Male: „Wenn man einen versoffenen Vater hat, so hält man ihn zu Hause!“ „Aber Panie, Panie!“ wandte sich der Sohn, der auch halb betrunken war, an die anderen Umstehenden und faßte den Vater untern Arm. „Schieß ihn nieder, schieß ihn nieder!“ lallte der Alte in einem fort und versuchte, sich loszureißen. „Wäre nicht die Hure Esterka gewesen, so hätte Haman schon alle Juden ausgerottet ... Da hätte Abramek keine Schenke hier und die Juden würden nicht das Adelswappen der Karpinskis beleidigen! Wäre nicht die Hure Esterka ...“ Empört verließ Mordechai die Schenke; es gab ihm keine Ruhe, daß der Schwache, wenn ihn der Feind angriff, noch den Kopf beugen, es für Liebe nehmen und dankbar sein mußte. Er haderte mit Gott und konnte nicht begreifen, wo da die Gerechtigkeit war; wenn das Gerechtigkeit sein soll, dann wollte er von solcher Gerechtigkeit nichts wissen. Er wußte nicht, wohin ihn seine Schritte trugen. Er fühlte, daß Schmiel ein Netz um ihn geworfen hatte, das sich von selbst um ihn schlang und in dem er sich immer stärker verfing. Es verdroß ihn, daß er sich so leicht ergeben und nicht einmal versuchte hatte, sich zu wehren. Ärger ergriff ihn, weil er sah, wie alle um ihn wußten, was sie wollten, Boden unter ihren Füßen spürten und ihrer selbst so sicher waren, daß sie alles, was sie unternahmen, ausführten. Nur er, Mordechai, war seiner nie sicher, war bald mit jedermann einverstanden; er fühlte, es fehlte ihm die Anmaßung, sich sicher zu fühlen und selbstzufrieden zu sein, es war ihm stets, als schwebe er in der Luft. Aber obwohl er dadurch sehr litt und sich oft quälte, hätte er doch mit niemandem tauschen wollen; er fühlte — ein Schmiel, sei er noch so erfolgreich, hatte doch nichts als die Fähigkeit eines der Hunderte von Klein- (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin krämern, Maklern und Geldmachern, die von seinem Vater im Walde lebten. Der Letzte Reb Jossel Strahl hielt im Schreiben inne und betrachtete den beschriebenen Bogen mit den runden, hebräischen Lettern und den halbmondförmig gebogenen Zeilen. Er las Zeile um Zeile nochmals durch, setzte da einen Schnörkel und dort eine Schlinge hinzu und war sicher, seine Übersetzung sei nicht schlechter als das Original. Er übersetzte Goethes „Faust“ ins Hebräische; jahrelang arbeitete er schon daran und hatte noch nicht einmal den ersten Teil beendet. Vor ihm lag eine Weimarer Ausgabe, in weiches Leder gebunden. Die dicken, faserig aussehenden Blätter, in die Kronen und Monogramme als Wasserzeichen eingearbeitet waren, waren mit Tabakflecken bedeckt. Reb Jossel nahm einen neuen Bogen, bezeichnete ihn mit roter Tinte als Seite 307 und las im Original weiter. Und als er zu der Stelle kam, wo der Satan den Frauen zuruft: „Für euch sind zwei Dinge Von köstlichem Glanz, da beschloß er, diese Stelle nicht ins Hebräische zu übersetzen; er berief sich darauf, daß sie auch in späteren deutschen Ausgaben weggelassen worden war. Einige Male überlas er die vier Zeilen, lächelte, legte seine silberne Tabaksdose auf das Buch und lehnte sich tiefer in seinen Fauteuil. Er hätte doch nicht auf seine alten Tage heiraten sollen. Hätte er wenigstens ein einfaches Mädchen genommen, so hätte sein Reichtum sie zufriedengestellt. Felicia kann nicht zufrieden sein, sie hat sich ja für die Eltern geopfert. Hätte ihr Vater nicht vor dem Bankerott gestanden, so hätte er ihm nie die Tochter gegeben. Er hat sie damit gekauft, daß er ihres Vaters Schulden bezahlte. Er ist ihr ein Fremder geblieben, das fühlte er, obwohl sie alles tut, was er verlangt. Sie lädt ihn jeden Abend in ihren Salon ein — auch heute wird sie wohl noch kommen —, sie will,

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