Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- Seite 471 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176036--09667-9082576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 31 Das Jüdische Echo 471 triert auf die praktische Arbeit in Palästina. Heute, wo eine neue Generation herangewachsen ist, empfinden wir, daß es an* der Zeit ist, den Zionismus mit erneuter Hingebung als eine Sache der sittlichen Entscheidung vor die jüdische Welt zu bringen. Nach dem, was wir bereits erreicht haben, hat die Entscheidung für oder gegen das Palästinaprogramm an Schärfe verloren. Worauf es ankommt, ist die Gewinnung der Jugend für eine Entscheidung zu ihrer nationalen Verantwortung. Der Zionismus ist der Wille, ein neues Judentum zu schaffen. Aus diesem Grunde muß die Kulturarbeit, das ist der Kampf um die Seele unserer Jugend, in Zukunft einen noch größeren Platz bei uns einnehmen als bisher. Wir haben Anfänge bedeutsamer Art in Palästina, die Entwicklung unserer Universität ist verheißungsvoll, die hebräische Sprache ist dank der aufopfernden Tätigkeit des hebräischen Lehrers zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Aber all dies genügt nicht, es sind erst die Voraussetzungen für ein wirkliches kulturelles Wirken und Schaffen. Die Befürchtung, daß durch die Jewish Agency die Zionistische Organisation überflüssig wird, scheint mir kleinmütig. Der Zionismus hat niemals Garantien seines Bestandes gehabt, er war stets ein großes Wagnis, seine einzige Stütze der feste Glaube der Getreuen. Wenn unser Geist lebendig ist, dann wird aus jeder äußeren Veränderung der Zionismus bereichert und gestählt hervorgehen. Möge dieser Kongreß durch seinen würdigen Verlauf und durch den Ernst seiner Verhandlungen uns dieses große Gefühl der Selbstsicherheit geben, auf dem jedes zionistische Wirken beruht. Das Präsidium des XVI. Zionistenkongresses Zürich, 29. Juli. (JTA.) In der Vormittagssitzung von Montag, den 29. Juli, vollzog der XVI. Zionistenkongreß, der nunmehr im Hause „Zur Kaufleuten“ tagt, die Wahl seines Präsidiums. Zum Präsidenten wurde Nahum Sokolow gewählt. Vizepräsidenten sind Leo Motzkin. M. M. Ussischkin, Leon Reich, (allg. Zion.), Rabbi Meir Berlin und Abgeordneter Farbstein (Misrachi), J. Sprinzak (Hitachduth), Ben Gurion (Achduth Awodah) und Dr. Soskin (Revisionist). Über die Begrüßungen während der Eröffnungssitzung gestern Abend ist noch mitzuteilen: Nachdem der Vizepräsident des Regierungsrates des Kantons Zürich, Streuli, den Kongreß im Namen der schweizerischen Bundesregierung begrüßt und Stadtpräsident Dr. Kloeti den Kongreß namens der Stadt Zürich willkommen hieß, versicherte in kurzer Ansprache der englische Gesandte in Bern, Mr. Russell, den Kongreß der traditionellen Treue Großbritanniens gegenüber dem Palästinamandat. Die englische Regierung fühle sich heute wie bisher an die Balfour-Deklaration gebunden. Auch der stellvertretende Generalsekretär des Völkerbundes Dufour-Feronce und der Sektionschef der diplomatischen Abteilung des Internationalen Arbeitsamtes des Völkerbundes, Weaver, gaben zugleich im Namen des Generalsekretärs Drummond und Albert Thomas ihrer Sympathie für den Zionismus und die jüdische Heimstätte Ausdruck. Der zweite Tag des XVI. Zionistenkongresses Ruppin über Palästina und die Zukunft der Juden Zürich, 29. Juli. (JTA.) Am Montag, vormittag, begannen die eigentlichen Verhandlungen des Kongresses. Nach der Wahl des Kongreßpräsidiums erstattete S. Gronemann den Bericht des Kongreßgerichtes, demzufolge der Kongreß 322 Mitglieder zählt, davon 60 Mitglieder des Aktions- Komitees, 8 Mitglieder der Exekutive und 254 Gewählte. (Als die weitaus stärkste Partei erweisen sich die Allgemeinen Zionisten mit ungefähr 140 Mandaten, Misrachi zählt über 50 Mandate, Hitachduth 43, Poale Zion rund 40, Revisionisten 17, Radikale 11. Das genaue Stärkeverhältnis der Parteien ist noch nicht ganz geklärt.) Das Wort ergreift Dr. Arthur Ruppin zu seinem Referat: „Die Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden“. Er skizziert zunächst die Lage des Judentums in den letzten drei Jahrzehnten. Als positive Momente bezeichnet er die numerische und wirtschaftliche Erstarkung, als negative die Lockerung des Zusammengehörigkeitsgefühls durch Assimilationserscheinungen; die Gefahren der Assimilation sind heute weit größer als früher. Die Hälfte des jüdischen Volkes, das heute etwa 16 Millionen Seelen zählt, lebe außerhalb Osteuropas, in Ländern mit hoher Kultur, 5 Millionen davon allein im englischen Sprachgebiet. Mehr als andere Gemeinschaften leidet das Judentum durch den Rückgang des religiösen Lebens. In Deutschland gehe jeder fünfte, in anderen westlichen Ländern jeder dritte Jude eine Mischehe ein. Die Mischehen sind von starkem Geburtenrückgang begleitet. In den Jahren 1841 bis 1866 entfielen auf tausend Juden in Preußen jährlich 35 Geburten, im Jahre 1926 nur noch 13, während die Verhältniszahl bei den Christen 21 war. Nur in Palästina sei die Geburtenziffer hoch und der natürliche Zuwachs betrage 22 auf 1000. Heute ist der Verfall in den Kern der Judenheit eingedrungen. Das russische Judentum mit 3 Millionen Seelen ist völlig zusammengebrochen. Die jüdische Jugend in der Sowjetunion verliere ihr jüdisches Bewußtsien. Als Mittel gegen den Zerfall kann nur das nationale Zentrum in Palästina dienen. Das palästinensische Judentum muß mindestens 1 Million Seelen stark sein; dieseZahl kann in 20—30jahren erreicht werden. Auch dann werden die Juden in Palästina keine Majorität bilden, aber wir müssen als unseren leitenden Gedanken den aufstellen, daß nicht nur eine Nation in einem Lande als politisch herrschend anerkannt werden kann. Wir glauben, daß unter der Ägide des Völkerbundes die Garantie geschaffen werden muß für ein Zusammenleben zweier Völker in Palästina, wobei die Zahlenfrage keine entscheidende politische Bedeutung hat. Dr. Ruppin legte die wirtschaftlichen Probleme dar und trat für Ausgestaltung und bessere Organi- CONTINENTAL Schreibmaschinen das Fabrikat der Wanderer-Werke A.G. satr's Hauptvertrieb für Südbayern: Joh.Winklhofer&Söhne München 50 Telephon 73844 :: Forstenrieder Str. 53 Reparaturen aller Systeme